*süße Früchtchen mit Schokoglasur*

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Am Anfang und am Ende stand das Essen. Mein Wohl und Übel. Das Obst. Obst ist mein Grundnahrungsmittel. Durch Obst nahm ich ab, durch Obst nahm ich zu. Meinen ersten Abnehmerfolg erreichte ich durch Obst und meine anschließende Gewichtszunahme erhielt ich durch Obst. Es waren Pflaumen im Sommer. Mein erster Fressanfall bestand aus harmlosen Pflaumen. So fängt es immer an, harmlos. Endlich einmal satt werden. Sich sättigen an etwas Gesundem, Kalorienarmen, Fettlosem. Davon darf es gern ein bisschen mehr sein. Und es musste auch immer mehr werden, weil ich nicht genug bekam. Nicht mehr aufhören konnte. Ich brauchte auch nicht aufhören, weil es ja nur Pflaumen waren. Die „Nur“-Pflaumen lagen schwer im Magen, aber nicht so schwer auf der Waage, wie später die Schokolade, die an die Stelle der Pflaumen trat. Die Pflaumen waren meine Einstiegsdroge in das suchtartige Essen. Der Stoff, von dem ich abhängig wurde, heißt Schokolade.Schokolade ist das höchste der Gefühle während eines Fressanfalls. Aber bis zur Extase durchwanderte ich noch einige Gefühlswelten. Denn Heißhungerattacken und Fressanfälle werden fälschlicherweise immer mit kalorienreichen und fetthaltigen, salzigen oder süßen Nahrungsmitteln in Verbindung gebracht. Dabei klettern wir Betroffenen der Ess-Störungen die Karriereleiter zur Fress-Sucht von unten herauf. Vom Hungern zum Überessen. Überessen an erlaubter und gesunder, fettreduzierter und kalorienarmer Nahrung. Es ist wie bei dem Diätkonzept Volumetrics: Es stehen hauptsächlich voluminöse ballaststoff- und wasserreiche Lebensmittel auf dem Speiseplan, die im Magen viel Platz beanspruchen und dadurch sättigend wirken. Diese sind aber grundsätzlich von geringer Energiedichte und somit belasten sie das Kalorienkonto nicht. Das kann Salat, Gemüse oder eben Obst sein. Unsere Grundnahrungsmittel, die darauf ausgerichtet sind, dass wir durch sie an Gewicht verlieren. Bisher haben wir es auch getan. Bis wir unphysiologisch große Portionen davon in uns hinein befördern, um einmal Sättigung zu verspüren. Das Sattwerden steht im Vordergrund. Zuerst. Später tritt an die Stelle der Sättigung das reine Geschmackserlebnis. Oder lediglich das Zustopfen einer inneren Leere. Unser Geschmacksempfinden ist durch die gering ausgeprägten Geschmacksstoffe der vegetarischen Rohkost, die zumeist eher Bitterstoffe beinhalten, sensibler als das von normal essenden Menschen. Wir glauben bereits beim Genuss von Fruchtzucker, jemand hätte uns chemische Süße in Form von Haushaltszucker ins frische Grün gemischt. Durch unsere einseitige Ernährung mangelt es uns an der Vielfalt der Geschmacksrichtungen. Irgendwann lechzen wir nach oraler Befriedigung durch Geschmacksexplosionen auf unserer Zunge. Wir würzen mit Salz und Pfeffer und allem, was das heimische Zutatensortiment zu bieten hat, bis das Hauptgericht durch die zugesetzten Geschmacksverstärker zur Beilage degradiert wird. Auch die Wahrnehmung von Portionen durch Essgestörte ist sehr unterschiedlich zu dem, was Menschen mit einem gesunden, normalen Essverhalten darunter verstehen. Magersüchtige sprechen bereits von einem Fressanfall, wenn sie ihre tägliche Ration, die sie sich während ihres Hungerregimes erlauben, nur geringfügig überschritten haben. Beispielsweise statt einem halben einen ganzen Apfel gegessen haben. Eine Scheibe Brot ist für eine Magersüchtige ein kleines Stück, das sie  von einer Scheibe abbricht. Eine Schale Müsli kann in Wirklichkeit zwei Esslöffel in einer großen Schüssel entsprechen. Die Aussage, einen Joghurt gegessen zu haben, kann bedeuten, dass es ein Löffel davon war und das Übrige in den Müll verworfen wurde. Hinter der Behauptung, andauernd zu essen, kann der Verzehr kalorienleerer Lebensmittel stehen, wie beispielsweise Gurke, Tomate und ähnliches in winzig kleinen Happen über den Tag verteilt gegessen zu haben. Irgendwann ist es nicht mehr weit von einer riesigen Salatschüssel zu einer mit Obst oder Gemüse gefüllten Wanne. Irgendwann wird aus Salat Schokolade, aus Obst und Gemüse Kuchen und Torten. Irgendwann wird aus der subjektiven Bezeichnung „Fressanfall“ eine objektive. Irgendwann wird der Teufelskreis beginnen und die Frage nach dem Ausstieg wird nicht mehr gestellt. Denn sie würde unbeantwortet im Raum stehen bleiben. Die Antwort bleibt sie uns schuldig, die Krankheit.
 

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13.5.09 16:38

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