(k)nackige Schokolade in heißer (Aus)Stellung

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Am Morgen schlage ich die Zeitung auf. Ich freue mich darauf. Ich warte darauf. Ich schlage den Mittelteil auf, noch bevor ich die Schlagzeilen lese. Nehme sie gar nicht wahr. Mordanschläge und Wirtschaftskrise gibt es in meiner Welt nicht. Ich lebe selbst in einer Krisenregion mit meiner eigenen Hungersnot und meinem eigenen Krieg dagegen. Meine Nachrichten sind bunt. Große Bilder, kleine Schrift. Ich entnehme dem Mittelteil den neusten Porno. Die Pornos, die auch in deinem Haushalt mit der Tageszeitung oder mit der Post ungefragt in deinem Briefkasten landen. Nur nicht auf jeden haben sie die gleiche anregende Wirkung. Für manche sind sie lästige Werbung, die unnötig die Papierstapel wachsen lässt, für manche Gelegenheit, die günstigsten Angebote nach Konfektionsgröße und Idealmaßen untereinander zu vergleichen. Meine Neugier stillt sich an Klatsch und Tratsch aus dem Supermarkt. Zuhälter ALDI und Puffmutter EDEKA treten in harte Konkurrenz um das billigste Anpreisen von fetter Milch und kalorienschwerer Butter. Schneeweiß und goldgelb abgelichtet in lasziver Pose zwischen formschönem Käse, der neckisch seine Löcher in die Kamera hält. Die Milchbauern sind ihre Freier. Mich erreicht ihre Erotik nicht. Lässt mich kalt. Ich blättere weiter zum jungen Gemüse. Entblößtes Obst schmiegt sich an die nackte Schale von Paprika und Gurke. Lecker arrangiert. Vorteilhaft ins rechte Licht gerückt. Mit Wasserperlen bestäubt. Straffe, glatte Konturen. Keine Dellen, keine Druckstellen, nur Orangenhaut mit groben Poren. Der Anblick macht Lust auf mehr. Auf der nächsten Seite räkeln sich zarte schokoladenbraungebrannte Playboy(Oster-)Hasen vor süßen (Schokoladen-)Tafeln und schmelzen gemeinsam in der Sonne. Mir wird ganz heiß. Nicht der Schweiß läuft mir den Rücken hinab, sondern das Wasser im Munde zusammen und die Kehle hinunter. Mir wird ganz feucht im Mund. Ich geile mich auf, hole mir Appetit. Mit zittrigen Händen fingere ich aus der Schublade mein Werkzeug. Eine Schere ist es, mit der ich meine Fantasien bastle. Ich setze sie am Rande des Werbeprospekts der Lebensmittelketten an, führe sie langsam durch das Papier in die Mitte der Broschüre und umkreise mit ihr eine Backmischung für Donauwellen. Mit dem letzten Schnitt fällt mir der Kuchen in den Schoß. Ich blättere weiter durch das Nahrungsangebot und fuchtle mit der Schere zwischen Süßkram und Grünzeug hin und her. Die Idee, irgendwann einmal eine Collage für mein Esstagebuch aus den gesammelten Bildchen zu erstellen, treibt mich dazu. Dabei habe ich den Verdacht, dass dieses Vorhaben nur ein Vorwand für diese fragwürdige Beschäftigung ist. Statt mir etwas zu essen zu machen, schneide ich Fotos von Essen aus. Mit Zutaten aus Papier. Statt etwas zu essen, sammle ich Fotos von Essen. Genauso gern, wie ich Kochsendungen im Fernsehen schaue, betrachte ich die Werbeprospekte der Supermärkte. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es die gesunde Kost ist, die auch täglich auf meinem eigenen Speiseplan zu stehen kommt oder ob es sich um die so begehrt wie verbotene Tiefkühlpizza oder Milka-Alpenmilch-Schokolade im 10er-Pack handelt. Vor zwei Jahren habe ich Das perfekte Dinner für mich entdeckt. Einfach so. Ich wusste nicht, worum es dabei ging. Es ging um Essen und das hielt mich davon ab, wieder abzuschalten. Wochenlang, ja monatelang verpasste ich keine Folge. Montags bis freitags. Im Sommer, wo andere sich draußen zum Grillen trafen, anstatt anderen per Television beim Würstchenbraten zu zusehen. Dabei habe ich selbst bis zum heutigen Tag kein Interesse am Kochen oder sonstiger Nahrungszubereitung. Das Zusehen war mir genug. Wenn man den ganzen Tag gedanklich mit Essen beschäftigt ist, könnte man immerzu davon und darüber reden. Dabei sucht man sich schon allein unbewusst Möglichkeiten, die diese Neigung befriedigen. Kochbücher lesen, Bilder ausschneiden, Rezepte sammeln. Oder sich Leidensgenossen anschließen, die in Kochsendungen auftreten. Leidensgenossen, da sie sich offenbar genauso zum Essen hingezogen fühlen, wie wir selbst. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass aufgrund seines gehäuften Auftretens zum Symptom der Ess-Störungen geworden ist. Es ist ein Zeichen, dass uns darauf aufmerksam machen sollte, dass uns das Hungern nicht immer weiter vom Essen entfernt, sondern direkt ans Essen heranführt. So dicht, dass uns die Kalorien geradewegs in den Mund fallen könnten, würden wir ihn öffnen. Öffnen wir ihn aber zu weit, können wir uns an unserem größten Feind verschlucken: Am Fressanfall. Und von ihm kann uns auch keine Kochsendung und keine Fotos von Nahrungsmitteln bewahren. Nur wir selbst. Durch echtes Essen.

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21.5.09 18:41

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