*Geschmack im Gleichgewicht*

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Abnehmen im Schlaf, Abnehmen mit Schokolade – das Diäthalten arbeitet an seinem Image. Das Abnehmen wird einfach in Verbindung mit einem zweiten Wort gesetzt, mit dem wir angenehme Gefühle assoziieren und schon klingt auch das erste Wort angenehmer in unseren Ohren. Und einfach. Als könnten wir abnehmen, ohne etwas (im Schlaf) dafür zu tun oder als müssten wir nicht (auf Schokolade) verzichten. Einfach während wir das tun, was wir sowieso schon tun. Und warum haben wir dann nicht schon abgenommen? Wer neugierig auf das angenehme Abnehmen wird und sich darüber informiert, wird enttäuscht: Man muss schon mehr tun als Schlafen oder Schokolade essen. Das unterscheidet Menschen mit gesundem von Menschen mit gestörtem Essverhalten: Wir Essgestörte nehmen durch Schlafen und mit Schokolade ab. Abnehmen im Schlaf bedeutet für uns, dass wir abends nichts mehr essen und früh ins Bett gehen, um den einsetzenden Hunger zu verschlafen. Abnehmen mit Schokolade bedeutet für uns, dass wir Schokolade essen bis zum Einsetzen der Übelkeit und sie anschließend erbrechen. Ich möchte mit Schokolade abnehmen. Oder anders: Ich möchte durch Schokolade nicht mehr zunehmen. Schokolade ist Ursache meiner Rückfälle. Meiner Rückfälle in Fressanfälle, um mein Verlangen danach zu stillen und meiner Rückfälle ins Hungern, um mein Gewicht halten zu können. Vielleicht ist Schokolade Ursache meiner Ess-Störung. Der Verzicht darauf ist es auf jeden Fall. Meine Heilung würde es bedeuten, wenn ich keine Fressanfälle mehr erleiden würde. Aber hätte ich keine Fressanfälle, die immer wieder ein paar Extrakilos auf meinen Hüften hinterlassen und somit meinen Gewichtsverlust verzögern, würde ich dünner und dünner werden. Dann hätte ich das Essen nur gegen das Hungern eingetauscht. Jetzt habe ich beides. Würde nur eines von beiden eine Besserung bedeuten? Ich muss den Mittelweg finden, nur der führt zu einem normalen Essverhalten. Wie bei allem, was normal ist, muss eine Balance zwischen negativen und positiven Seiten hergestellt sein. Verzicht lässt die negativen Seiten an Gewicht gewinnen und behindert das Ausbalancieren. Ein Ungleichgewicht provoziert Fressanfälle. Daher besteht das eigentliche Ziel darin, nicht mehr zu verzichten. Manchmal habe ich den Verzicht ein paar Wochen, manchmal sogar Monate ausgehalten. Dann brach ich ein. Irgendwann. Fressanfälle. Ich dachte, es wäre nur der eine, durch ihn würde ich alles an Verzicht nachholen können und könne anschließend wieder umso länger durchhalten. Aber es folgen weitere. Wochen- und monatelang die gleiche einseitige Ernährung - nach einem Fressanfall kann ich sie nicht wieder aufnehmen. Nach den Geschmackserlebnissen während des Fressens schmeckt nichts anderes mehr. Ich habe schon einmal probiert, täglich Schokolade zu essen, um den Heißhunger darauf zu dämpfen. Täglich ein bisschen. Täglich wurde es mehr. Bis die Mengen den Umfang eines normalen Fressanfalls erreichten. Und ich fünf Kilo mehr auf die Waage brachte. Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – du weißt nie, welche du als nächstes bekommst: Und weil ich es auch nicht weiß, esse ich immer mehr. Die nächste könnte schließlich besser schmecken, als die zwanzig davor. Ist dir dabei aufgefallen, dass sich der Geschmack beim Genuss von Schokolade verändert? Die Schokolade verliert an Intensität, je mehr man von ihr isst. Das letzte Stück schmeckt nicht wie das erste. Nicht so gut. Nachdem die Mundhöhle durch die ersten braunen Objekte unserer Begierde von Süße geflutet wurde, reagiert unser Geschmacksempfinden weniger sensibel auf die Süße des einzelnen, nachfolgenden Zuckerschocks. Unabhängig von der jeweiligen Schokoladensorte. Und dennoch essen wir weiter. Ich esse weiter, weil ich mir von Schokolade nun einmal erwarte, dass sie mir schmeckt. Tut sie es immer weniger, esse ich einfach so lange, bis sie es tut. Schlimmer noch: Durch meine Fressorgien habe ich das Gefühl verinnerlicht, das suchtartige Essen erst einzustellen, wenn nichts mehr reinpasst. Ich bin es nicht gewohnt, satt zu sein, aber an Schokolade sättige ich mich. Übersättige mich. Es ist bekannt, dass essgestörte Menschen Portionen nicht mehr realistisch einschätzen können und daher maßlos essen. Das Hunger- beziehungsweise Sättigungsgefühl ist beeinträchtigt. Genauso ist es bekannt, aber umstritten, dass die Geschmacksrichtung „süß“ einen gewissen Suchtcharakter hat. Die Sucht besteht darin, dass immer größere Mengen benötigt werden, um Befriedigung darüber zu erlangen. Dafür soll das Glückshormon Dopamin verantwortlich sein. Der Körper gewöhnt sich an die Ausschüttung und den hohen Dopamin-Spiegel im Blut und verlangt nach immer größeren Dosen. Schon allein dieses Merkmal berechtigt die Annahme, dass es sich um eine Suchtform handelt. Und dieses Merkmal verurteilt mein Vorhaben, täglich etwas Süßes zu essen, schon im Vorhinein zum Scheitern.

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8.4.09 10:17

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