*Bruch(schokoladen)stücke*

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Im Patientenzimmer. Ich bin allein. Öffne den Kühlschrank. Er ist leer. Im untersten Fach Gebäck. Weihnachtsgebäck. Lebkuchen im Kühlschrank. Lebkuchen im Kühlschrank im Mai. Ich reiße die Folie auf. Die dunkle Schokolade ist bereits weiß. Ich drehe die Verpackung um. Lese nach, was sich unter dem zartbitteren Gus verbirgt. Ich zerre einen der kleinen Kuchen aus der Zellophanhülle. Halte ihn mir unter die Nase und rieche daran. Sauge den Duft in mir auf. Inhaliere. Ich lasse das Stück Gebäck in die Handfläche gleiten. Meine Finger umschließen es. Fest. Fester. Ballen sich zur Faust. Ich spüre, wie die Schokolade in meiner Hand nachgibt. Wie sie zerbricht. Wie die Splitter sich in meine Haut bohren. Kalt ergießt sich die Füllung über meinen Handteller, rinnt zwischen meinen Fingern hindurch den Arm hinunter. Langsam öffne ich die Hand wieder. Langsam. Betrachte die zermalmte Süßigkeit. Betrachte ihre Einzelteile. Der Lebkuchen ist graubraun, trocken und krümelig. Die Füllung rot, zäh und klebrig. Die Schokolade schwarz, hart und zerdrückt. Ich lege die Schachtel zurück. Zurück in den Kühlschrank. Schließe ihn und gehe hinaus. Auf dem Flur werfe ich im Vorbeigehen die zerquetschten Bestandteile in den Abfall, wasche mir die Kalorien von den Händen und gehe zurück an meine Arbeit. Ich fühle mich gesättigt, obwohl ich nichts gegessen habe. Ich fühle mich gut, obwohl ich etwas Schlechtes getan habe. Ich fühle mich geheilt, obwohl ich etwas kaputt gemacht habe. Ich fühle mich erleichtert, obwohl man sich über mich beschweren könnte. Beschweren, weil ich durchsucht habe, weil ich geklaut habe, weil ich zerstört habe. Ich fühle mich nicht beschwert, ich fühle mich erleichtert. Ich habe Nahrung erlebt, gerochen und gespürt, gesehen und gefühlt. Mit meinen Sinnen verzehrt. Mit den Fingern gespürt, statt mit den Lippen. Mit den Händen zerkleinert, statt mit den Zähnen. Mit der Nase das Aroma genossen, statt mit der Zunge. Mit Wasser abgespült, statt zu schlucken. In den Müll geworfen, statt zu verdauen. Mit Kalorien gespart, statt durch sie zu zunehmen. Ich habe nicht gegessen. Ich hätte nicht gegessen. Ich werde nicht essen. Nicht davon. Nichts altes, nichts schlechtes, nichts Verdorbenes. Ich will keine Kalorien daran verschwenden. Wenn, soll es das Beste sein. Das Beste ist gut genug. Gerade gut genug. Aus dem Besten mache ich das Schlechteste für die anderen. Das Schlechte, das alte und verdorbene, aber auch das Gute, das frische und leckere, zerstöre oder verstecke ich. Zerdrücke es noch in der Verpackung – lasse es unansehnlich werden. Zerquetsche es noch vor dem Öffnen – lasse es unappetitlich werden. Was ich mir nicht zugestehe, soll auch kein anderer haben. Was mir keine Freude bereiten darf, soll auch niemand anderem welche schenken. Was ich nicht essen darf, soll auch keinem anderen schmecken. Was ich nicht mag, sollen die anderen haben. Ich will es mir einfacher machen, zu widerstehen. Ich will es mir leichter machen, es auszuhalten. Dabei könnte ich zum Fallensteller werden. Köder auslegen. Kalorien- und fettgespickt. Kuchen, Schokolade, Kekse. Wildern im Hinterhalt. Und die Falle schlägt zu, sobald sie essen. Und das Fett setzt an, bevor sie es verbrennen. Und sie sind dick, während ich dünn bin.
 
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20.5.09 10:36

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