*brotlose (Hunger-)Kunst*

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Frühstück. An einem reich gedecktem Tisch. Dazwischen mein Brötchen. Irgendwo zwischen all dem, was die anderen essen und allem, was ich nicht esse. Nackt auf einem Holzbrett. Gestrandet wie auf einer rettenden Insel in einem Meer, auf dem Fettaugen schwimmen und Kalorienbojen auf offener See vor hohen Gewichtsschwankungen warnen. Oder wie auf einem Floss, dass von den Strömungen des Appetits getrieben wird und von den Wellen des Hungers getragen. Ich beobachte die Besatzung in der Kajüte. Ich sehe ihnen beim Essen zu. Wie sie essen und was sie essen. Als hätte ich nur Augen, durch die ich mich sättigen kann und keinen Mund. Aber diese Augen führen nur Bilder in den Kopf und keine Nahrung in den Bauch. Der bloße Anblick macht mich seekrank, ich muss brechen. Mit mir oder aus mir. Mein Brötchen bleibt trocken. Keine Butter wird zärtlich streichelnd darauf verstrichen. Noch nicht einmal mit Halbfettmargarine bekratzt. Kein Honig sickert zäh in das weiche Teigbett. Keine Marmelade klebt an der knusprigen Kruste. Wo vor kurzem noch Harzer Käse zu liegen kam, befindet sich nicht einmal mehr Putenbrust. Ich schneide es nicht auf. Hätte keinen Teller und kein Messer gebraucht. Nicht für einen Klumpen Teig, der sich durch Aufbacken mit Luft füllt wie ein Schwamm mit Wasser. Lieber Luftblasen im Brötchen als Fettaugen oben drauf. Ich lege beide Handteller auf das Rundstück und drücke es auf dem Tisch platt, wieder und wieder. Wie bei einer Herzmassage presse ich es zusammen. Rhythmisch, wie bei einer lebensrettenden Herzdruckmassage. Dabei würde mich schon bloßes Essen am Leben halten. Einfach nur essen. Ich quetsche, bis die weichen Teigwaben nicht mehr nachgeben und die Luftlöcher einbrechen. Erst wenn die Semmel zermalmt vor mir liegt, gelingt in meinem Kopf die Vorstellung, mit wie viel Masse mein Magen gleich ausgestopft wird. Ist der Teigfladen erstmal dünn wie eine Brotscheibe, kann ich einfacher mit kleinsten Bissen daran nagen. Ich esse es, ich esse das Brötchen trocken. Ohne Aufstrich. Ohne Belag. Von der Hand in den Mund. Wie im Gefängnis Wasser und Brot. Im Gefängnis der Ess-Störung. Bilde mir ein, es würde mir so besser schmecken. Und glaube es. Morgen will ich es wieder so machen. Nur noch so machen. Mit den am flachen Teiglappen eingebackenen Körnern und Samen erlaube ich ein paar gesunden Fetten Einlass in meinen Verdauungstrakt. Sie schleusen einige ungeladene Gäste in Form von zusätzlichen Kalorien mit ein. Aber ich entscheide mich eher für das gesunde dunkle Mehl und das volle Korn, als das reine weiße Weizenmehl, das mit seinem Einfachzucker weniger figurfreundlich daher kommt als die ungesättigten Fettsäuren. Nur in Zeiten von Formfleisch und Analogkäse muss man zwangsläufig selbst dem braunen Backwerk unterstellen, dass es seine gesunde Vollkornfarbe wohl durch Zutun der richtigen Lebensmittelfarbe erlangte. Noch nicht mal bei einem einfachen trockenen Körnerbrötchen kann man sich einer gesunden Ernährung sicher sein. Ein trockenes Brötchen. Ich weiß nicht, was mir fehlt, wenn auf meinem Brötchen etwas fehlt. Ich weiß nicht, warum ich es auf einmal lieber pur esse. Warum ich Aufstrich und Belag weglasse. Ich weiß nur, dass die Zahl Fünfzig immer häufiger in meinen Gedanken auftaucht. Und ich weiß, dass ich sie nicht länger im Geiste sehen will. Sondern auf der Waage. Mit mir auf der Waage stehen sehen will. Seit wenigen Tagen liegt das Brötchen nun unbestrichen und unbelegt vor mir und gelangt so in mich. Und das letzte Fett aus mir. Ich habe wieder an Gewicht verloren und die Ess-Störung gegen mich gewonnen. Ich bin wieder leichter geworden und der Kampf dagegen schwerer. Ich bin wieder im Teufelskreis gefangen und bald ein Engel im Himmel. Wenn ich nicht in die Hölle komme.
 

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23.7.09 16:02

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


disaster.area / Website (24.7.09 17:17)
Hey!

Hab eben schon Harzer Käse und Hüttenkäse probiert, und der Harzer Käse ist nicht so mein Geschmack, mal sehen ob ich den in anderen Kombinationen mag, mal schauen...

Aber so wie sich das hier anhört, isst du im Moment nichts auf deinem Brötchen. Ich find allerdings, dass son Brötchen ohne irgendwas drauf auch lecker ist (:

<3


child.in.time / Website (25.7.09 08:13)
Hey! Ich seh deinen Blog jetzt zum ersten Mal und er gefällt mir echt gut! Du schreibst so wunderschön!! <3
Lieben Gruß


streetsofparis / Website (29.7.09 15:21)
so ein treffender Text...
ich komme auch nie aus diesem Teufelskreis,ich versuche es auch nicht (mehr), weil ich mittlerweile denke, dass es zu mir gehört.es ist Teil meines Lebens.

deine Seite gefällt mir gut.

herzliche Grüße

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