* (Fr)Es(s)kapaden *

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Essen und Fressen. Aus Essen wird schneller Fressen, als man die Buchstaben F und r vor das Wort Essen schreiben kann. Und aus Lust wird schneller Frust, als man das F und r gegen das L austauschen kann. Essen und Fressen. Nicht zufällig scheinen diese Worte so gleich. Nicht umsonst scheinen sie sich zu reimen. Das eine ist nicht das Gegenteil vom anderen, das andere schließt das eine nicht aus. Essen und Fressen. Lust und Frust. Lust ist das Gegenteil von Frust. Lust schließt aber Frust nicht aus. Den Frust, den wir nach der Lust erleben. Der Lust am Essen und dem Frust am Fressen. (Fr)Essen - wann hast du das erste Mal gegessen und wann das erste Mal gefressen? Zwei einfache Fragen schwer zu beantworten. Die erste wird uns nicht weiter interessieren. Wir waren zu jung, um in Erinnerung zu behalten, wann wir das erste Mal gegessen haben. So etwas Unwichtiges wie Essen. Selbst unsere Eltern werden sich daran nicht erinnern. An so etwas Alltägliches wie Essen. Doch wann wurde aus etwas so unwichtigem und alltäglichem wie Essen etwas so süchtiges und krankhaftes wie Fressen? Wir waren alt genug, um in Erinnerung zu behalten, wann wir das erste Mal gefressen haben. So etwas Animalisches wie Fressen. Nur unsere Eltern werden sich daran nicht erinnern. An so etwas Peinliches wie Fressen. Denn wir taten es heimlich. Aber warum wissen wir selbst nicht, wann aus etwas so unwichtigem und alltäglichem wie Essen etwas so süchtiges und krankhaftes wie Fressen wurde? Warum wissen wir nicht, wie Fressen immer wichtiger und alltäglicher und animalischer und peinlicher wurde? Warum, wenn Hunger und Essen, Gewicht und Figur unser Alltag war, bis Fressen unser Leben wurde? Alles was wir wollten wurde zu allem, was wir verabscheuten. Irgendwann, als aus Hunger Übersättigung und aus Essen Fressen und aus Gewicht Übergewicht und aus Dünnsein Dicksein wurde. Irgendwann, als wir alt genug waren, um in Erinnerung zu behalten, dass Hunger uns nicht dünner macht, sondern Hunger uns dick werden und fressen lässt. Und irgendwann, als unsere Eltern uns auch nicht mehr helfen konnten.

Kannst du dich daran erinnern, erinnern an deinen ersten Fressanfall? Ich nicht. Denn mein erster Fressanfall war keiner. Weil ich ihn nicht als Fressanfall empfunden habe. Es war ein Zuviel an Essen. Aber es war doch nur Essen und ich hatte doch nur Hunger. Doch es war Essen, das nicht sättigte und ich hatte Hunger, der nicht zu stillen war. Mein Mund war ein Loch ohne Boden und mein Magen ein Raum ohne Wände. Keine Übelkeit und kein Erbrechen, kein Magendruck und kein Völlegefühl. Es war Lust und Genuss, es war Befriedigung und Beschäftigung. Es war einmal und nie wieder. Es war das erste und letzte Mal. Aber es wurde mehrmals und immer wieder. Und was als Kampf gegen das eigene Gewicht begonnen hatte, wurde zum Krieg gegen die fremde Sucht. Ein Gegner, dessen Waffen stärker sind als der Hunger groß. Und ich dachte noch, er würde von selbst wieder vom Schlachtfeld ziehen. Wenn er genug Opfer gefordert hätte. Genug Kalorien vernichtet und Fett eingeschleust, genug Würde genommen und Hass geschürt hätte. Genug ist genug. Aber genauso wenig wie man dünn genug sein kann, kann man genug essen. Man isst einfach weiter. Über Gewichtsgrenzen und Fassungsvermögen hinaus. Dass ich dabei die Kontrolle über mich selbst verloren hatte, und das der Grund war, warum ich nicht mehr aufhören konnte, war mir während dessen nicht bewusst. Es kam mir nicht vor, wie etwas Unnormales. Denn ich hatte kein schlechtes Gewissen, weil mein Bauch mich durch das Ausbleiben von Beschwerden auch nicht daran erinnerte, eins haben zu müssen. Der Körper fordert gnadenlos sein Recht ein. Aus all den Monaten, die er hungernd verbrachte, macht er Minuten, die er mit Nahrung füllt. Es ist leichter, Fett aus dem Körper zu hungern, um abzunehmen, als den Kalorien zu widerstehen, die einem der Heißhunger schmackhaft macht. Man isst nicht mehr – man hungert oder man frisst. Doch irgendwann kann man nicht mehr genug hungern, um nicht zu zunehmen, weil man zuviel isst, um abzunehmen. Dann steht man plötzlich nicht mehr allein auf der Waage, sondern mit allem, was man nie mehr hatte essen wollen.

Ich denke, wir müssen lernen, uns zu verzeihen. Uns selbst zu verzeihen. Es ist das Schwierigste. Es ist das Schwierigste, sich selbst zu verzeihen. Weil wir wochenlang hungern und wissen, warum und dann fressen und nicht wissen, warum. Wir wissen, was wir wollen und was wir dafür tun und vergessen, dass unser Körper auch etwas will und weiß, was er dafür tun muss. Das Ich in uns ist nicht willensschwach oder undiszipliniert, wenn aus hungern essen oder fressen wird. Es ist der Körper um uns, der sein inneres Ich zu erhalten versucht und so starke Gefühle in ihm entwickelt, die für uns als heißer Hunger im Magen spürbar werden. Wir müssen uns verzeihen. Nicht, weil wir fressen, sondern weil wir hungern und daher fressen. Unser Körper reagiert nur auf das, was wir mit ihm machen. Und diese Reaktionen werden nicht nur sichtbar durch die kleiner werdenden Zahlen auf der Waage, sondern sind auch unsichtbar in uns. Und wenn unser Körper zu viele Reaktionen auf den Gewichtsverlust in sich verarbeiten muss, kommt es irgendwann zum großen Anfall. Zum Fressanfall. Die Lust am Essen und der Frust am Fressen. Das zu verzeihen ist schwerer, als einem anderen Menschen zu verzeihen, der einfach nur einen Fehler begangen hat. Sich selbst zu verzeihen ist das Schwierigste, wenn man das Leichteste will. Sich zu verzeihen, dass man Mensch ist und der Hunger übermenschlich geworden ist. Zu groß, für das Ziel, immer kleiner zu werden.

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25.8.09 16:09

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


rose / Website (26.8.09 12:37)
Hast du schonmal überlegt ein Buch zu schreiben?
Hab ich dich das schonmal gefragt oder immer nur gedacht?
Deine Texte haben so etwas fesselndes...irgendwie wie eine übernatürliche Sicht auf die Essstörung..das gefällt mir,da es sich mächtig abhebt..
trotzdem erkennt man auch teile von dir,deiner Persönlichkeit..es ist einfach gut.
Liebe Grüße
rose


Luna / Website (29.8.09 08:07)
Ich find Roses Idee gar nicht mal schlecht
Das nur nebenbei.

Ich erinnere mich auch nicht daran, weil ich wohl Fressanfälle seit der ersten Klasse habe. Ich weiß nicht besonders viel über mein früheres Essverhalten, ich weiß nur, dass es sich vor etwa anderthalb Jahren in die entgegengesetzte Richtung bewegte.
Von daher dürfte es schwierig sein, zu sagen, wann genau mein gestörtes Essverhalten zu dem wurde, was es ist (nämlich gestört). Wenn man sein ganzes Leben innerhalb einer Essstörung verbringt und niemand annimmt, dass es sich um so etwas wie eine Störung handelt und einen darauf anspricht, dann wird man vielleicht nie lernen, was es heißt, "normal" zu essen. Das habe ich nämlich nie gekonnt.

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