*Flussbett der Schokoladensoße*

~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~

Ich war dick, ich war dünn, ich war blond, ich war brünett - ich war alles. Alles, was man von mir wollte. Was ich dachte, man würde es von mir wollen. Aber Mann wollte nichts. Keiner wollte mich und keiner will mich. Wie ich auch war. Wie ich auch bin. Wie dem auch sei - jetzt will ich nicht mehr. Ich kann nicht mehr wollen. Es ist ein Symptom meiner Ess-Störung. Es war das erste Symptom. Es trat bereits sehr früh auf. Nach wenigen Monaten. Und es war das erste Zeichen, dass mich darauf aufmerksam machte, dass ich meinen Körper langsam zugrunde richte. Das Symptom, das am weitesten in den zwischenmenschlichen, den sozialen Bereich hineinragt. Das Phantom-Symptom. Mein geheimes Symptom. Es ist für mich das einzige Symptom, dass ich verschweige. Um nicht in Behandlung gegeben zu werden. Denn es ist das, was zweifelsfrei belegt, dass etwas in meinem Körper nicht wie vorgesehen funktioniert. Dass ich krank bin. Ich habe Amenorrhoe. Die sekundäre Amenorrhoe. „Habe“ ist in dem Zusammenhang ein Wort, dass es nicht ganz trifft, denn eigentlich steht Amenorrhoe eher für das, was ich nicht habe: Ich habe seit zwei Jahren keine Menstruation mehr. Keine Tage, keine Periode, keine Regel, keine Blutung, keinen Zyklus. Keine rote Armee, die monatlich ausrückt und keine Erdbeerwoche, deren Ernte regelmäßig eingefahren wird. Ich surfe auf keiner roten Welle mehr, ich sitze im wahrsten Wortsinn auf dem Trockenen. Denn am Anfang des Versiegens des monatlichen Blutstroms steht das Ende des sexuellen Interesses. Mit sexuellem Interesse verbindest du vermutlich in erster Linie sexuelle Aktivität, die aufgrund von allgemeiner Lustlosigkeit nachlässt. Hinter diesem Begriff steckt viel mehr. Theoretische Erläuterungen hierzu sind immer trocken. Aber in diesem Fall trifft das Gegenteil zu, denn es ist die Praxis, die eine trockene Angelegenheit ist: Sexuelle Reizungen können einem nicht mehr einheizen, sie lassen einen kalt und sexuelle Erregung kann einem nicht mehr in den Zustand versetzen, der feuchte Träume verursacht. Beim Masturbieren würde ich mir einen Krampf oder die Haut wund rubbeln, bevor ich überhaupt an einen Orgasmus denken könnte. Ich bin derartigen Berührungen gegenüber gefühllos. Nicht nur meine körperlichen Empfindungen, auch in meinen Gedanken gibt es keine Fantasien mehr, die mich für das Stürmen auf den Gipfel der Lust beflügeln könnten. Ich habe keine Idee mehr, was mir gefallen könnte. Und es beschäftigt mich auch nicht. Ich bin ein asexuelles Wesen. Ein Neutrum. Weil es mir an den entsprechenden Hormonen mangelt. Dieser Zustand wird auch als sexuelle Anorexie bezeichnet: Nach 22 Jahren setzen erstmals seit meinem zwölften Lebensjahr meine Tage aus. Früher hätte ich ohne Kalender leben und hätte meine Uhr nach ihnen stellen können. Bis mein Körper die Östrogenproduktion drosselte, da er sie von da an als nebensächlich erachtete und begann, sich auf die lebensnotwenigen Funktionen zu beschränken. Der Körper kann durch das Einstellen des Menstruationszyklus Blut und Protein-Reserven einsparen. Mindestens 17% des Körpergewichts muss aus Fett bestehen, damit ein Mädchen in der Pubertät zu menstruieren beginnt und später muss mindestens 22% Fett des Körpergewichtes der Frau vorhanden sein, damit sie regelmäßig Menstruationszyklen bekommt. Der Zyklus soll sich normalisieren nach Wiedererlangung eines normalen Körpergewichtes, etwa bei Erreichen des Gewichtes, bei dem die Amenorrhoe eingetreten ist. Demnach müsste ich 30 Kilo zunehmen. Da bleibe ich lieber mädchenhaft sauber und rein. Auf diese monatliche Beschmutzung verzichte ich gerne und werte dies als eindeutiges Zeichen meines Körpers, dass er zu schlank ist, als das er einen Zyklus aufrechterhalten konnte. Auf meine Weiblichkeit lege ich diesbezüglich keinen Wert. Auch mein Busen hat kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht an meiner Brust: Wenn ich abnehme, bekommt auch er sein Fett weg und mutiert vom primäres Geschlechtsmerkmal zum neutralen Körperteil. Vielleicht bin ich mittlerweile längst steril. Unfruchtbar und brauche daher auch keine Milchquelle mehr. Auszugehen ist in jedem Fall in fortgeschrittenen Lebensjahren von einer ausgeprägten Osteoporose als Folgeerscheinung.

Ich bin trotzdem kein Mensch, der frei von Lustgefühlen ist. Meine Quelle des Lustempfindens ist mein Mund. Ich mache es mir selbst durch Oral-Verkehr. Wie bei vielen Betroffenen von Ess-Störungen bedeutet es für mich eine Geschmacksexplosion, wenn Nahrungsmittel in unserem Mundraum verkehren. Der Orgasmus der Essgestörten. Unsere Pornos werden genauso wie für andere Menschen in Fernsehen und Zeitschriften gezeigt – nur in Form von Kochrezepten und Kochshows. Es hat etwas Gegenteiliges, aber wahlweise geilen wir uns auch an besonders ausgezehrten, untergewichtigen Models auf und ernennen sie zu unseren Vorbildern. Diese Beschäftigung mit unserem Körper ist unsere Extase.

~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~

... B e k a n n t g a b e ...

 *neuer Monat - neues Schokoläum*

Meine Schokoladenseite feiert heute achtwöchiges beziehungsweise zweimonatiges Bestehen. Und damit nicht genug: Zudem feiere ich heute eine runde Zahl. Dies ist mein 40. Eintrag in meiner BlogSchokolade. Also, auf die nächsten 40!

~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~

 

1.4.09 10:12

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Libelle / Website (4.4.10 20:49)
Hey, bin heute auf deine Seite gestoßen und studiere sie gerade ausgiebig.
Ich habe meine Periode noch bzw. wieder, weil ich die Pille nehme. Mit allem anderen auf dieser Seite sprichst du mir aus der Seele. Ich habe noch nie soetwas ehrliches gelesen und fühle mich jetzt irgendwie erleichtert. Danke.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen