*Schokoladenei(d)*

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Ich bin ein Tier. Ein Pflanzenfresser. Aber kein vegan- oder vegetarisches. Ich bin ein Tier. Mit tierischem Futterneid. In unserer Futterkammer nehmen meine Grundnahrungsmittel am meisten Platz ein. Das muss so sein. Denkt meine Familie. Damit sie überhaupt noch etwas isst, muss ihr der Platz im Kühlschrank für ihre fettreduzierten und kalorienarmen Nahrungsmittel freigehalten werden. Denkt das Muttertier. Dort steht ein 500g-Quarkbecher. Einer von vielen. Es ist kein Quark drin. Ich habe den Quark gegessen, den Becher ausgewaschen und wieder an seinen Platz im Kühlschrank gestellt. Jetzt ist Schokolade drin. Niemand außer mir isst Quark. Niemand außer mir öffnet diesen Becher. Diesen Becher mit Schokolade. Niemand merkt, dass es kein Quarkbecher, sondern ein Schokoladenbecher ist. Geworden ist. Es ist mein Futterneid, der mich zum Anlegen solcher Vorräte zwingt. Wie in der Tierwelt ist es instinktives Anlegen von Vorräten. Vorräte anlegen nicht für den Winter oder schlechte Zeiten. Für die guten Zeiten. In denen ich wieder essen darf. Das Tier in mir vergräbt Essen unter Pullovern und verwart es in Höhlen der Schrankwand. Überall. Manchmal sind es bereits geplünderte, leere Verpackungen und Schachteln, die ich bisher nur noch nicht unbemerkt entsorgen konnte. Beute aber machen wir immer gemeinsam. Wir jagen im Rudel durch die Läden und grasen in Herden auf dem Markt. Anschließend, wenn wir in unser Lager zurückkehren, ist die Rangordnung wieder hergestellt: Die Ware wird von mir höchstpersönlich gesichtet und die Bestände aufgefüllt. Das ist mein Revier, da hat niemand zu wildern. Ich verfolge ein strenges Ordnungssystem darin. Und sortiere. Sortiere aus, was meinen Futterneid weckt. Es ist Neid auf Mastfutter wie Fettes und Süßes. Sortieren heißt in diesem Fall: Verschwinden lassen. Verstecken. Und nicht nur zu Ostern und nicht nur in ausgespülten Quarkbechern. Dabei verfolge ich nicht das ehrenwerte Ziel, den Fortbestand meines Rudels zu gewährleisten, in dem ich es vor der Verfettung und somit vor einem Ende an der Wursttheke bewahre, sondern denke in der Beziehung eigennützig wie jedes Tier. Ich versuche durch das Unterschlagen der Beute nicht, mich nicht in Versuchung geraten zu lassen, sondern gerade um es zu versuchen. Es zu probieren. Es zu schmecken. Irgendwann. Wenn ich wieder essen darf. Es muss das, was da ist, während ich mir das Essen verwehre, auch noch da sein, wenn ich es mir erlaube. Es muss dafür gesorgt sein, dass auch mir davon etwas zusteht. Habe ich doch immer Angst, nicht genug zu bekommen, wenn wir unsere Zähne als Herdentiere gemeinsam in die Beute schlagen. Dabei beobachte ich das Essverhalten meines Rudels aus dem Hinterhalt. Und wenn jemand zuviel an sich reißt oder zu schnell schlingt, beiße ich dazwischen. Am Tisch bin ich das Alphatier. Mein Missfallen gegenüber Ess- und Ernährungsverhalten meiner Artgenossen kommentiere und beurteile ich schonungslos und weise sie zurecht. Bevorzugt kläffe ich das Oberhaupt des Rudels an, das Alphamännchen, das sich nur träge nach dem jungen Welpen mit dem Imponiergehabe umdreht. Wird am Ende mit verwertbaren Resten nicht ordnungsgemäß umgegangen und diese nicht durch entsprechende Folien oder Verpackungen frisch gehalten, kann ich blutrünstig werden. Ich dulde keinen respektlosen Umgang mit wertvoller Nahrung. Qualität geht mir über alles. Alles muss schmecken, wie gerade frisch geöffnet. Wenn ich esse, dann das Beste. Auch außerhalb meines Reviers und meines Rudels schaue ich meinen Artgenossen in den Mund. Sehe zu, wie Bissen für Bissen nebenbei darin verschwindet. Mit Genugtuung und einem Lächeln betrachte ich siegessicher dieses Vergehen und würde am liebsten noch Köder auslegen, die sie sich genauso nebenbei einverleiben würden. Giftige Köder. Durch Fett gezogen und mit Kalorien gespickt. Sie würden dicker und dicker werden. Und ich wäre die Einzige meiner Art.
 

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13.4.09 13:43

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