* Kuchen (ver) suchen *

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Advent, Advent, der Heißhunger brennt. Erst ein-, dann zwei-, dann drei-, dann viermal. Dann steht der Fressanfall vor der Tür. Lebkuchen und Christstollen, Zimtsterne und Vanillekipferl heizen uns rechtzeitig zum Winteranfang ein und machen aus einer gesunden Ernährung mit Birnen und Bohnen Speck. So wird die Spätschicht auf der Arbeit zur Speckschicht auf dem Bauch. Dass Arbeit nicht frei macht, wissen wir, aber dass Arbeit dick macht, noch nicht. An solchen Tagen kann ich zwar weniger essen, weil ich nicht zuhause bin, aber während der Dienstzeit umso mehr fressen, weil ich ausgehungert bin. Der Spätdienst ist gut um abzunehmen, weil man von mittags bis abends arbeitet und genauso schlecht um abzunehmen, weil man mit Kuchen und Keksen arbeitet. Zur Kaffeezeit am Nachmittag werden aus uns Pflegerinnen Verpflegerinnen. Es gibt Tage, an denen nehme ich nicht wahr, dass es ein Kuchen ist und was es für ein Kuchen ist. Und es gibt Tage, an denen ich nichts anderes wahrnehme, als dass es ein Kuchen ist und wofür ein Kuchen ist. Ich denke nicht mehr daran, wer den Kuchen essen sollte, sondern denke nur noch daran, dass ich ihn essen könnte. Statt zu arbeiten, arbeitet es in mir. Ich bin nicht mit meinen Aufgaben beschäftigt, sondern mache es mir zur Aufgabe, Kuchen zu beschaffen: Das erste nahm ich aus der Küche, das zweite vom Servierwagen und das dritte aus dem Wäscheschrank, nachdem ich es dort verborgen hatte. Das erste Stück aß ich um 14.45 Uhr, das zweite um 16.15 Uhr und das dritte um 19.30 Uhr. Das erste Stück aß ich heimlich, das zweite öffentlich und das dritte versteckt. Das erste aß ich heimlich im Patientenzimmer, während ich eine demente Frau fütterte. Das zweite aß ich öffentlich am Schreibtisch, während ich die Akten schrieb. Das dritte aß ich versteckt im Badezimmer einer Patientin auf dem Toilettendeckel sitzend, während sie nebenan schlief. Das erste Stück musste ich im Nachtschrank verstecken, weil meine Kollegin immer wieder hereinkam. Das zweite musste ich beiseite schieben, weil ich immer wieder unterbrochen wurde. Und das dritte musste ich mir mit den Fingern in den Mund stopfen, weil ich immer wieder auf die Uhr sah. Das erste aß ich mit Genuss, das zweite mit Gewohnheit und das dritte ohne Geschmack. Das erste schmeckte mir sehr gut, das zweite gut und das dritte schlecht. Es war schlecht, ich war schlecht und mir war schlecht. Es war schlecht, weil ich seinen Geschmack nicht mehr wahrnahm. Ich war schlecht, weil ich meine Disziplin nicht mehr ernst nahm. Und mir war schlecht, weil mein Körper nichts mehr annahm. Übelkeit durch ein Übermaß an Essen ist ein entsetzliches Gefühl. Du fühlst dich krank und bist selbst schuld daran. Es ist Selbstverschulden, es ist Maßlosigkeit, es ist schambehaftet. Dabei bist du ja wirklich krank, aber deine Übelkeit ist dabei das geringste Problem. Schon als ich den Servierwagen aus der Küche geholt und den Kuchen gesehen hatte, wusste ich, ich würde ihn essen. Ich wusste, ich würde ihn essen müssen, weil es eine neue Sorte war. Ich wusste, ich würde ein Stück probieren müssen. Dabei hätte ich wissen müssen, dass es nicht an der neuen Sorte lag. Und dass es nicht bei einem Stück bleiben würde. Vielleicht hätte ich es schon wissen müssen, bevor ich den Kuchen sah. Und eigentlich hätte ich es schon wissen müssen, bevor ich zur Arbeit antrat. Immer wieder denke ich, solche Tage kommen nicht wieder. Aber sie kommen und gehen wie die Kilos, die sie mir überlassen und ich übergebe. Wie das Fett, das sie mitessen und ich weghungere. Immer wieder. Wenn sie auch Wochen und Monate zurückliegen und ich auch gesund und ausgewogen esse. Sie kommen wieder. Finde ich mich damit ab, ist es wie eine Erlaubnis zum Fressen, ist es wie eine Einladung zum Essen. Und so lag es nicht am Spätdienst und nicht am Kuchen, so lag es an mir und meiner Ess-Störung. Wochen- und monatelang verleiht sie mir Kontrolle über mein Essverhalten, um meinen Körper dünner und mein Leben leichter zu machen. Und dann nimmt sie mir alles. Meine Selbstbeherrschung, meine Selbstachtung, mein Selbstbewusstsein. Alles, was ich nicht verdient habe, nachdem ich habe sündigen müssen. Und gibt meinem Körper alles. Seine Kalorien, sein Fett, sein Gewicht. Alles, was er verdient hat, nachdem er hat hungern müssen. Dabei war es schon ein großer Fortschritt, dass ich diese drei Stück Kuchen nicht hintereinander und auf einmal, sondern über den Tag verteilt und in Abständen von Stunden gegessen hatte. Und doch, ich bezeichne diese Momente dann immer noch als Fressorgie, Fressattacke oder Fressanfall. Weil ich durch die Beschäftigung mit Ess-Störungen nur noch in Krankheitsbildern denke und damit auch mit meinem eigenen Essverhalten diesem Ordnungssystem unterliege. Damit drücke ich mir selbst den Stempel auf, der mich letztendlich genauso handeln lässt, wie es dieser vorsieht. Ich fühle mich gleichermaßen selbst überführt und bestätigt, dass ich essgestört sein muss. Ich vergesse alles um mich herum und ich esse alles um mich herum. Dabei esse ich gar nicht alles. Es gibt Kuchen, den ich nicht mag. Aber es gibt keinen Kuchen, den ich deswegen nicht essen mag. Den ich nicht essen würde. Ich esse ihn, weil es Kuchen ist. Nicht weil er schmeckt oder ich hungrig bin. Weil es Kuchen ist. Hastig stach ich mit den Zinken der Kuchengabel in den saftig weichen Teig. Es war ein einfacher brauner Rührteig, in dessen Inneren Kirschen versunken waren und auf dessen Äußeren Marzipan verstrichen war. Ich schob mir schnell einen Bissen davon in den Mund. Es war nicht so, dass es besonders lecker war. Es war nicht mal so, dass ich gern weiter gegessen hätte. Es war nur so, dass ich es mir erlaubt hatte. Es war wie eine Lücke im Sicherheitssystem, die immer größer wurde, je mehr ich aß. Und je größer die Lücke wurde, desto weiter öffnete sich die Futterluke. Dann ist die Freude über das Essen so groß, dass der Geschmack ganz klein wird. Es geht gar nicht mehr daran, was ich esse, sondern das ich esse. Noch während ich das eine Stück Kuchen hinunterschlinge, denke ich schon an das nächste. Ohne hinterher zu wissen, wie beide geschmeckt haben. Und manchmal ist die Erwartung auf das Essen so groß, dass die Enttäuschung nicht kleiner ist. Und trotzdem esse ich weiter, weil ich es mir erlaubt habe und diese Erlaubnis nur heute gilt. Und trotzdem esse ich weiter, ob ich Appetit habe oder nicht. Weil ich weiß, dass es immer geschmeckt hat und esse weiter, bis es wieder schmeckt. Dabei lässt der Geschmack immer weiter nach. Das erste Stück ist so süß, dass mir vor Genuss die Tränen in die Augen schießen und das letzte liegt so schwer, dass mir vor Scham die Tränen in den Augen stehen. Es liegt jetzt schwer im Magen und heute schwer auf dem Gewissen und morgen schwer auf der Waage. Gern hätte ich mich genauso niedergelegt, weil ich nicht mehr aufrecht stehen konnte. So stützte ich mich in der Damentoilette am Waschbecken ab. Minutenlang. Bewegungslos. Ich rollte das Shirt hinauf zur Brust, unter der sich eiförmig mein Bauch vom Busen bis zur Scham wölbte. Der Nahrungsbrei quoll mir die Speiseröhre rauf und runter. Ich brachte mich schon allein durch den bloßen Gedanken an das rückgängig machende Erbrechen zum Aufsteigen der zuvor genossenen Süße. Als letzten Schritt musste ich mir nur noch den Finger in den Hals stecken, um den Würgereflex auszulösen. Ich näherte den Zeigefinger den Lippen, die sich langsam öffneten, schob ihn in die Mundhöhle, legte ihn auf den hinteren Zungenabschnitt und glitt ein Stück nach hinten in den Rachenraum. Ich brauchte nur noch etwas tiefer mit dem Finger den Hals hinunterzufahren und ich wäre augenblicklich erlöst. Minutenlang rang ich mit mir, stand bewegungslos am Becken, über dem der Spiegel mir mein Gesicht vor Augen hielt. Ausdruckslos starrte mein Gegenüber zurück. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Ich fühlte immer wieder in mein Körperinnerstes. Nahm den heftigen Magendruck wahr. Er war so überdehnt, dass er meinem Herzen den Platz zum Schlagen nahm. Ich spürte sein Pumpen gegen meine Magenwände klopfen und im gesamten Oberkörper nachhallen. Es raste vor Anstrengung und Überlastung und schlug mir bis zum Hals, in dem ich gleich meinen Finger verschwinden lassen würde. Sollte. Müsste. Und es doch nicht konnte. Die aufgenommenen Kalorien blieben, wo sie waren. Ich brachte es nicht über mich. Dabei waren es weniger die dick- und schwermachenden Kalorien in mir, die ich loswerden wollte, als einfach das Gefühl, den Darm zu entleeren, um die Übelkeit zu lindern. Ich konnte fressen aber nicht erbrechen. Ich konnte nicht zuende bringen, was ich angefangen hatte. Ich würde wieder werden, wie ich war: Dick. 

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17.12.09 09:24

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


rita / Website (17.12.09 10:10)
hey, das kenne ich nur zu gut.Wenn ich mir einmal etwas "erlaube" kann ich oft auch nicht mehr aufhören. Das allerschlimmste -finde ich -ist aber der morgen danach.ich habe hunger,aber trotzdem noch so ein ekliges gefühl im magen und sehe, wie rund mein bauch immernoch ist.schrecklich.dieses jahr lief aber bis jetzt alles gut, nur hier und da mal ein paar Kekse..komisch.
alles liebe
rita


feelbig / Website (17.12.09 21:03)
uff...du sprichst mir total aus der seele.Zurzeit fange ich wieder an zu benehmen...disziplin zu haben..bis ich mich sowas hingebe.weil ich stundenlang,tagelang,monatelang an fettiges kalorienreiches essen denke.und dann hat man so schnell alles zerstört..es sind nicht nur die kilos am nächsten tag,sondern auch die disziplinlosigkeit,die dann wieder weg ist.gleichgültigkeit...jedes mal schreibe ich dann nicht mehr in mein blog und eröffne ihn neu,wenn ich wieder bereit bin -.-


Black Rose / Website (21.12.09 15:26)
danke für dein liebes kommi =)
dein letzter eintrag kommt mir seeeehr bekannt vor...so geht es mir momentan jeden tag...
ich mag deinen blog.der ist so schön kreativ.
lg


(8.3.10 21:29)
du beschreibst genau das gefühl, das ich ebenfalls habe. unglaublich dass du für dich genau so aus meiner seele sprichst. ich drück dich und hoffe so sehr, dass wir irgendwann die beherrschung wiederfinden

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