* Montag(sMüll) & Freitag(sFressen) *

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Die Müllabfuhr kommt montags. Alle zwei Wochen montags. Das ist selten. Zu selten, um den Mülleimer mit dem Essen zu füllen, das sonst meinen Magen füllen würde. Zu selten, um das Essen nicht wieder herausholen zu können. Mein neues Leben beginnt montags. Alle zwei Wochen montags. Das ist oft. Zu oft, um das Leben mit der Diät durchzuhalten, die sonst immer wieder verschoben würde. Zu oft, um die Diät nicht wieder abbrechen zu können. Mein neues Leben beginnt, wenn die Müllabfuhr kommt und das Essen mitnimmt, das ich in dem neuen Leben nicht mehr essen darf. Die Müllabfuhr kommt, wenn mein neues Leben beginnt und die Diät mitbringt, die ich in dem neuen Leben nicht mehr abbrechen darf. Und das immer montags. Alle zwei Wochen montags eine volle Mülltonne, die geleert werden soll und alle zwei Wochen ein altes Leben, das ein neues werden soll. Eine Mülltonne voller Essensreste, die nicht verdorben sind. Nur Essensreste, die mir die Figur verderben würden. Ein Leben voller Vorsätze, die nicht eingehalten werden. Nur Vorsätze, die mein Gewicht halten würden. In der Nacht von Sonntag auf Montag bringe ich den Müll raus. In der Nacht von Sonntag auf Montag kotze ich mein Leben aus. Im Schlafanzug bringe ich die letzte Mülltüte an die Straße, wo die Tonne zum Abholen bereit steht. Im Schlafanzug kotze ich die letzten Kalorien in die Toilette, wo sie zum Wegspülen bereit liegen. Draußen auf dem Weg zur Mülltonne friere ich vor Scham. Drinnen auf dem Weg zur Toilette schwitze ich vor Anstrengung. Draußen an der Mülltonne verstecke ich die letzte Mülltüte unter denen, die schon in ihr liegen. Drinnen in der Toilette versenke ich die letzten Kalorien unter denen, die schon in ihr schwimmen. In der Nacht von Sonntag auf Montag werfe ich ihn und es weg. Den Müll und das Leben. Beides zusammen. In Tonne und Toilette. Der Sonntag gibt mir den Rest. Sonntags gibt es Lebensreste und Essensreste. Den Rest meines alten Lebens und den Rest seines alten Essens. Sonntags stecke ich alles weg. Stecke alles in Mund und Tonne. Alles muss weg. Durch den Mund in den Magen des Müllschluckers oder durch die Tüte in die Tonne der Müllabfuhr. In der Nacht von Sonntag auf Montag schmeiße ich alles weg. Mein Leben und mein Essen. Mein Leben, weil ich es so nicht mehr leben will und mein Essen, weil ich so nicht mehr essen will. Essen ist mein Leben. Es ist das Essen, das ich nicht mehr will und es ist das Leben, das ich nicht mehr will. Nichts darf übrig bleiben von meinem alten Leben und seinem alten Essen. In der Nacht von Sonntag auf Montag wird alles anders werden. Es sind die letzten Stunden in der Nacht von Sonntag auf Montag. Es sind die letzten Stunden der letzten Nacht in meinem alten Leben. In einer Nacht, in der ich nicht schlafen werde. Nicht schlafen kann, weil mein überfüllter Magen mir die Luft zum Atmen und meinem Herzen den Platz zum Schlagen nimmt. Ich kann nicht stehen, nicht sitzen, nicht liegen. Bis ich umfalle. Bis mich am Montagmorgen der Lärm von dem großen orangefarbenen Laster vor unserem Haus aus dem Kalorienkoma reißt und mich daran erinnert, dass heute der erste Tag meines neuen Lebens ist. Sein soll, weil ich es so nicht mehr will. Sein muss, weil es so nicht weitergehen kann. Der Tag hat gerade erst begonnen und ich bin schon am Ende. Mit ihm sollte ein ganz neues Leben anfangen, aber er beginnt, wie das alte endete. Denn montags kommt die Müllabfuhr. Montags wird mir das Leben genommen. Die Müllabfuhr nimmt es mir. Nimmt es mit. Mein Leben, das das Essen ist. Mein Leben, das ich in die Tonne getreten habe und mein Essen, das ich in die Tonne geworfen habe. Damit am Montag alles anders werden kann. Damit alle zwei Wochen montags alles anders werden kann. Montags kommt die Müllabfuhr. Nimmt den Müll und gibt das Leben. Holt das Essen ab und bringt den Hunger mit. Aber auch im neuen Leben gibt es nicht nur Montage. Es gibt Wochenenden. Wochenenden mit Sonntagen. Sonntage mit Nächten von Sonntag auf Montag. Und vor den Wochenenden und vor den Sonntagen und bevor es wieder Montag wird, gibt es Freitage. Freitage, an denen eingekauft wird. Eingekauft für das Wochenende. Freitags wird eingekauft. Jede Woche Freitag. Der Freitag gibt das Essen und nimmt den Hunger. Der Freitag holt die Diät und bringt den Fressanfall. Freitags wird eingekauft. Jede Woche Freitag. Das ist oft. Zu oft, um das Leben mit der Diät durchzuhalten, die sonst immer wieder verschoben würde. Zu oft, um die Diät wieder abbrechen zu können. Zweimal im Monat eine leere Mülltonne, die Montag in zwei Wochen wieder voll sein wird und zweimal im Monat ein neues Leben, das Montag in zwei Wochen wieder das alte sein wird. Weil es auch im neuen Leben Freitage gibt. Freitage, an denen eingekauft wird. In Läden, in denen es nicht nur Obst und Gemüse gibt. Das Essen, das montags noch in der Mülltonne lag, liegt freitags wieder im Kühlschrank. Und das Essen, das freitags noch im Kühlschrank lag, liegt montags wieder in der Mülltonne. Oder in der Toilette. In Form von Erbrochenem. Oder auf der Waage. In Form von Fettpolstern. Montags kommt die Müllabfuhr und nimmt das Essen. Freitags kommt der Einkauf und bringt es wieder. Montags bei dem Blick auf die Waage bin ich schwerer und freitags bin ich leichter. Montags bei dem Blick in die Tonne bin ich erleichtert und freitags ist es schwerer. Und auch im neuen Leben kommt die Müllabfuhr montags. Alle zwei Wochen montags eine leere Tonne und ein neues Leben. Die Müllabfuhr kommt und bringt ein neues Leben. Und alle zwei Wochen freitags kommt der Einkauf und bringt das alte wieder zurück. Das neue Leben, das freitags wieder ein altes ist oder freitags das alte wird. Und freitags kommt der Einkauf. Und montags kommt die Müllabfuhr. Und dazwischen wird gefressen als ob es kein Morgen gibt. Aber bisher gab es immer ein Erwachen. Am nächsten Morgen, wenn wieder Montag ist. Ein Montag in einem anderen Leben.

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9.2.10 16:54

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


ana free angel / Website (9.2.10 18:14)
Hi na? Das wir schon.

An irgendeinem Montag wirst
du aufwachen und dizipliniert bleiben!
Ganz bestimmt! Einfach die Hoffnung nich aufgeben, dann muss es ja bestimmt mal klappen...
Drück dir ganz fest die Daumen!
Alles Liebe! Stay strong go on!

xoxo ana free angel


lucymes / Website (10.2.10 12:22)
hm, das kenne ich etwas anders... wenn ich etwas in den müll schmeiße, habe ich es im nächsten moment vergessen. k.a. warum...wie bei der mangelnden objektpermanenz bei säuglingen


Seelen.Spiel / Website (10.2.10 19:54)
Ich habe dafür grade keine Worte... nicht aufgeben.

Danke für den liebe GB-Eintrag bei mir, hab mich sehr gefreut von dir bei mir zu lesen. Danke


Anni / Website (17.2.10 00:57)
Hallo! Ich bin sprachlos und gerührt... Bist du ich-bin ich du? Danke danke danke für diese Worte, sie schwirren grad noch um mich und in mich und nehmen mich ein und werfen mich um und bauen mich auf. Danke.

Ich habe auch einen Blog:
http://gotkirsched.tumblr.com
und den hier:
http://halbierung.tumblr.com/

Mir gehts genauso.

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