* 100x ... hundertmal ... 100x *

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Ich sitze dir gegenüber. Dir gegenüber wie hundertmal zuvor. Ich sehe dir in die Augen. Dir in die Augen wie hundertmal zuvor. Ich möchte die Zeit anhalten. Dich halten wie hundertmal zuvor. Aber für dich dreht sich die Uhr einfach weiter. Dreht sich weiter wie hundertmal zuvor. Ich frage mich, was zu denkst. Frage es wie hundertmal zuvor. Ich überlege, was du siehst. Überlege es wie hundertmal zuvor. Dein Blick ist kalt. So kalt wie niemals zuvor. Dabei brauche ich nichts als Wärme. Deine Wärme wie niemals zuvor. Dann fängst du an zu sprechen. Sprichst wie hundertmal zuvor. Sprichst von dir und nicht von uns. Sprichst von Arbeit und Kollegen und allem, wie hundertmal zuvor. Ich höre dir zu. Höre dir zu wie hundertmal zuvor. Dabei möchte ich dich etwas anderes sagen hören. Möchte es wie hundertmal zuvor. Ich antworte dir. Antworte dir wie hundertmal zuvor. Dabei möchte ich dir etwas ganz anderes sagen. Etwas sagen, wie kein Mal zuvor. Und dich sagen hören, was du noch nie gesagt hast. Kein Mal zuvor gesagt hast. Von dir zu mir über uns. Aber du siehst mich nur an. Siehst mich nur an wie hundertmal zuvor. Als könnte es kein erstes Mal mehr geben. Es ist nur wie hundertmal zuvor. Es ist nicht einmal mehr wie früher. Es ist nicht einmal mehr wie es einmal war. Wie es früher hundertmal war. Wie es einmal hundertmal war. Du siehst mich an, aber du siehst mich nicht mehr. Nicht mehr wie hundertmal zuvor. Du siehst keine Frau, die es wert ist, gesehen zu werden. Angesehen zu werden wie beim ersten Mal und hundertmal danach. Du hast vergessen, was du dieser Frau geben wolltest. Hundertmal und unendlich oft. Für immer hast du gesagt. Hundertmal zuvor. Aber du hast nicht gewusst, wie lang der Weg in die Ewigkeit ist, wenn man keinen Schritt mehr vorwärts geht. Du gehst nur wie hundertmal zuvor. Gehst weiter an mir vorbei. Wie hundertmal zuvor. Und keinen Schritt auf mich zu. Du entfernst dich von mir. Wie hundertmal zuvor. Ich laufe dir nach. Wie hundertmal zuvor. Ich hole dich immer wieder zurück, aber ich hole dich nicht mehr ein. Nicht mehr wie hundertmal zuvor. Du bist mir so nah wie hundertmal zuvor, aber ich vermisse dich wie nie zuvor. Deine Gedanken beschäftigen sich nicht mehr mit mir. Sie sind zu viele, um nur mir zu gelten. Dein Körper sehnt sich nicht mehr nach meinem. Er ist zu müde, um sich bei mir zu erholen. Ich warte auf dich. Wie hundertmal zuvor. Ich warte auf dich und deine Liebe. Warte darauf, sie wieder zu verdienen. Sie zu verdienen wie hundertmal zuvor. Aber ich bin nicht mehr gut genug. Nicht mehr gut genug, sie zu spüren. Wie hundertmal zuvor. Vielleicht hundertmal und nie wieder. Ich habe mich auf dich verlassen. Hundertmal und mehr. Mich darauf verlassen, du würdest mich immer lieben. Aber es war hundertmal und kein Mal mehr. Für immer hat es nicht gereicht. Und jetzt sitze ich dir wieder gegenüber. Dir gegenüber wie hundertmal zuvor. Sehe dir in die Augen, aber mein Blick senkt sich, weil du mich nicht mehr siehst. Schaue zur Uhr, aber will sie nicht mehr anhalten, weil keine Minute mit dir mehr glücklich ist. Will dich nicht mehr sprechen hören, weil keines deiner Worte wahr ist. Will deine Liebe nicht mehr, weil es keine mehr ist. Auch hundertfach nicht einmal mehr. Nicht einmal mehr.

 

 geschrieben am

07. Dez. 2010

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* mein Ich meint mich *

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Ich bin ich.

Ich bin ich, wenn ich hungere.

Ich bin ich, wenn ich esse.

Ich bin mein Ich.

Ich bin mein hungerndes Ich.

Ich bin mein essendes Ich.

Ich bin anders.

Ich bin anders, wenn ich hungere.

Ich bin anders, wenn ich esse. 

Ich bin mein anderes Ich. 

Ich bin mein anderes hungerndes Ich.

Ich bin mein anderes essendes Ich. 

 

Ich bin mein hungerndes Ich, das

anders als mein essendes Ich ist. 

Mein hungerndes Ich, das leise ist.

Mein essendes Ich, das laut ist. 

Mein hungerndes Ich fühlt sich stark.

Mein essendes Ich fühlt sich schwach. 

Mein hungerndes Ich friert.

Mein essendes Ich schwitzt. 

Mein hungerndes ich mag Wärme.

Mein essendes Ich mag Kälte. 

Mein hungerndes Ich zeigt sich.

Mein essendes Ich versteckt sich.

Mein hungerndes Ich fühlt sich ausgeschlossen.

Mein essendes Ich fühlt sich dazugehörig.

Mein hungerndes Ich denkt nur an sich.

Mein essendes Ich denkt für alle mit. 

Mein hungerndes Ich trinkt viel,

um weniger hungern zu müssen.

Mein essendes Ich trinkt weniger,

um mehr essen zu können. 

Mein hungerndes Ich isst was es darf.

Mein essendes Ich isst was es will.

Mein hungerndes Ich hat Bauch-

schmerzen durch Hungergefühl.

Mein essendes Ich hat Bauch-

schmerzen durch Völlegefühl.

Mein hungerndes Ich hat Verstopfung.

Mein essendes Ich hat Durchfall.

Mein hungerndes Ich geht früh ins Bett,

um weniger hungern zu müssen.

Mein essendes Ich geht spät ins Bett,

um mehr essen zu können. 

Mein hungerndes Ich schläft gut.

Mein essendes Ich schläft schlecht. 

Mein hungerndes Ich liebt sich.

Mein essendes Ich hasst sich. 


Ich bin ich.
 

Ich bin ich, wenn ich hungere.

Ich bin ich, wenn ich esse.

Ich bin mein Ich.

Ich bin mein hungerndes Ich.

Ich bin mein essendes Ich.

Ich bin anders.

Ich bin anders, wenn ich hungere.

Ich bin anders, wenn ich esse. 

Ich bin mein anderes Ich. 

Ich bin mein anderes hungerndes Ich.

Ich bin mein anderes essendes Ich. 

 

Mein Ich meint, ich bin anders.

Ich bin anders, meine ich.

Und mein Ich meint mich.

Meint mich, wenn ich hungere.

Meint mich, wenn ich esse.

Denn mein Ich meint mich.

Wenn ich hungere und

wenn ich esse.

Mein Ich meint mich,

wenn es mich hungern lässt,

wenn es mich essen lässt. 

Mein  Ich hungert mich aus.

Mein Ich frisst mich auf.

Mein Ich will mich, sich selbst.

Kein Ich, das hungert.

Kein Ich, das frisst.

Nur ein Ich, das lebt.

Und eins muss sterben.

Ich hungernd oder

Ich essend. 

Ich. 

 

* geschrieben am 17. April 2010 *
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* (Oster)Eier(er)sch(r)ecken *

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Eierschecke und Therapie. Diese beiden Worte standen im Raum und niemand bat sie zu bleiben. Unbemerkt und ungefragt machten sie es sich zwischen uns bequem. Der Kuchen Eierschecke stand in der Mitte des Esstisches und wir saßen drumherum. Das Thema Therapie stand im Raum und wir sprachen drumherum. Fast ein Drittel der Kuchenplatte war bereits leergegessen, während das Thema Therapie noch nicht mal richtig angeschnitten war. Für meine Familie war es der Abend des Ostersonntages, für mich war es der Abend des dritten Fastentages. Für mich waren die Kalorien und das Fett des Kuchens nicht nach meinem Geschmack und für meine Familie war das Gespräch über eine psychische Krankheit geschmacklos. Der Eierschecke hatte meine Mutter die Tür geöffnet. Sie hatte die Ofentür geöffnet und hatte sich von dem warmen süßen Duft verführen lassen. Sie hieß den Kuchen Willkommen. Dabei war es nichts als heiße Umluft. Die Therapie hatte mein Bruder sehr begrüßt. Er hatte das Wort in den Mund genommen und umso mehr davon kam heraus. Er hatte sich dazu hinreißen lassen. Dabei war es nichts als nur ein Vorschlag. Und kein willkommener Schlag, der vorkam. Die Eierschecke und die Therapie. Niemand hatte sie eingeladen, aber niemand wollte unverschämt sein. Niemand wollte ihre Anwesenheit in unseren Köpfen oder ihren Wortlaut in unseren Gesprächen verlängern. Sie standen da und niemand bat ihnen einen Stuhl an, aber jeder stürzte sich auf sie. Ich hätte die Eierschecke am liebsten sofort zurück in den Kühlschrank gestellt, weil sie mich nicht kalt ließ oder hätte sie noch lieber zurück in den Ofen geschoben, um ihre Kalorien zu verbrennen. Und der Therapie hätte ich am liebsten gleich die kalte Schulter gezeigt, um nicht mit ihr warm werden zu müssen. Meine Familie hätte die Eierschecke am liebsten sofort aufgegessen, um sie nicht schlecht werden zu lassen oder hätte noch lieber sofort eine neue in den Ofen geschoben, um nichts anbrennen zu lassen. Entbrannt war aber auch mein Interesse. Ich war Feuer und Flamme, obwohl mir dieses Thema zu heiß wurde. Es war keine zündende Idee, sich in Behandlung zu begeben. Es war nur ein Strohfeuer. Aber eins, dass in Brand gesteckt worden war und für das ich mich erwärmen und an dem ich mich wärmen könnte. Das mir die Wärme spenden könnte, dass ich brauchte, um mich ernst genommen zu fühlen. Denn das war es und das ist es. Aber ich wollte mein Leben nicht Aufarbeiten, während die anderen aufaßen. Nichts noch mal durchkauen oder wiederkäuen. Während sie das dritte Stück aßen, hatte ich seit drei Tagen nichts gegessen. Sie wollten die Eierschecke nicht länger aufbewahren und baten mir ein Stück an. Ich wollte meine Diät nicht wieder abbrechen und sie rieten mir eine Behandlung an. Es war das erste Mal, dass dieses Wort in unserem Hause fiel. Es fiel auf und es fiel weich. Es fiel auf, weil mein Bruder es in den Raum warf und es fiel weich, weil meine Mutter es auffing. Und es gefiel. Es gefiel so gut, dass es immer wieder fiel. Aber es ist verfallen. Seitdem die Eierschecke aufgegessen ist, ist auch die Therapie gegessen. Wie die Haltbarkeit eines Kuchens verfällt, so ist die Wichtigkeit einer Therapie verfallen.

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die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens

wünscht

f r o h e  O s t e r n

und hat euch ein paar Ostereier versteckt, nach einem selbst geschriebenen Konzept

 

Im Frühling, zu Ostern, verändert sich die Natur -

der Weihnachtsmann bekommt eine Osterhasenfigur.

Was im Winter Süßes unter dem Tannenbaum lag,

kriegen jetzt die Kleinsten als Eier am Ostersonntag.

Die Schokolade wurde flüssig und weich,

und kommt dem Abbild des Osterhasen gleich.

Wenn die Schokoladen-Weihnachtsmänner geschmolzen sind,

findet sie als Schokoladenhasen im grünen Gras jedes Kind.

Die roten Wangen sind weg und der dicke Bauch,

das wünscht sich das kleine Kind nun auch.

Es möchte wie der Hase schlanke lange Beine haben,

und nicht nur Schokoladeneier in bunten Farben.

Denn es ist viel zu gut im Suchen von Eiern,

so muss es seine Figur bald verschleiern. 

Es will nicht werden wie der Weihnachtsmann,

obwohl der alles hat und alles kann.

 Das kleine Kind will nun anders sein,

auch wenn es nur ist der schöne Schein.

Es will so sein so wie der braune Hase,

doch der findet das recht schade.

Denn seine Ohren sind ihm viel zu lang,

deswegen stürzte er sich mal von einem Hang.

Er gefällt sich so wenig wie das Kind sich mag,

was immer an den anderen Hasen lag.

Sie reden hässlich und akzeptieren ihn nicht,

dadurch stellte er sich in ein schlechtes Licht.

Es steht nun selbst im Dunkeln, das Kind –

Und glaubt, dass etwas an ihm nicht stimmt.

Es fühlt sich wie der Weihnachtsmann so dick,

das bricht dem jungen Menschen das Genick.

Es hört auf zu trinken und zu essen,

um sich mit den anderen zu messen.

Aber so wie die Schokolade verändert ihre Form,

verändert auch das kleine Kind seine Norm.

Es wird zum Hasen und wird zum Weihnachtsmann -

Sein Körper kämpft ums Überleben wie er kann.

Das Kind wird mal leichter und mal schwerer,

nur sein Leben wird nun immer leerer.

Denn so einfach wie die Schokoladenfiguren ihre Körper ändern,

kann man es nur in Weihnachtsmann- und Osterhasenländern.

 

Ich hoffe, ihr habt viele Schokoladeneier gefunden,

nur im Magen liegen sollen sie euch nicht für Stunden.

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D i e s e r  B l o g  w u r d e

... für einen Tag ...

g e s c h l o s s e n

 und dieser Tag war der 01. April

 

 Die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens

hat euch immer frohe Ostern, frohe Pfingsten, frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr gewünscht - und hat euch jetzt natürlich auch in den April geschickt! Sie entschuldigt sich bei allen, die keinen Spaß verstehen und bedankt sich bei allen, die für jeden Spaß zu haben sind!

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Dieser  Blog  wurde

g e s c h l o s s e n 

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* süße Lüge & bittere Wahrheit *

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Nichts stimmt. Nichts stimmt mehr von dem, was hier steht. Es stimmt alles schon lange nicht mehr. Denn bei mir stimmt etwas nicht. Bei mir stimmt gar nichts mehr. Es sind die ersten sonnigen Frühlingstage, die Licht ins Dunkel bringen. Es ist der wolkenlose Himmel im Frühjahr, der sich nicht länger das Blau herunter lügen lässt. Es sind die milden Temperaturen, die mir den Deckmantel des Schweigens wie ein leichter Windhauch von den Schultern gleiten lassen. Der Mantel, der die Wahrheit verhüllt und meinen Körper enthält. Der Mantel, der mein Wintermantel ist. Der im vergangenen Herbst zu groß war und ich zu dünn. Der jetzt zu klein wird und ich zu dick. Aus dessen schützenden Kokon ich mich einmal wie ein Schmetterling aus seiner Verpuppung lösen und in die Lüfte empor steigen wollte. Aber der Schmetterling ist eine Raupe geblieben und zu schwer zum Fliegen. Der Winter ist gegangen, ohne sich zu verabschieden. Der Frühling ist gekommen, ohne sich vorzustellen. Der Frühling ist zu früh und der Winter war zu lang. Es gab zu viel Futter und zu wenig Wärme. Das Futtern wärmte. Und was im Winter wärmte, macht im Frühling zu schwer zum Fliegen. Das Fett. Die fette Verpuppung. Der fett verpuppte Kokon. Er hält mich auf dem Boden. Er zwingt mich in die Knie. Er macht mich klein. Statt mich aus mir herauskommen zu lassen, stülpt er mich nach innen. Versenkt mich tief in mir selbst und lässt mich nur noch von dort unten auftauchen, um Beute zu verzehren. Beute für die Raupe Nimmersatt. Längst ist sie selbst zur Beute geworden. Gedanken fressen sie auf. Nagen an ihr. Schmerzhafte Gewissensbisse. Leckt ihre Wunden. Leckt sich fett. Und lässt nichts mehr stimmen. Nichts mehr von dem, was hier über mein Gewicht und meine Maße steht. Es stimmt schon lange nicht mehr. Denn bei mir stimmt etwas nicht. Bei mir stimmt gar nichts mehr. Ich war leichtgewichtig und maßvoll gewesen und bin schwergewichtig und maßlos geworden. Das letzte halbe Jahr war leicht, aber ich habe es mir schwer gemacht. Nichts passt. Nichts passt mehr von dem, was ich anziehen möchte. Es passt alles schon lange nicht mehr. Mir passt gar nichts mehr. Denn mir passt etwas nicht und ich weiß nicht, was es ist. Was mich zwischen Essen und Hungern wechseln lässt, was die Waage zwischen Unter- und Übergewicht pendeln lässt, was mich zwischen engen und weiten Kleidern entscheiden lässt. Was die Ursache ist. Die Ursache, dass nichts stimmt. Nichts stimmt mehr von dem, was ich im Spiegel sehe. Der Deckmantel des Schweigens ist mit dem stürmischen Eintreten des Frühlings von meinen Schultern gerissen und davon getragen worden. Hinter mir zu Boden gegangen, nachdem er mir in den Rücken gefallen ist. Der Deckmantel, mein Versteckmantel. Er sagte, er würde die Wahrheit verhüllen und nicht meinen Körper enthüllen. Der Mantel, der mein Wintermantel war. Doch jetzt bin ich entblößt. Zwischen Winter und Frühling. Der Schnee vor meinem Fenster ist geschmolzen und ich sehe auf flaches Land. Auf grauen Stein und grüne Pflanzen. Der Mantel um meinen Körper ist ausgezogen und ich sehe auf nackte Haut. Auf weiße Fettrollen und tiefe Dellen. Ich will mich nicht ansehen müssen, aber ich darf nicht länger wegsehen. Ich versuche, mich mit den Augen einer Fremden zu betrachten, um mir eine objektive Meinung zu bilden. Das ist nicht schwer, denn ich erkenne mich nicht wieder. Ich weiß nicht, wie ich das habe zulassen können und frage mich, ob ich wirklich schon dick bin oder einfach nur normalgewichtig. Ich kann nicht glauben, dass ich mir diese Frage überhaupt stellen muss. Frage mich, ob es eigentlich richtig und gar nicht so sehr falsch ist. Ob es ein gesundes Essverhalten ist oder gerade eins wird. Anstatt eine Antwort darauf zu geben, wandert mein Blick weiter über meine neuen Rundungen und sucht Halt an den letzten Knochenvorsprüngen, die mir bestätigen könnten, dass ich mir noch einen weiteren Fressanfall erlauben kann. Aber was ich sehe, verdirbt den Appetit und stellt alles in Frage. Die Frage, ob ich jemals wieder die Kraft und das Durchhaltevermögen aufbringen kann, um wieder dünn zu werden. Aber diesmal wird bloß dünn nicht mehr gut genug sein. Genauso beschäftigt mich das Gegenteil. Die Frage, ob ich nicht glücklicher wäre, wenn ich endlich damit aufhören würde. Wenn ich nur aufhören könnte. Aber so ertrage ich mich nicht. Ich fühle mich fremd in meinem eigenen Körper. Er fühlt sich ganz anders an. Er ist rund und weich. Er nimmt mir Platz weg und steht mir im Weg. Das bin nicht mehr ich. Ich kann nicht glauben, was passiert ist. Dass es wieder passiert ist. Und dass es so schnell passiert ist. Was schnell passiert, ist das verdecken der nackten Tatsachen. Schnell schlüpfe ich in meinen Schlafanzug. Schlabberlook mit Gummizughose und weitem, langem Oberteil. Ich will keine Kleidung spüren, die mich mich selbst spüren lässt. Keine Kleidung, die mir die Ausmaße meines Körpers bewusst werden lässt. Nichts auf der Haut spüren, was mich einengt. Die weiten Stoffe lassen mich vergessen, dass alles andere eng wird. Es eng wird, noch in diesem Sommer die Raupe schmetterlingsleicht und schmetterlingsgleich werden zu lassen. Ich hülle mich ein. Wieder in eine Decke. Ein Deckmantel des Schweigens, der zuvor ein Wintermantel war. Und fühle mich nicht mehr. Fühle meine körperlichen Grenzen nicht mehr. Ich entferne mich immer mehr von mir selbst. Mein Bild, das ich von mir selbst habe, passt nicht mehr zu dem, was ich sehe. Ich entferne mich von mir und von anderen. Ich kann ihre Umarmungen und Berührungen nicht mehr aushalten. Sie sollen diesen runden, weichen, warmen Körper nicht anfassen. Denn eine meiner größten Ängste dabei ist, jemand könnte bemerken, dass ich zugenommen habe. Würde ich darauf angesprochen werden, würde ich noch im gleichen Moment die nächste Diät beginnen. Aber wie bei allen Betroffenen dieser Erkrankung gibt es keine Bemerkung zu meiner Figur, die ich noch nicht gehört hätte. Und somit bin ich immer und jeder Zeit darauf vorbereitet, mein gestörtes Essverhalten durch Ausreden zu verheimlichen. Würde ich in die Situation geraten, dass jemand die Vermutung äußert, ich hätte zugenommen, würde ich es dennoch nicht abstreiten. Gewichtsveränderungen verleugne ich nur, wenn behauptet wird, ich hätte an Gewicht verloren und es auch der Wahrheit entspricht. Ich könnte nicht zugeben, dass mein gesamtes Denken und mein gesamter Tagesablauf darauf ausgerichtet sind, abzunehmen. Ich würde mich vor anderen schämen, würden sie wissen, wie viel Energie ich in so etwas Unwichtiges investiere. Ich lasse sie in dem Glauben, es sei ganz natürlich für mich, so schlank zu sein und dass es mir keine Anstrengungen abverlangt. Daher würde ich auch nie zugeben, ich hätte mich gehen lassen und mich beim Essen nicht beherrschen können. Wenn jemand meint, zu sehen, ich sei dicker geworden, würde ich natürlich behaupten, es wäre beabsichtigt. Als hätte es mich viel Mühe gekostet und als sei ich stolz darauf. Ich hätte einfach zunehmen müssen, weil ich ja immer viel zu dünn war. Mir ginge es mit dem niedrigen Gewicht ja schließlich nie gut. Als wäre das Untergewicht das Problem und nicht das Übergewicht. Als wäre das zu wenig Essen das Problem und nicht das zu viel Essen.

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* Schokoladen (st) erben *

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Es war ein Dienstagabend im November, der bald zuende gehen wird. Auf der regennassen Fahrbahn spiegelte sich die Straße, wie bald die Leinwand sein Gesicht zeigen wird. Die Stadt lag im Dunkeln, wie seine Seele, die bald dem Licht entgegengehen wird. Der Zug raste so schnell heran, wie bald die Nachricht über seinen Tod verbreitet wird. Bald hätte er keine Angst mehr haben müssen, sein Kind zu verlieren, denn bald hätte er seine Adoptivtochter zugesprochen bekommen. Bald hätte er zu seiner Krankheit stehen können, denn bald hätte er Verständnis für sie bekommen. Aber nun wird bald aus einem Fußballstadion eine Gedenkstätte werden, aus einem Fußballspiel eine Trauerfeier, aus Fußballfans eine Trauergemeinde und aus einem Fußballtrikot ein Trauerflor. Er hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt und doch wird er jetzt auf der Mittellinie liegen. Liegen in der Mitte des Spielfeldes. Liegen in einem Sarg. Seine Mannschaftskollegen werden an seine Seite treten. So, wie sie ihm hätten beistehen müssen, als er sich im Abseits fühlte. Sie werden ihn auf ihre Schultern heben, so wie sie ihn hätten aufrichten müssen, als seine Krankheit ihn brach. Sie werden ihn stützen, so wie sie ihn hätten unterstützen müssen, als ihm nichts mehr eine Stütze war. Sie werden ihn tragen, so wie sie sich hätten vertragen müssen, als der Sport zur tragenden Rolle wurde. Sie werden ihn fort bringen, so wie sie ihm mehr hätten entgegenbringen müssen, als ihm nichts mehr etwas brachte. Sie werden ihn begleiten, wie man nur jemanden begleiten kann, dem man nur noch das letzte Geleit geben kann. Sie weinen um ihn, wie man nur um jemanden weinen kann, von dem man nicht wusste, welch schweres Leid ihm sein Leben war. Sie spielen Musik für ihn, die man nur spielen kann, wenn das Spiel des Lebens ausgespielt ist. Sie singen dieses Lied für ihn, das man nur singen kann, wenn man ahnt, wie unendlich tief der Schmerz war…

 

Liebe ist wie wildes Wasser, das sich durch Felsen zwängt.

Liebe ist so wie ein Messer, das dir im Herzen brennt.

Sie ist süß und sie ist bitter, wie ein Sturmwind und ein Hauch.

Für mich ist sie eine Rose, für dich ein Dornenstrauch.

 

Wer nie weint und niemals trauert, der weiß auch nichts vom Glück.

Wer nur sucht, was ewig dauert, versäumt den Augenblick.

Wer nie nimmt, kann auch nicht geben, und wer sein Leben lang

Immer Angst hat vor dem Sterben, fängt nie zu leben an.

 

Wenn du denkst, du bist verlassen, kein Weg führt aus der Nacht,

fängst du an, die Welt zu hassen, die andere glücklich macht.

Doch vergiss nicht, an dem Zweige dort, der im Schnee beinah erfror,

blüht im Frühling eine Rose und das so schön wie nie zuvor.

 

Er war bekannt für seine sportlichen Erfolge. Er war bekannt für sein soziales Engagement. Er war unbekannt für seine seelische Krankheit. Er war Robert Enke. Robert Enke, der jetzt bekannt ist für seinen Selbstmord und für seine Depressionen. Der jetzt ein Thema zur Sprache bringt, dass er selbst lieber verschwieg. Hoffentlich gibt er damit all den Menschen, die ihre Krankheit still ertragen, eine Stimme. Hoffentlich legt er damit all den Menschen, die ihr Leid nicht klagen, die Worte in den Mund, die er nun nicht mehr aussprechen kann. Hoffentlich gibt er damit all den Menschen, die Schmerzen haben, die Kraft zum Hilferuf. Damit sein Tod nicht umsonst war. Damit nicht nur Robert Enke unvergessen bleibt, sondern mit ihm auch die Kranken nicht, die unter uns sind. Damit Robert Enke ein Vorbild für das Erreichen sportlicher Erfolge bleibt und keins für das Aufgeben gegen eine Krankheit wird. Damit Krankheiten nicht länger totgeschwiegen werden. Denn sie sterben nicht aus, nur weil wir ihnen taub gegenüber werden.

Ich schweige nun seit drei Jahren. So wie Robert Enke geschwiegen hat und nun für immer schweigen wird. Ich werde mein Schweigen nicht brechen, auch wenn ich schon viel gebrochen habe. Ich schweige mich aus und spreche andere an, statt mich auszusprechen und andere anzuschweigen. Denn ich spreche über Ess-Störungen, aber spreche niemals aus, dass ich essgestört bin. Ich rede über sie, aber ich sage nie, dass von mir die Rede ist. Ich erzähle von ihnen, aber ich erwähne nicht, dass ich zu ihnen zähle. Ich höre ihnen zu, aber ich füge nicht hinzu, dass ich dazu gehöre. Obwohl ich sprechen, reden und erzählen möchte, weil es viel darüber zu sagen gibt. Manchmal möchte ich es in die Welt hinaus schreien, anstatt es in mich hineinzufressen. Manchmal möchte ich lieber etwas ausfressen anstatt immer wieder schlucken zu müssen. Manchmal möchte ich nicht länger den Mund halten, sondern mir das Maul darüber reißen. Aber ich könnte es nicht rückgängig machen. Ich könnte es nicht rückgängig machen wie ich einen Fressanfall durch Erbrechen rückgängig machen oder eine Gewichtszunahme durch Gewichtsabnahme rückgängig machen könnte. Die Ess-Störung erlaubt mir, mich nicht entscheiden zu müssen. Sie erlaubt mir, alles rückgängig machen zu können. Mich nicht entscheiden zu müssen zwischen Frau- oder Kindsein und zwischen Essen oder Schlanksein. Ich kann Frau werden, ohne Rundungen und ohne Menstruation. Weil die Ess-Störung die Weiblichkeit rückgängig machen kann. Ich kann Kind bleiben, ohne Pubertät und ohne Sexualität. Weil die Ess-Störung die Kindheit zurückholen kann. Ich kann Schlanksein, ohne zu verzichten und kann Essen, ohne zuzunehmen. Weil die Ess-Störung es ausbrechen oder Hunger erträglich machen kann. Nur das ausgesprochene Wort kann sie nicht zurückgeben wie eine zu kleine Kleidergröße. Die Ess-Störung will sich nicht entscheiden zu müssen. Aber irgendwann stellt sie einen vor die Entscheidung. Die Entscheidung, die Ess-Störung zu verraten, um beraten zu werden. Eine Entscheidung, die man nicht rückgängig machen kann. Und das ist auch besser so, bevor die Ess-Störung selbst eine Entscheidung trifft: Leben oder Tod.

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4 Kommentare 15.3.10 18:12, kommentieren

* Vier-Gänge-Menue *

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 Liebe

!!! Schokoladies und Schokoholics !!!

Die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens bietet euch nun bereits seit über einem Jahr regelmäßig an dieser Stelle etwas Süßes zum Naschen an. Aber während ihr darauf wartet, dass ich wieder ein Stück von meiner Blogschokolade abbreche und an euch zum Probieren weiterreiche, habe ich in meiner kleinen Süßwarenab- teilung meine dort vorrätigen Lebensmittel neu abgeschmeckt und mit frischen Zutaten garniert. Diesmal hat sich das Warten gelohnt, denn ich habe ein ganzes Menue für euch zusammengestellt. Dabei habe ich einige Essensreste der Löschfunktion zum Fraß vorgeworfen. Die Geschmacksrichtung aber habe ich aufgrund des bewährten Rezepts beibehalten. Doch ihr werdet euch auch die eine oder andere appetitliche Süßigkeit mit geschmackvoller Füllung auf der Zunge zergehen lassen können, die bisher noch nicht in aller Munde war.

Auf der nun folgenden Speisekarte ist ein Vier-Gänge-Menue beschrieben, von dem ihr eine frisch zubereitete Kostprobe genießen dürft. Lasst' es euch schmecken, es sind alles abgespeckte und kalorienreduzierte Lightprodukte! Also: All you can eat!

 

... kommt mit auf ...

* die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens *

Euch erwartet ein Geschmackserlebnis!
Setzt euch an meinen reich gedeckten Tisch und lasst euch von mir meine neusten Kreationen auftischen:
 
 die Über... -Seite
Schokoladentafel
Inhaltsstoff/Nährwert
weiße Schokolade
 
Satt gesehen? Dann lass' uns ein paar Kalorien beim Einkaufen verbrennen:
 
der (Schoko)Laden
 
... Nachschlag folgt auf Bestellung ...

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2 Kommentare 7.3.10 17:15, kommentieren

* süße (Un)Schuld *

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Gestern habe ich es ihr gesagt. Gestern, nachdem es wieder passiert ist. Gestern, vor den Tiefkühltruhen und hinter dem Gemüsestand. Zwischen Fertigpizzen und Wassertomaten. Gestern, während Hausfrauen ihre Einkaufslisten abhakten und Rentner ihr Kleingeld abzählten. Gestern, als sie stöhnend einen Karton Waschpulver vom anderen Ende des Ladens zum Einkaufswagen schleppte, anstatt den Einkaufswagen zum Waschpulver zu schieben. Gestern, als ich mich unsicher mit den Hygieneartikeln vertraut machte, anstatt nach irgendwelchen Slipeinlagen oder Tampons zu greifen. Sie führte sich auf wie eine junge Mutter, die zum ersten Mal für ihre kleine Familie den Wochenendeinkauf organisieren würde müssen, mit dem Vorsatz, es ihnen an nichts fehlen zu lassen, während ich mich wie ein dreizehnjähriger Teenager verhielt, der sich zum ersten Mal eine Binde in den jungfräulichen Slip kleben würde müssen, in dem Glauben, ein o.b. würde diese Unschuld nehmen. Unsere Blicke trafen sich, als ich gerade mutig die Hand nach einer großen Vorratspackung SuperPlus-Tampons ausstreckte, während sie zeitgleich nach einem Liter Milch griff. Dabei fiel mir erstmals der Zusammenhang auf, warum Milchprodukte und Menstruationswatte in diesem Geschäft in direkter Nachbarschaft zueinander stehen. Die Milch machts und jetzt kommts dicke: Ohne fette Milcherzeugnisse, die zuhause im Kühlschrank lagern, keine blutigen Zwischenfälle, die in die Hose gehen. Früher war ich ein richtiges Milchmädchen mit regelmäßiger Periode, jetzt bin ich eine falsche Magersüchtige mit unregelmäßiger Amenorrhoe. Früher konnte ich die Uhr danach stellen. Heute könnte ich die Uhr zurückdrehen. Und gestern habe ich es ihr dann gesagt. Gestern, nachdem es wieder passiert ist. Nachdem zum zweiten Mal in diesem Jahr meine Tage eingesetzt haben. Gestern. Nachdem ich zum zweiten Mal hintereinander meine Tage bekommen habe. Gestern. Beim ALDI. Vor den Tiefkühltruhen und hinter dem Gemüsestand, zwischen Fertigpizzen und Wassertomaten lüftete ich eines der letzten Geheimnisse um meine Ess-Störung. Drei Jahre lang habe ich es verheimlicht. Ich wollte Tampons Monat für Monat verschwinden lassen, damit sie sieht, dass ich welche benutze. Ich wollte in ihrem Beisein Monat für Monat neue kaufen, damit sie sieht, dass ich welche brauche. Jetzt benutze und brauche ich wirklich welche. Und jetzt habe ich es ihr gesagt. Gestern. Beim ALDI. Jetzt, wo es nichts mehr zu verbergen gibt. Jetzt, wo ich es hätte für mich behalten können. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie bekommen habe. Gestern. Ganz überraschend hat es angefangen zu bluten und ganz plötzlich hab ich angefangen zu sprechen. Sie hat gesagt, dass sie sich immer vorgestellt hat, es wäre eine Erleichterung, mit dem Kommen der Wechseljahre die Menstruation gehen zu sehen. Und sie hat gesagt, genau so ist es auch. Und als sie damit sagte, keine mehr zu haben, sagte ich, keine mehr gehabt zu haben. Jahrelang nicht. Ich hatte keine Angst vor ihrer Antwort darauf. Ich hatte nur Angst vor ihrer Frage danach. Danach, ob ich nicht endlich aufhören wolle. Aufhören mit dem Hungern. Angst vor der Frage, wie krank ich wohl sei. Aber es kamen keine Fragen. Und so gab es auch keine Antworten. Es gab nur eine Feststellung von ihrer Seite. Sie könne es sich vorstellen. Könne sich denken, dass meine ständigen Diäten Folgen hätten. Ich dachte immer, es wäre eine Folge, die für sie nicht zu akzeptieren sei. Die Folge, unfruchtbar zu sein, Osteoporose zu bekommen, zurückgebildete Geschlechtsorgane zu riskieren, ungeschützt vor Arteriosklerose und Herzinfarkt zu sein. Das sind die Folgen eines gestörten Östrogenhaushalts. Sie kennt nur die Folgen eines unordentlichen Familienhaushalts. Sie weiß gar nichts. Ich weiß, dass sie nichts von dem hört, was ich über das Hungern und Essen sage und doch ist sie nicht taub. Ich weiß, dass sie nichts von dem sieht, was sich vor ihren Augen abspielt und doch ist sie nicht blind. Ich weiß, dass sie nichts von dem versteht, was ich ihr über die Ess-Störung erzähle und doch ist sie nicht dumm. Sie weiß es nicht. Sie weiß gar nichts. Und doch alles über mich.

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6 Kommentare 27.2.10 17:59, kommentieren

* Essen- unser?! *

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Unser Essen im Kühlschrank,

geheiligt werde dein Geschmack.

Das Fett komme, die Zunahme geschehe,

wie am Bauch so auf der Waage.

Unsere täglichen Kalorien gib uns heute

und vergib uns unser Fressen,

 wie auch wir vergeben unserer Maßlosigkeit.

Und führe uns nicht in den Heißhunger,

sondern erlöse uns von dem Appetit.

Denn dein ist die Disziplin und

das Durchhaltevermögen und

die Beherrschung im Hungerstreik.

Amen. 


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3 Kommentare 18.2.10 16:30, kommentieren

* Montag(sMüll) & Freitag(sFressen) *

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Die Müllabfuhr kommt montags. Alle zwei Wochen montags. Das ist selten. Zu selten, um den Mülleimer mit dem Essen zu füllen, das sonst meinen Magen füllen würde. Zu selten, um das Essen nicht wieder herausholen zu können. Mein neues Leben beginnt montags. Alle zwei Wochen montags. Das ist oft. Zu oft, um das Leben mit der Diät durchzuhalten, die sonst immer wieder verschoben würde. Zu oft, um die Diät nicht wieder abbrechen zu können. Mein neues Leben beginnt, wenn die Müllabfuhr kommt und das Essen mitnimmt, das ich in dem neuen Leben nicht mehr essen darf. Die Müllabfuhr kommt, wenn mein neues Leben beginnt und die Diät mitbringt, die ich in dem neuen Leben nicht mehr abbrechen darf. Und das immer montags. Alle zwei Wochen montags eine volle Mülltonne, die geleert werden soll und alle zwei Wochen ein altes Leben, das ein neues werden soll. Eine Mülltonne voller Essensreste, die nicht verdorben sind. Nur Essensreste, die mir die Figur verderben würden. Ein Leben voller Vorsätze, die nicht eingehalten werden. Nur Vorsätze, die mein Gewicht halten würden. In der Nacht von Sonntag auf Montag bringe ich den Müll raus. In der Nacht von Sonntag auf Montag kotze ich mein Leben aus. Im Schlafanzug bringe ich die letzte Mülltüte an die Straße, wo die Tonne zum Abholen bereit steht. Im Schlafanzug kotze ich die letzten Kalorien in die Toilette, wo sie zum Wegspülen bereit liegen. Draußen auf dem Weg zur Mülltonne friere ich vor Scham. Drinnen auf dem Weg zur Toilette schwitze ich vor Anstrengung. Draußen an der Mülltonne verstecke ich die letzte Mülltüte unter denen, die schon in ihr liegen. Drinnen in der Toilette versenke ich die letzten Kalorien unter denen, die schon in ihr schwimmen. In der Nacht von Sonntag auf Montag werfe ich ihn und es weg. Den Müll und das Leben. Beides zusammen. In Tonne und Toilette. Der Sonntag gibt mir den Rest. Sonntags gibt es Lebensreste und Essensreste. Den Rest meines alten Lebens und den Rest seines alten Essens. Sonntags stecke ich alles weg. Stecke alles in Mund und Tonne. Alles muss weg. Durch den Mund in den Magen des Müllschluckers oder durch die Tüte in die Tonne der Müllabfuhr. In der Nacht von Sonntag auf Montag schmeiße ich alles weg. Mein Leben und mein Essen. Mein Leben, weil ich es so nicht mehr leben will und mein Essen, weil ich so nicht mehr essen will. Essen ist mein Leben. Es ist das Essen, das ich nicht mehr will und es ist das Leben, das ich nicht mehr will. Nichts darf übrig bleiben von meinem alten Leben und seinem alten Essen. In der Nacht von Sonntag auf Montag wird alles anders werden. Es sind die letzten Stunden in der Nacht von Sonntag auf Montag. Es sind die letzten Stunden der letzten Nacht in meinem alten Leben. In einer Nacht, in der ich nicht schlafen werde. Nicht schlafen kann, weil mein überfüllter Magen mir die Luft zum Atmen und meinem Herzen den Platz zum Schlagen nimmt. Ich kann nicht stehen, nicht sitzen, nicht liegen. Bis ich umfalle. Bis mich am Montagmorgen der Lärm von dem großen orangefarbenen Laster vor unserem Haus aus dem Kalorienkoma reißt und mich daran erinnert, dass heute der erste Tag meines neuen Lebens ist. Sein soll, weil ich es so nicht mehr will. Sein muss, weil es so nicht weitergehen kann. Der Tag hat gerade erst begonnen und ich bin schon am Ende. Mit ihm sollte ein ganz neues Leben anfangen, aber er beginnt, wie das alte endete. Denn montags kommt die Müllabfuhr. Montags wird mir das Leben genommen. Die Müllabfuhr nimmt es mir. Nimmt es mit. Mein Leben, das das Essen ist. Mein Leben, das ich in die Tonne getreten habe und mein Essen, das ich in die Tonne geworfen habe. Damit am Montag alles anders werden kann. Damit alle zwei Wochen montags alles anders werden kann. Montags kommt die Müllabfuhr. Nimmt den Müll und gibt das Leben. Holt das Essen ab und bringt den Hunger mit. Aber auch im neuen Leben gibt es nicht nur Montage. Es gibt Wochenenden. Wochenenden mit Sonntagen. Sonntage mit Nächten von Sonntag auf Montag. Und vor den Wochenenden und vor den Sonntagen und bevor es wieder Montag wird, gibt es Freitage. Freitage, an denen eingekauft wird. Eingekauft für das Wochenende. Freitags wird eingekauft. Jede Woche Freitag. Der Freitag gibt das Essen und nimmt den Hunger. Der Freitag holt die Diät und bringt den Fressanfall. Freitags wird eingekauft. Jede Woche Freitag. Das ist oft. Zu oft, um das Leben mit der Diät durchzuhalten, die sonst immer wieder verschoben würde. Zu oft, um die Diät wieder abbrechen zu können. Zweimal im Monat eine leere Mülltonne, die Montag in zwei Wochen wieder voll sein wird und zweimal im Monat ein neues Leben, das Montag in zwei Wochen wieder das alte sein wird. Weil es auch im neuen Leben Freitage gibt. Freitage, an denen eingekauft wird. In Läden, in denen es nicht nur Obst und Gemüse gibt. Das Essen, das montags noch in der Mülltonne lag, liegt freitags wieder im Kühlschrank. Und das Essen, das freitags noch im Kühlschrank lag, liegt montags wieder in der Mülltonne. Oder in der Toilette. In Form von Erbrochenem. Oder auf der Waage. In Form von Fettpolstern. Montags kommt die Müllabfuhr und nimmt das Essen. Freitags kommt der Einkauf und bringt es wieder. Montags bei dem Blick auf die Waage bin ich schwerer und freitags bin ich leichter. Montags bei dem Blick in die Tonne bin ich erleichtert und freitags ist es schwerer. Und auch im neuen Leben kommt die Müllabfuhr montags. Alle zwei Wochen montags eine leere Tonne und ein neues Leben. Die Müllabfuhr kommt und bringt ein neues Leben. Und alle zwei Wochen freitags kommt der Einkauf und bringt das alte wieder zurück. Das neue Leben, das freitags wieder ein altes ist oder freitags das alte wird. Und freitags kommt der Einkauf. Und montags kommt die Müllabfuhr. Und dazwischen wird gefressen als ob es kein Morgen gibt. Aber bisher gab es immer ein Erwachen. Am nächsten Morgen, wenn wieder Montag ist. Ein Montag in einem anderen Leben.

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4 Kommentare 9.2.10 16:54, kommentieren

* Tag der Schokolade(nseite) *

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Der zweite Monat im Jahr wird immer ein besonderer für mich sein. Und damit beginnt eigentlich erst mit dem Februar ein neues Jahr für mich. Ein weiteres Jahr mit der Ess-Störung, die im Februar vor drei Jahren entstand. Es war der 05. Februar im Jahre 2007. Ich begann eine harmlose Diät und entwickelte eine ernsthafte Ess-Störung. Sie hat die Hälfte meines Gewichts genommen und die Hälfte meiner Persönlichkeit eingenommen. Sie hat meinen Körper erleichtert und mein Leben erschwert. Heute hat sie drei Jahre in mir überlebt...

Drei Jahre Ess-Störung entstanden aus irgendeiner Diät, um mal eben ein paar Kilos abzunehmen. Drei Jahre Ess-Störung stehen für insgesamt 54kg Gewichtsverlust und insgesamt 22kg Gewichtszunahme, und mindestens genauso viele Gedanken, keine weiteren mehr hinzuzufügen. Drei Jahre Ess-Störung bedeuten Schmerzen vor nagendem Hunger und vor platzendem Magen. Drei Jahre Ess-Störung das heißt, die Krankheit gehört zu mir, wie der Blog zu meinem Leben. Drei Jahre Ess-Störung und das werden nicht die letzten Jahre gewesen sein.

Im Februar beginnt auch ein neues Jahr für die Schokoladenseite. Ein weiteres Jahr mit dem Blog, der im Februar vor einem Jahr eröffnet wurde. Es war der 01. Februar im Jahre 2009.

Ein Jahr Schokoladenseiten entstanden aus irgendeiner Idee, mal eben einen Blog zu eröffnen. Ein Jahr Schokoladenseiten steht für 104 Blogeinträge und mindestens genauso viele Gedanken, keinen weiteren mehr hinzuzufügen. Ein Jahr Schokoladenseiten bedeuten Recherchen für Themen und Hintergrundinformationen. Ein Jahr Schokoladenseiten das heißt, der Blog gehört zu meinem Leben wie die Krankheit zu mir. Ein Jahr Schokoladenseiten und das werden nicht die letzten Seiten gewesen sein.

Süße Seiten in harten Zeiten halten mich und meine Ess-Störung am Leben. Ohne die Ess-Störung gäbe es diesen Blog nicht und vielleicht gäbe es ohne den Blog diese Ess-Störung nicht mehr. Vielleicht hält das eine das andere aufrecht. Aber wichtiger ist, dass ich mich mit meinem Schreiben und ihr mich mit euren Antworten aufrecht haltet. Und heute tut ihr das seit einem Jahr :

 !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!!

01.02. 2009  –   01.02. 2010 

die bittersüße

* Schokoladenseite *

des Lebens

!!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!! ein Jahr !!!

Das war mein erstes Schokoladenjahr. Es war süß wie Milch- und herb wie Bitterschokolade, vielschichtig wie Blätterkrokant und undurchsichtig wie Glasur, hart wie Blockschokolade und weich wie Marzipan. Das sind die Zutaten eines essgestörten Lebens, das an einem klebt wie Nougat und einen verletzt wie Nusssplitter. Ein Leben mit der Ess-Störung, das immer einen unangenehmem Bei- oder Nachgeschmack auf der Zunge hinterlassen wird. Es ist ein Leben mit Geschmacksverirrungen und Appetitlosigkeit, mit Heißhungergefühlen und Fastenzeit. Ein Leben, das du nicht dir, sondern dem Essen widmest. Und Essen, das du nicht dem Überleben, sondern der Völlerei widmest.

Dieses Schokoläum möchte ich als Chocolatier zum appetitlichen Anlass nehmen, um mich recht schokoladig bei all meinen Schokoholics mit einer Schokoladentorte aus zartschmelzenden Worten zu bedanken. All denen möchte ich ein großes Stück abschneiden, die mich durch mein erstes bittersüßes Jahr mit der Schokoladenseite geschmackvoll begleitet haben und mir durch ihre hohen Kakaoanteile zu verstehen gegeben haben, dass ihnen schmeckt, was ich ihnen zubereite. Ich möchte mich bedanken, bei all denen, die mir ihre eigenen Schokoladentafeln als Gastgeschenk in meinem Gästebuch zum Probieren angeboten und süße Kommentare als Dessert zu meinem Schokoladenblog angerührt haben, genauso wie bei denen, die ich als heimliche Mitesser schätze. Vielleicht gelingt mir im nächsten Jahr ein Rezept, mit dem ich auch den Geschmacksnerv dieser stillen Genießer treffe, damit auch wir irgendwann einmal unsere Süßstoffe miteinander austauschen können.

~ D a n k e ~

Danke für das Mitlesen, für das andere sich die Zeit nicht nehmen.

Danke für das Mitgefühl, das andere nicht mehr weitergeben.    

Danke für das Hinsehen, während andere mir den Rücken drehen.

Danke für die richtigen Worte zur rechten Zeit und das geteilte Leid.

Danke für das Verständnis, für das, was sonst niemand versteht.

Danke, dass ihr diesen schweren Weg gemeinsam mit mir geht.

 

Ich hoffe sehr, dass euch meine Genussmittel nicht allzu schwer im Magen liegen, sodass ich euch keine Schonkost auftischen muss und wünsche mir, dass ihr auch weiterhin an meiner (Schokoladen)Seite steht und euch nicht so schnell an ihr sättigt, damit ihr immer noch mit Appetit zum Naschen vorbei kommt!

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10 Kommentare 30.1.10 15:54, kommentieren

??? hört ??? ihr ??? mich ???

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Ich schreie aus dem Innersten – 

Und ihr hört ein Rufen –

Hört ihr mich rufen ?

 

Ich rufe aus tiefster Seele –

Und ihr hört ein Sprechen  –

Hört ihr mich sprechen ?

 

Ich spreche aus blutendem Herzen –

Und ihr hört ein Flüstern  –

Hört ihr mich flüstern ?

 

Ich flüstere aus letzter Kraft –

Und ihr hört ein Schweigen –

Hört ihr mich schweigen ?

 

Ihr hört sie - die Schreie, die Rufe –

Und die Sprache, das Flüstern –

Aber hört ihr auch mich ?

 

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- written by -

Schokoladenseite

- 12.04. 2008 -

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4 Kommentare 19.1.10 16:27, kommentieren

Dicker als Blut? Dick genug zum Bluten!

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Ich glaube, ich werde nicht sterben. Nicht an der Ess-Störung. Nicht an der Magersucht. Dafür bin ich nicht mager genug und die Sucht nicht stark genug. Ich glaube, vorher sterbe ich an Überfettung und am Überessen. Denn ich esse wieder übermäßig fett und übermäßig viel. Die Kraft meines Körpers, mich immer wieder zum Essen zu bringen, um überleben zu können, scheint größer, als die Sehnsucht meiner Seele, mich immer weniger werden zu lassen. Es muss der panische Überlebenskampf meines Innersten sein, denn ich äußerlich nur als überwältigenden Heißhunger wahrnehme. Ein ohrenbetäubender innerlicher Schrei, der äußerlich ein überhörbares Flüstern ist. Von außen betrachtet ist es einfach nur unstillbares Verlangen, das mich erstmals wieder essen lässt. Aber von innen gesehen scheint es der verzweifelte Drang eines ausgezehrten Organismus zu sein, mehr Energie einzufordern. Eigentlich ist es einfach nur essen, um zu überleben. Aber es ist leben geworden, um sich zu überessen. Ein Leben, das im Oktober das Licht der Nahrungsvielfalt erblickte. Nennen wir das Kind beim Namen: Es war der Heißhunger, der geboren wurde. Er wurde von meinem diätisch orientierten Essverhalten gezeugt und entwickelte in meinem Bauch einen ausgewachsenen Appetit. Ich aß nicht anders und nichts anderes, aber ich aß immer mehr und immer öfter. Die Portionen wurden größer und ich wurde schwerer. Bald konnte ich mich nicht mehr wiegen, weil mein Magen einfach immer gefüllt war. Diese Auszeit vom Wiegen und vom Hungern tat gut. Es konnte ja keinen Schaden anrichten. Es war nur Obst, das ich aß. Aber es war zu viel Obst für zu wenig Körper. Zu viel Energie für zu wenig Bedarf. Das Zuviel an Obst machte mehr aus meinem Körper. Als ich eines Morgens meinen Bauch leer glaubte, musste ich feststellen, dass vielleicht mein Bauch leer, aber meine Fettreserven es nicht mehr waren. Mein Körper hatte das Obst in mir zu Fett gewandelt und mich fett verwandelt. Heimlich hatte er sich Winterspeck zugelegt und sich damit mit mir angelegt. Drei Kilo hatten mir die vollen Obstschüsseln eingebracht, von denen ich mich ausschließlich ernährt hatte. Dass eine Zunahme durch gesunde Rohkost überhaupt möglich ist, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, so lange ich mich daran sättigen würde, könnte ich Fressanfällen vorbeugen. Dass es sich jedoch längst um Fressanfälle gehandelt hatte, wird mir erst jetzt im Nachhinein bewusst. Das Zunehmen akzeptierte und ignorierte ich irgendwie. Ich akzeptierte es, weil es eine gesunde Zunahme war und ich ignorierte es, weil eine unerwartete Niederlage war. Wenn ich von Obst zunahm, war es leichter zu akzeptieren, als wäre es durch Süßigkeiten dazu gekommen. Aber es war frustrierend, weil ich bisher davon abgenommen hatte, wodurch es besser zu ignorieren war. Das Weihnachtsfest machte es meinem Körper dann ganz einfach. Er musste nicht mehr aus Obst Fett machen, sondern konnte das Fett aus dem Essen direkt in die Fettzellen schleusen. Zehn Kilo Fett. Mit zehn Kilo mehr gehe ich ins neue Jahr. Vor drei Monaten blickte ich noch auf mein niedrigstes Gewicht auf der Waage, heute sehe ich schon auf den rotbraunen Blutfleck in meiner Unterwäsche. Ich bin so dick geworden, dass es mich gleich wieder zur Frau gemacht hat. Ich habe meine Menstruation. Für dich wären die paar Tropfen eine kleine normale Zwischenblutung, für mich ist dieses Blutbad eine große entsetzliche Katastrophe. Zu bluten ist für mich der unangenehme Beweis, dass es jetzt soweit ist. Dass ich mittlerweile so viel Fett angesetzt habe, dass meine Hormone wieder einen Zyklus in Gang gesetzt haben. Vor genau einem Jahr hatte ich das letzte Mal meine Tage. Ich hatte schon fast vergessen, dass sie eigentlich zu meinem Leben als Frau gehören sollten. Ihr Einsetzen heißt nicht, dass meine Hormonproduktion einen regelmäßigen Zyklus aufrechterhalten kann. Aber diese Tatsache ist eigentlich eine der wichtigsten Argumente, mich sofort wieder auszuhungern, um mich zu entweiblichen. Ich habe nämlich nicht vor, jetzt wieder einmal monatlich diesen wenig erfreulichen Teil der Weiblichkeit zu zulassen. Mich mit Stimmungsschwankungen und Menstruationsbeschwerden zu belasten. Jetzt, wo ich wieder so weibliche Rundungen habe, dass sie mich sogar wieder fruchtbar machen, frage ich mich ernsthaft, was noch alles passieren muss, damit ich endlich wieder einen Grund zum Abnehmen sehe. Im Spiegel sehe ich ihn nicht, aber auf der Anzeige der Waage. Das scheint selbst meine Mutter einzusehen. Meine Mutter sagt, so dünn sah ich elend aus. Jetzt sagt sie, hätte ich wieder Grund abzunehmen. Von den zwei Wochen, die das Jahr nun alt ist, haben mich an sieben Tagen Fressanfälle überwältigt. Das ist kein Zeichen dafür, dass es mir schlecht geht. Mir ist nur vom Essen schlecht. Mir selbst geht es gut. Aber es gibt immer einen Grund, sich schlecht genug zu fühlen, um fressen zu können. Und jedes Mal fresse ich mehr, weil es jedes Mal das letzte Mal sein soll. Jedes Mal muss ich alles aufessen, damit es kein nächstes Mal geben kann. Aber noch bevor das nächste Mal ist, kaufe ich wieder alles dafür ein. Ich stelle es mir jedes Mal so leicht vor, den Hunger einfach auszuhalten. Ich freue mich fast auf die Leere in mir. Aber wenn der Hunger nicht nur ein Zeichen von einem leeren Bauch ist, sondern von leeren Energiereserven und der Hunger beginnt, wie ein rauer Stock auf dem Grund des Magens sich in die Eingeweide zu bohren und schmerzhaft an ihnen zu reißen anfängt, wird nicht nur der Körper schwach. Sieben Tage hielt ich aus. Aber es waren Qualen, die nicht belohnt wurden. Mein Gewicht ist unbeeindruckt. Vor lauter Verzweiflung habe ich sogar schon in Erwägung gezogen, es einfach nur noch zu halten. Aber ich kann es nicht. Ich kann nur zunehmen oder abnehmen. Abnehmen, um wieder zunehmen zu dürfen und zunehmen, um wieder abnehmen zu müssen. Es ist immer nur der Weg, der das Ziel ist. Aber ich komme niemals an. Ich komme niemals bei mir selbst an.

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* Leb(kuch)ensgeschichte *

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Und das wars. Das war 2009. Das war das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Das waren die Jahre, in denen ich erwachsen wurde. Das Erwachsenwerden mit der Ess-Störung. Und nun ist es das Leben mit ihr. Es ist an der Zeit, zurückzusehen, auf das, was war und wie es zu dem wurde, was es ist. Zu einer Ess-Störung. Zu dem essgestörten Verhalten, dass mich über drei Jahre verteilt zusammen gezählt insgesamt 54kg abnehmen und insgesamt 22kg wieder zunehmen ließ. Und das ist noch nicht das Endergebnis...
 
 

1999     Schulwechsel und Wiederholung der achten Klasse

2000     Kontaktabbruch zur letzten und einzigen Freundin

2001     die bislang größte Liebe des Lebens zu einem Lehrer

2002     Schulabschluss mit mittlerer Reife dank eines bürokrat-

ischen Fehlers

2003     Ausbildungsplatz abgelehnt, berufliche Orientierung

durch Praktika

2004     Beginn der dreijährigen Ausbildung zur examinierten

Altenpflegerin

2005     Gewichtszunahme wird erstmals durch Einreißen der

Haut sichtbar

2006     Abbruch eines Praktikums im Krankenhaus nach

Mobbing

2007     Eintritt in die Berufstätigkeit nach bestandenem Ex-

amen. Abnahme von 40kg in acht Monaten durch

Entstehung der Ess-Störung. Anschließende Zunah-

me von 10kg in zwei Monaten durch Einsetzen erster

Fressanfälle.

2008    erste Versuche, Gewicht zu halten. Hunger- und Fress-

phasen wechseln. Zunahme von 5kg durch Verzicht auf

Gewichtskontrollen. Beginn zweiter anorektischer Phase,

Abnahme von 7kg.

2009    anhaltende anorektische Phase, Gewichtsverlust von

weiteren 7kg. Erreichen des bisher niedrigsten Gewichts.

Zunahme von 7kg bis Ende des Jahres durch größere

(gesunde) Mahlzeiten. 

2010     Ich habe keinen Vorsatz gefasst, was ich im nächsten

Jahr um diese Zeit in diese Zeile schreiben möchte. Ich

glaube, wenn man essgestört ist, wird das ganze Leben

zu einem einzigen Vorsatz. Das vorsätzliche Weniger-

werden von Essen und von einem selbst. Vielleicht wäre

es da Vorsatz genug für alle Essgestörten, vorsätzlich

keine Vorsätze mehr zu machen.


Das ist der Rückblick auf zehn Jahre eines jungen Lebens, das von vielen hätte gelebt werden können. Ein Lebenslauf vom fünfzehnten bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr, den viele hätten aufstellen können. Die Worte hinter den Jahreszahlen könnten Überschriften für Kapitel eines Buch sein, das von vielen hätte verfassen können. Ein Tagebuch vielleicht, das viele hätten schreiben können. Das eines jungen Mädchens, das viele hätten sein können. Eines normalen Mädchens, das wie viele andere ist und ein Leben lebt, das viele andere haben. Es ist das Erwachsenwerden von vielen. Deins hätte es gewesen sein können. Es ist ein Mädchen von vielen. Du hättest es gewesen sein können. Du hättest das Mädchen sein können, deren schulische Leistungen mit fünfzehn Jahren nachließen, weil es andere Interessen zu entwickeln begann, wie jedes andere Mädchen ihres Alters auch. Das Mädchen, das wie jedes andere öfter in den Spiegel sah als in seine Schulbücher und wie jeder junge Mensch nur den nächsten Tag plante anstatt seine eigene Zukunft. Es musste erstmals die Folgen seines Handelns selbst tragen lernen, nachdem es nicht in die nächste Klassenstufe versetzt worden war und das Schuljahr wiederholen musste, wie viele andere seines Jahrgangs auch. Das Mädchen entschied, die Schule zu wechseln, um nicht wieder von den gleichen Lehrern beurteilt zu werden, wie jede andere Schülerin. Es merkt, dass der Neuanfang es selbständiger macht, wie vieles andere auch. Aber es ist nur ein unbedeutender Schritt zum Erwachsenwerden unter vielen. Dann kündigt das Mädchen irgendwann seiner besten und einzigen Freundin nach 15 Jahren die Freundschaft, wie es viele machen und weiß später nicht einmal mehr, warum. Bis heute hat es keine neue gefunden, obwohl viele andere es werden wollten. Das Mädchen ist lieber allein und möchte auch nichts anderes mehr sein. Die neue Schule ist eine von vieren in der Stadt. Dort gibt es einen Lehrer unter vielen, der sein Deutschlehrer wird. Das Mädchen spürt sofort, dass dieser eine nicht einer von vielen für sie bleiben wird. Bald verliebt es sich in ihn, wie es vielen jungen Mädchen passiert. Es schämt sich für seine kindlichen Schwärmereien, wie für vieles andere auch. Doch noch Jahre später merkt es, dass es seinen ehemaligen Lehrer noch immer liebt, wie keinen anderen zuvor und danach. Es war die Liebe seines jungen Lebens, wie nur wenige sie kennenlernen dürfen. Das junge Mädchen ist nun siebzehn, wie viele andere jetzt auch. Es wird bald erwachsen sein, wie viele andere es auch sind. Nur es fühlt sich nicht so wie viele andere. Das Mädchen macht seinen Realschulabschluss, wie viele andere mit ihr, nur, dass sein Notendurchschnitt dafür eigentlich nicht reicht, wie bei vielen anderen auch nicht. Seine Lehrer haben es zu spät bemerkt, wie vieles andere auch und müssen nachträglich Zensuren auf seinem Zeugnis besser machen, als sie eigentlich waren. Denn um das Mädchen noch durchfallen zu lassen, war es längst zu spät, wie für vieles andere auch. Es lässt seine Schulzeit nun hinter sich, wie viele andere Schüler, und glaubt, wie alle anderen, die Welt stünde ihm offen, wie so vielen anderen auch. Aber diese Welt wird dem Mädchen zu groß, wie vieles andere auch und es weiß nicht, was seine Welt werden soll. Das Arbeitsamt sagt, es muss die Welt der Arbeit werden, wo all die anderen sind. Aber es fühlt sich nicht fähig, sich für einen Beruf zu entscheiden, den viele andere ergriffen haben und eine Ausbildung zu beginnen, wo sie auf viele andere trifft. Das Mädchen hat Angst, wie vor vielem anderen auch, zuwenig Zeit für sich selbst zu haben, wie für vieles andere, und Angst, wie viele andere vor allem Neuen und allen Neuen. Deswegen sagt es wie viele andere Auszubildende kurz vor Antritt der Ausbildung zur Friseurin eine Lehrstelle von vielen ab. Aber die Erleichterung ist wie vieles andere nur von kurzer Dauer. Dem Mädchen gibt man keine Zeit, wie für vieles andere nicht, seine eigenen beruflichen Perspektiven zu entwickeln und drängt es, wie zu vielem anderen auch, in ein Praktikum nach dem anderen. Es macht, wie vieles andere, wie immer, was von ihm erwartet wird und bekommt dadurch, wie durch vieles andere, das Angebot, eine examinierte Altenpflegerin von vielen zu werden. Drei Jahre lang macht das Mädchen, das eigentlich schon eine junge Frau unter vielen anderen sein sollte, diese Ausbildung mit vielen anderen zusammen. Erstmals wird ihm deutlich, wie vieles andere auch zu diesem Zeitpunkt, dass es anders ist als all die anderen dort. Es kann sich nicht wie viele andere für das interessieren, was all die anderen beschäftigt. Das Mädchen wird nicht gemocht, wie nur wenige andere, weil es nichts zu dem zu sagen hat, über dass die vielen anderen sprechen. Die Themen der anderen sind ihm kein Wort wert, wie vieles andere von ihnen ihm nichts wert ist. Sie denken, es sei arrogant, wie viele andere Tussis, dabei ist es nur so schüchtern, wie viele, die sich nichts zu sagen trauen. An einem Tag wie viele andere bemerkt das Mädchen auf einmal rote Striche auf seinem Bauch, wie viele Schwangere sie haben. Es ist nicht schwanger, wie andere, sondern wird nur dicker wie alle anderen Menschen, die zu gerne zu viel essen. Seine Haut reißt ein, wie es bei vielen anderen rote Spuren hinterlässt. Das Mädchen kann sich dies wie vieles andere nicht erklären und verdrängt es wie alles andere auch. Es betrachtet sich nicht mehr nackt, wie viele andere, die ihren Körper nicht mögen. Aber zwei Jahre später kommt wieder solch ein Tag, wie es schon viele von ihnen gab, der ihm deutlich macht, wie nichts zuvor, dass es immer dicker wird, wie viele andere übergewichtige Menschen auch. Das Mädchen will weniger essen, weniger als alle anderen, aber es glaubt wie viele andere nicht an sich selbst. Es versucht abzunehmen, wie so viele andere es auch wollen, aber es ist besser darin als alle anderen und es wird immer besser als all die anderen es jemals sein könnten. Vorher war das Mädchen eins unter vielen, bis es eine Diät von vielen begann. Es konnte sie besser durchhalten als es die anderen können und wurde so dünn, dass alle anderen es beneideten. Das Mädchen wurde einzigartig. Einzigartig unter all denen, die es auch gern wären. Bis es nicht mehr die Beste im Abnehmen war, wie keine andere zuvor, sondern wieder nur eine von vielen wurde. Eine von vielen, die abnehmen wollte, wie viele andere vor ihm auch, doch nicht mehr aufhören konnte, zu hungern, wie vorher nicht mit dem Essen aufhören zu können. Und heute ist es schon wieder nur eins von vielen. Ein Mädchen unter vielen essgestörten Mädchen. Du hättest es sein können, dieses Mädchen, das essgestört wurde. Auch, wenn ich es war. Denn Ess-Störungen treffen nicht nur viele andere, sondern viele andere Ess-Störungen treffen auch dich. Auch wenn sie mich getroffen haben. Aber jetzt treffe ich dich hier und sage dir, du solltest dich nie auf solch ein Treffen einlassen. Die Ess-Störung könnte dich treffen. Und das mitten ins Herz.

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... die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens wünscht ...

allen ab und zu Abnehmenden und Zunehmenden eine abnehmende Bereitschaft zum Hungern und Fressen und eine zunehmende Besserung des Essverhaltens.

Lasst uns versuchen, uns anzunehmen, wie wir sind, statt abzunehmen, was wir haben und gegen die Ess-Störung anzugehen und sie abzulehnen. Es steht uns zu, mehr Raum einzunehmen, statt unseren Körper weiter auszunehmen.

... ein leicht(gewichtig)es und unbeschwertes neues Jahr ...

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7 Kommentare 30.12.09 17:33, kommentieren

* (ess) gestörte (Weih)Nacht *

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Sie wacht auf, obwohl sie nicht geschlafen hat. Es ist der Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers, auch wenn es noch dunkel ist. Sie liegt mit geschlossenen Augen regungslos da, obwohl sie nicht müde ist. Sie horcht in die Stille hinein, auch wenn es noch ruhig ist. Sie hört nur ihr Herz gegen die Rippenbögen klopfen, obwohl sie herzlos ist. Langsam dreht sie sich auf den Rücken, auch wenn sie kein Rückgrat hat. Es strengt sie an, obwohl sie stark ist. Ihre Muskeln sind geschwächt, auch wenn sie hart trainiert und ihre Knochen schmerzen, obwohl sie nicht gebrochen sind. Ihr ist kalt, auch wenn die Heizung an ist. Sie zieht die Beine und die Decke enger an den Körper, obwohl er sie nicht mehr wärmen kann. Ihre rauen Hände ertasten eine Figur, die nur noch ein Skelett ist. Sie fühlt weiches Gewebe, wo nur noch harte Konturen sind. Fingerspitzen, die Fleisch suchen und Knochen finden. Sie spürt Fett, wo nur noch Organe sind. Jetzt weiß sie, wofür sie heute hungern wird. Nun hat sie eine Aufgabe, die sie niemals aufgeben wird. Sie wird weiter abnehmen, auch wenn sie ihr Ziel schon erreicht hat. Sie hat etwas, was sie erfüllt, obwohl sie nichts mehr ausfüllt. Sie ist einen Moment lang glücklich, weil sie merkt, dass sie sich verändern kann und einen Moment lang enttäuscht, weil sie merkt, dass sie sich verändert hat. Aber der Gewinn aus all dem ist größer als der Verlust. Sie hat es schwer, obwohl sie es leicht haben könnte. Sie glaubt, dass sie schwer ist, auch wenn sie leicht ist. Viel zu leicht ist, weil sie das Leben zu schwer nimmt. Leichtfüßig aber schwermütig setzt sie sich auf die Bettkante, obwohl ihr schwindelig wird. Noch ist der Tag erst wenige Stunden alt, auch wenn es bereits Morgen ist. Noch ist alles offen, obwohl sie innerlich schon zugemacht hat. Noch hat sie den Tag nicht begonnen, auch wenn sie längst wach ist. Noch bevor sie mit dem falschen Fuß aufstehen kann, plant sie seinen Ablauf, obwohl er immer gleich ist. Sie tritt ans Fenster heran, um die Jalousien hochzuziehen, auch wenn es noch kein Tageslicht gibt. Sie sieht zu einem grauen Winterhimmel hinauf, obwohl sie den Kopf lieber hängen lässt. Dann geht es zum Spiegel, auch wenn sie sich nicht gern sieht. Sie begutachtet ihre Haut, obwohl sie sich selbst nicht gut findet und auch wenn nicht achtet. Nun befindet sie sich auf der Toilette, obwohl sie nicht muss. Sie will ihren Darm und ihre Blase entleeren, auch wenn sie nichts gegessen und nichts getrunken hat. Sie will überschüssigen Ballast loswerden, obwohl sie eigentlich nur sich selbst loswerden will. Anschließend zieht sie sich aus, auch wenn sie friert und obwohl sie nicht nackt sein will. Sie wiegt zu viel, auch wenn sie bloß noch Haut und Knochen ist. Und doch fühlt sie sich von ihrem Aussehen bloßgestellt. Sie betrachtet ihren Körper, obwohl er kaum noch als solcher zu erkennen ist. Sie wäscht ihn, als wäre er ein schmutziges Stück, das an ihr klebt, aber nicht zu ihr gehört. Er lässt sich nicht abwaschen. Sie hüllt ihn in weite Kleider, auch wenn er sowieso kaum noch sichtbar ist. Sie will in ihnen verschwinden. Sich verstecken. In der Küche ist es noch dunkel, obwohl ihr Vater bereits aufgestanden ist. Er ist sparsam, er macht kein Licht, auch wenn er viel verdient. Mit dem Rad ist er unterwegs, ob Schnee liegt oder Glatteis ist. Er ist sportlich, obwohl er viel isst. Er holt die Brötchen. Wie jeden Morgen. Sie schaltet die Lichterketten ein, mit denen sie das Haus weihnachtlich geschmückt hat. Sie mag es, wenn alles schöner aussieht, als es ist. Leise deckt sie den Tisch. Wie immer. Mehr für die anderen als für sich. Sie isst nicht genug, als dass es sich lohnen würde. Sie will morgens die Erste sein, obwohl sie das Letzte ist. Sie sucht die roten Servierten heraus, auch wenn niemand sie benutzen wird. Sie legt jedem eine auf das Frühstücksbrett und neben das Messer einen Schokoladenweihnachtsmann, obwohl es ihnen nichts bedeuten wird. Sie möchte ihnen ein schönes Fest bereiten und glaubt, dass Essen ihnen dabei wichtig ist. So wichtig, wie es ihr wäre, würde sie es sich erlauben. Sie öffnet den Kühlschrank, um Mamas Brombeermarmelade, Papas Erdbeermarmelade und Ts Nutella bereitzustellen, auch wenn sie noch im Bett sind. Sie möchte, dass sie in Ruhe ihr Frühstück genießen können, ohne noch einmal aufstehen zu müssen, weil etwas fehlt. Sie will nicht, dass es ihnen an etwas fehlt. Sie fühlt sich mehr als Gastgeberin als als Tochter. Sie ist sehr aufmerksam dem Essverhalten anderen gegenüber, obwohl sie nicht mit ihnen zusammen isst. Sie mag es zu wissen, wer was am liebsten hat. Sie selbst würde heute am liebsten gar nichts essen, auch wenn ihr Magen knurrt. Auch wenn sie glaubt, keinen Hunger zu haben. Auch wenn sie denkt, keinen zu spüren. Denn sie weiß nicht, was der Abend bringt, obwohl sie es ahnt. Einen Fressanfall, dem sie verfällt.

Während ihre Familie bei Kaffee und Kuchen vor dem Kamin beisammen sitzt, steht sie bei Musik vor dem Spiegel. Sie mag sich nicht zeigen, so wie sie ist. Sie denkt, sie ist niemand. Sie legt WeihnachtsCDs und Make-up auf, obwohl sie sich nicht gern schminkt, weil es zeitaufwendig ist. Sie ist zu hässlich, als das es schnell gehen könnte. Sie muss zuviel verdecken, auch wenn sie am liebsten natürlich bleiben möchte. Sie will sich übermalen. Einen Moment lang fühlt sie sich schön, obwohl sie weiß, dass es nicht so ist. Sie findet sich nur so lange schön, so lange sie alleine ist, auch wenn sie viel alleine ist. Sobald sie unter Menschen geht, vergleicht sie sich mit ihnen, obwohl sie unvergleichlich sein will. Sie fängt an zu singen, obwohl sie es nicht kann und hofft, dass es jemand hört, der es hören mag, auch wenn es ihr unangenehm wäre, würde es jemand hören und hören wollen. Ihr schmerzt der Hals vom falschen Singen, auch wenn es sie fröhlich stimmt. Am späten Nachmittag setzt sie sich zu ihrer Familie ins Auto, obwohl sie lieber zuhause bleiben würde. Es geht in die Kirche, obwohl niemand von ihnen gläubig ist. Ihr Bruder sitzt neben ihr auf der Rückbank, auch wenn er schon zu alt ist, um mit seinen Eltern zu feiern. Er könnte selbst Familie haben. Sie mag ihm nicht in die Augen sehen, weil sie sich zu hässlich findet, um ihm unter die Augen zu treten, obwohl er nie etwas über sie sagt. Sie weiß nicht, ob er sie hübsch findet. Sie weiß nichts von ihm. Und will auch nichts wissen, weil er das schönere Leben hat, auch wenn sie mehr erreicht hat. Etwas zu erreichen, ist nicht immer positiv, obwohl es einen erfahren macht. Erfahrungen sind nicht immer schön. Die Fahrt über dreht sie den Kopf zum Fenster und starrt in die Dunkelheit, obwohl sie gern im Licht stünde. Sie erfreut sich an der Weihnachtsdekoration in den Straßen, auch wenn sie wenig Grund zur Freude hat. Sie schweigt, obwohl sie viel zu sagen hätte. Sie glaubt, dass es niemanden interessiert, weil sie sich auch nicht für andere interessiert. Die letzten Meter gehen sie zu Fuß, auch wenn sie die Einzige ist, die Kalorien verbrauchen will. Und muss. Ihr Vater und ihr Bruder eilen mit großen Schritten voraus, obwohl Zeit genug ist. Sie bleibt aus Höflichkeit neben ihrer Mutter, die Angst vor unbeleuchteten Wegen und überfrorener Nässe hat, auch wenn sie nicht blind ist. Sie sieht trotzdem nicht, was vor ihren Augen geschieht. Mit ihrer Tochter. Die auf ihre Mutter aufpasst, wie auf sie selbst aufgepasst werden müsste. Sie stützt ihre Mutter so, wie sie selbst gestützt werden sollte. Gemeinsam fluchen sie beide über die Rücksichtslosigkeit von Vater und Bruder, obwohl sie lieber ohne die Beiden sind. Für sie könnte die Strecke nicht lang genug sein, auch wenn sie sich nicht gern bewegt. Sie genießt den Schutz der Dunkelheit, in der sie unbemerkt bleiben kann. In der Kirche sind nur noch wenige Plätze frei, obwohl es noch früh ist. Jedes Jahr nehmen sie sich vor, rechtzeitig dazusein, auch wenn sie es nie sind. Ihre Familie läuft hektisch wie bei einem Theaterbesuch zwischen den Reihen umher, um die besten Plätze ausfindig zu machen, auch wenn es beim Gottesdienst nichts zu sehen gibt. Sie hofft nur still, dass sie selbst nicht gefunden wird, von jemandem, der sie kennt, obwohl sie unbekannt ist. Sie will nicht auffallen, auch wenn sie auffallend dünn ist. Irgendwann setzen sie sich und tauchen damit in der Menge unter. Sie mag es, unterzutauchen, obwohl sie lieber auftauchen würde. Aus den Tiefen ihrer Ängste. Jetzt wird ihr langsam wohler, auch wenn sie nicht gern zwischen Fremden sitzt. Sie fühlt sich sicher in der Menge, weil der Einzelne nicht mehr auffällt. Obwohl sie einzeln ist. Vorsichtig schaut sie sich um, ob da jemand ist, dem sie lieber nicht begegnen möchte, auch wenn sie lieber reglos sitzen bleiben würde. Erleichtert richtet sie ihren Blick wieder dem Altar zu und hofft einmal mehr, sie wäre gläubig, obwohl sie an nichts mehr glaubt. Sie hätte gern die Gewissheit, Gott würde sie auf ihrem Weg begleiten, sei er noch so unwegsam. Sie hätte gern die Sicherheit, Gott hätte einen Plan für ihr Leben, sei er auch noch so wenig lebenswert. Sie fühlt sich kleiner werden und in sich zusammen sinken, auch wenn es hier groß genug ist und der Glaube Auftrieb gibt. Sie ist voller Erfurcht, obwohl sie sich immer fürchtet. Sie betrachtet den ans Kreuz genagelten Jesus, auch wenn sie sein Abbild schon kennt. Seine blutenden Hände und Füße erinnern sie an ihre eigenen aufgeritzten Arme, obwohl sie den Gedanken verdrängt. Ihr selbstverletzendes Verhalten kommt ihr gegen sein fremd verschuldetes Leiden wie ein sanftes Streicheln vor, auch wenn ihre Wunden noch immer schmerzen. Die Pastorin fordert zum Gebet auf, obwohl jeder den Ablauf kennt. Sie legt ihre Hände in den Schoß, auch wenn sie dort ihr Fett spürt. Statt sie zu falten, wirft ihr Bauch dort Falten. Statt das Vaterunser zu sprechen, spricht sie zu ihrer Mutter. Sagt ihr, dass sie die Festtagsgans nicht essen wird. Nicht die Knödel und nicht den Rotkohl. Nicht die Würstchen und nicht den Kartoffelsalat. Ihre Mutter nickt, obwohl sie lieber den Kopf schütteln würde. Sie weiß um das Essproblem, auch wenn sie nichts tut. Unruhig rutscht sie auf der harten Holzbank herum, obwohl es davon nicht besser wird. Ihre Mutter stößt sie in die Seite, auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist. Raunt ihr zu, dass sie doch ein Sitzkissen für sie hätten mitnehmen sollen, obwohl es peinlich ausgesehen hätte. Dann fragt sie noch, ob sie ihren Mantel ausziehen soll, damit sie sich draufsetzen kann, um ihr das fehlende Sitzfleisch zu ersetzen. Sie schüttelt wortlos den Kopf, um nicht den Mund öffnen zu müssen, auch wenn sie lieber gesprochen hätte. Seit ihre Mutter ihr einmal einen Bonbon angeboten hat, nachdem sie ihr etwas ins Ohr geflüstert hatte, mag sie nichts mehr sagen, wenn sie so dicht beieinander sitzen. Bei wem nur selten etwas in den Magen gelangt, aber umso mehr heraus, riecht nicht nach Minze, auch wenn die Zahnpflege regelmäßig ist. Ihre Mutter wendet ich dem Bruder zu. Wie gern würde sie zwischen ihnen sitzen, auch wenn sie Nähe nicht gut erträgt. Wie gerne wäre sie ihre Mitte, obwohl sie nicht gern im Mittelpunkt steht. Auch wenn sie es nicht interessiert, was sie erzählen und sie nicht darüber lachen kann, was ihnen Spaß macht, hätte sie doch gern ihr Interesse an den Mitmenschen und ihre Freude am Leben. Sie ist nicht allein und fühlt sie doch einsam. Während die Orgel „Es ist ein Ros’ entsprungen“ anstimmt, denkt sie an die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum, obwohl sie keine Geschenke bekommen mag. Sie will keine Geschenke, die sie nicht brauchen kann, auch wenn sie viel braucht. Sie selbst schenkt immer etwas Besonderes. Sie gibt gern anderen das Gefühl, besonders für sie zu sein. Sie würde selbst gern so fühlen, obwohl sie nichts Besonderes ist. Sie denkt an die leuchtenden Augen von Vater und Bruder, wenn sie die Bücher auspackt, die sie sich von ihrer Mutter gewünscht hat, auch wenn ihr größter Wunsch unerfüllt bleibt. Und dann ihre Gesichter, wenn sie die Titel „Als der Schmerz aufhörte, die Seele zu essen“ und „Selbstheilung von Ess-Störungen für langjährig Betroffene“ lesen. Ihre Familie weiß, dass sie ein Problem mit ihrem Gewicht hat, aber nicht, wie schwerwiegend es ist, obwohl man es ihr ansieht. Das Essen bereitet ihr Schwierigkeiten, auch wenn sie gern isst. Gern zuviel isst, aber zu oft zuwenig. Nachher beim Weihnachtsessen werden sie es wieder merken, auch wenn sie es lieber übersehen würden. Sie weiß noch nicht, was sie essen wird, obwohl sie lieber nichts essen würde. Sie weiß nur, sie kann nicht essen, was sie essen, auch wenn es ihr schmecken würde. Während sie mit ihrer Familie durch schneenasse Straßen zurück zum Auto geht, nimmt ihr Vater ihre Hand, obwohl er es sonst nie tut. Sie fühlt sich noch einmal wie sein kleines Mädchen, auch wenn sie längst eine Frau ist. Eine Frau, die sie nicht sein will, obwohl sie vieles nicht mehr hat, was eine Frau ausmacht. Sie liebt ihren Vater dafür, auch wenn es selbstverständlich ist. Sie liebt ihn dafür, dass er immer wieder vergisst, wie gemein sie sein kann, obwohl sie es nicht sein will. Aber sie kann nicht aus ihrer Haut, so oft sie sie auch aufschneidet. Sie blutet nur, auch wenn sie innerlich längst blutleer ist. Innerlich leer, obwohl sie zum Platzen voll ist. Sie hat nur aufgehört, zu leben, auch wenn sie noch lebendig ist. Sie lebt in sich, obwohl sie außer sich ist. Weit zurückgezogen, auch wenn sie ungezogen ist. Und umgezogen in ihre eigene Welt. Nach dem Festessen werden Gesellschaftsspiele gespielt. Sie spielt nicht gern, obwohl sie jeden Tag ihre Spielchen spielt. Sie ist zu ernst, als dass sie sich spielerisch beschäftigt. Die Zeit ist ihr zu kostbar für etwas so Unwichtiges wie spielen. Sie will sinnvolles tun, auch wenn es sinnlos ist. Sie will zu sich selbst finden, obwohl sie in der falschen Richtung sucht. Weihnachtsgebäck und Schokolade wird zum Naschen bereitgestellt, obwohl jeder von ihnen satt ist. Sie sagen, sie seien unterzuckert, auch wenn sie kohlenhydratreich gegessen haben. Ihr wird etwas angeboten, obwohl sie immer ablehnt. Immer und immer wieder. Bis sie zugreift. Immer und immer mehr. Bis sie sich zustopft. Immer und immer weiter. Bis ihr übel wird. Immer und immer schlimmer. Bis sie sich übergeben muss. Immer und immer heftiger. Und dann weiter isst. Immer und immer wieder, immer mehr, immer weiter, immer schlimmer, immer heftiger. Bis es endet, wie es nicht enden sollte. In einem Kreislauf aus Essen. Das Essen kann sie erbrechen, aber aus dem Teufelskreis nicht ausbrechen.

Sie bin ich. Und ihr Weihnachten ist meins. Sie bin ich, obwohl ich es nicht sein will. Und ihr Weihnachten ist meins, auch wenn ich es nicht haben will.

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 ...die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens wünscht...

 

* all ihren Schokoladenfreu(n)den und Mit(l)es(s)ern *

* ein geschmackvolles Weihnachtsfest(essen) *

* im Kreise ihrer Lieben(lingsspeise) *

* auch wenn sie abnehmen und einen guten Appetit,*

* obwohl sie an ihr Gewicht denken *

 

... st/f ressfreie Feiertage euch allen ...

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7 Kommentare 23.12.09 08:32, kommentieren

* Kuchen (ver) suchen *

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Advent, Advent, der Heißhunger brennt. Erst ein-, dann zwei-, dann drei-, dann viermal. Dann steht der Fressanfall vor der Tür. Lebkuchen und Christstollen, Zimtsterne und Vanillekipferl heizen uns rechtzeitig zum Winteranfang ein und machen aus einer gesunden Ernährung mit Birnen und Bohnen Speck. So wird die Spätschicht auf der Arbeit zur Speckschicht auf dem Bauch. Dass Arbeit nicht frei macht, wissen wir, aber dass Arbeit dick macht, noch nicht. An solchen Tagen kann ich zwar weniger essen, weil ich nicht zuhause bin, aber während der Dienstzeit umso mehr fressen, weil ich ausgehungert bin. Der Spätdienst ist gut um abzunehmen, weil man von mittags bis abends arbeitet und genauso schlecht um abzunehmen, weil man mit Kuchen und Keksen arbeitet. Zur Kaffeezeit am Nachmittag werden aus uns Pflegerinnen Verpflegerinnen. Es gibt Tage, an denen nehme ich nicht wahr, dass es ein Kuchen ist und was es für ein Kuchen ist. Und es gibt Tage, an denen ich nichts anderes wahrnehme, als dass es ein Kuchen ist und wofür ein Kuchen ist. Ich denke nicht mehr daran, wer den Kuchen essen sollte, sondern denke nur noch daran, dass ich ihn essen könnte. Statt zu arbeiten, arbeitet es in mir. Ich bin nicht mit meinen Aufgaben beschäftigt, sondern mache es mir zur Aufgabe, Kuchen zu beschaffen: Das erste nahm ich aus der Küche, das zweite vom Servierwagen und das dritte aus dem Wäscheschrank, nachdem ich es dort verborgen hatte. Das erste Stück aß ich um 14.45 Uhr, das zweite um 16.15 Uhr und das dritte um 19.30 Uhr. Das erste Stück aß ich heimlich, das zweite öffentlich und das dritte versteckt. Das erste aß ich heimlich im Patientenzimmer, während ich eine demente Frau fütterte. Das zweite aß ich öffentlich am Schreibtisch, während ich die Akten schrieb. Das dritte aß ich versteckt im Badezimmer einer Patientin auf dem Toilettendeckel sitzend, während sie nebenan schlief. Das erste Stück musste ich im Nachtschrank verstecken, weil meine Kollegin immer wieder hereinkam. Das zweite musste ich beiseite schieben, weil ich immer wieder unterbrochen wurde. Und das dritte musste ich mir mit den Fingern in den Mund stopfen, weil ich immer wieder auf die Uhr sah. Das erste aß ich mit Genuss, das zweite mit Gewohnheit und das dritte ohne Geschmack. Das erste schmeckte mir sehr gut, das zweite gut und das dritte schlecht. Es war schlecht, ich war schlecht und mir war schlecht. Es war schlecht, weil ich seinen Geschmack nicht mehr wahrnahm. Ich war schlecht, weil ich meine Disziplin nicht mehr ernst nahm. Und mir war schlecht, weil mein Körper nichts mehr annahm. Übelkeit durch ein Übermaß an Essen ist ein entsetzliches Gefühl. Du fühlst dich krank und bist selbst schuld daran. Es ist Selbstverschulden, es ist Maßlosigkeit, es ist schambehaftet. Dabei bist du ja wirklich krank, aber deine Übelkeit ist dabei das geringste Problem. Schon als ich den Servierwagen aus der Küche geholt und den Kuchen gesehen hatte, wusste ich, ich würde ihn essen. Ich wusste, ich würde ihn essen müssen, weil es eine neue Sorte war. Ich wusste, ich würde ein Stück probieren müssen. Dabei hätte ich wissen müssen, dass es nicht an der neuen Sorte lag. Und dass es nicht bei einem Stück bleiben würde. Vielleicht hätte ich es schon wissen müssen, bevor ich den Kuchen sah. Und eigentlich hätte ich es schon wissen müssen, bevor ich zur Arbeit antrat. Immer wieder denke ich, solche Tage kommen nicht wieder. Aber sie kommen und gehen wie die Kilos, die sie mir überlassen und ich übergebe. Wie das Fett, das sie mitessen und ich weghungere. Immer wieder. Wenn sie auch Wochen und Monate zurückliegen und ich auch gesund und ausgewogen esse. Sie kommen wieder. Finde ich mich damit ab, ist es wie eine Erlaubnis zum Fressen, ist es wie eine Einladung zum Essen. Und so lag es nicht am Spätdienst und nicht am Kuchen, so lag es an mir und meiner Ess-Störung. Wochen- und monatelang verleiht sie mir Kontrolle über mein Essverhalten, um meinen Körper dünner und mein Leben leichter zu machen. Und dann nimmt sie mir alles. Meine Selbstbeherrschung, meine Selbstachtung, mein Selbstbewusstsein. Alles, was ich nicht verdient habe, nachdem ich habe sündigen müssen. Und gibt meinem Körper alles. Seine Kalorien, sein Fett, sein Gewicht. Alles, was er verdient hat, nachdem er hat hungern müssen. Dabei war es schon ein großer Fortschritt, dass ich diese drei Stück Kuchen nicht hintereinander und auf einmal, sondern über den Tag verteilt und in Abständen von Stunden gegessen hatte. Und doch, ich bezeichne diese Momente dann immer noch als Fressorgie, Fressattacke oder Fressanfall. Weil ich durch die Beschäftigung mit Ess-Störungen nur noch in Krankheitsbildern denke und damit auch mit meinem eigenen Essverhalten diesem Ordnungssystem unterliege. Damit drücke ich mir selbst den Stempel auf, der mich letztendlich genauso handeln lässt, wie es dieser vorsieht. Ich fühle mich gleichermaßen selbst überführt und bestätigt, dass ich essgestört sein muss. Ich vergesse alles um mich herum und ich esse alles um mich herum. Dabei esse ich gar nicht alles. Es gibt Kuchen, den ich nicht mag. Aber es gibt keinen Kuchen, den ich deswegen nicht essen mag. Den ich nicht essen würde. Ich esse ihn, weil es Kuchen ist. Nicht weil er schmeckt oder ich hungrig bin. Weil es Kuchen ist. Hastig stach ich mit den Zinken der Kuchengabel in den saftig weichen Teig. Es war ein einfacher brauner Rührteig, in dessen Inneren Kirschen versunken waren und auf dessen Äußeren Marzipan verstrichen war. Ich schob mir schnell einen Bissen davon in den Mund. Es war nicht so, dass es besonders lecker war. Es war nicht mal so, dass ich gern weiter gegessen hätte. Es war nur so, dass ich es mir erlaubt hatte. Es war wie eine Lücke im Sicherheitssystem, die immer größer wurde, je mehr ich aß. Und je größer die Lücke wurde, desto weiter öffnete sich die Futterluke. Dann ist die Freude über das Essen so groß, dass der Geschmack ganz klein wird. Es geht gar nicht mehr daran, was ich esse, sondern das ich esse. Noch während ich das eine Stück Kuchen hinunterschlinge, denke ich schon an das nächste. Ohne hinterher zu wissen, wie beide geschmeckt haben. Und manchmal ist die Erwartung auf das Essen so groß, dass die Enttäuschung nicht kleiner ist. Und trotzdem esse ich weiter, weil ich es mir erlaubt habe und diese Erlaubnis nur heute gilt. Und trotzdem esse ich weiter, ob ich Appetit habe oder nicht. Weil ich weiß, dass es immer geschmeckt hat und esse weiter, bis es wieder schmeckt. Dabei lässt der Geschmack immer weiter nach. Das erste Stück ist so süß, dass mir vor Genuss die Tränen in die Augen schießen und das letzte liegt so schwer, dass mir vor Scham die Tränen in den Augen stehen. Es liegt jetzt schwer im Magen und heute schwer auf dem Gewissen und morgen schwer auf der Waage. Gern hätte ich mich genauso niedergelegt, weil ich nicht mehr aufrecht stehen konnte. So stützte ich mich in der Damentoilette am Waschbecken ab. Minutenlang. Bewegungslos. Ich rollte das Shirt hinauf zur Brust, unter der sich eiförmig mein Bauch vom Busen bis zur Scham wölbte. Der Nahrungsbrei quoll mir die Speiseröhre rauf und runter. Ich brachte mich schon allein durch den bloßen Gedanken an das rückgängig machende Erbrechen zum Aufsteigen der zuvor genossenen Süße. Als letzten Schritt musste ich mir nur noch den Finger in den Hals stecken, um den Würgereflex auszulösen. Ich näherte den Zeigefinger den Lippen, die sich langsam öffneten, schob ihn in die Mundhöhle, legte ihn auf den hinteren Zungenabschnitt und glitt ein Stück nach hinten in den Rachenraum. Ich brauchte nur noch etwas tiefer mit dem Finger den Hals hinunterzufahren und ich wäre augenblicklich erlöst. Minutenlang rang ich mit mir, stand bewegungslos am Becken, über dem der Spiegel mir mein Gesicht vor Augen hielt. Ausdruckslos starrte mein Gegenüber zurück. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Ich fühlte immer wieder in mein Körperinnerstes. Nahm den heftigen Magendruck wahr. Er war so überdehnt, dass er meinem Herzen den Platz zum Schlagen nahm. Ich spürte sein Pumpen gegen meine Magenwände klopfen und im gesamten Oberkörper nachhallen. Es raste vor Anstrengung und Überlastung und schlug mir bis zum Hals, in dem ich gleich meinen Finger verschwinden lassen würde. Sollte. Müsste. Und es doch nicht konnte. Die aufgenommenen Kalorien blieben, wo sie waren. Ich brachte es nicht über mich. Dabei waren es weniger die dick- und schwermachenden Kalorien in mir, die ich loswerden wollte, als einfach das Gefühl, den Darm zu entleeren, um die Übelkeit zu lindern. Ich konnte fressen aber nicht erbrechen. Ich konnte nicht zuende bringen, was ich angefangen hatte. Ich würde wieder werden, wie ich war: Dick. 

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5 Kommentare 17.12.09 09:24, kommentieren

* magere Zeiten *

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                                   T V - T i p p  zum  Blogeintrag

                                          *MoppelModels & MagerModels*

                   Sender:            RTL

                   Sendung:          Stern TV

                   Sendetermin:   16. 12. 2009

                   Sendezeit:        22.15 Uhr

                   Thema:             Ohne Models - Die Initiative der 

                                            Frauenzeitschrift 'Brigitte' gegen  

                                            Magermodels

 

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2 Kommentare 16.12.09 14:53, kommentieren