* Schokoladen (st) erben *

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Es war ein Dienstagabend im November, der bald zuende gehen wird. Auf der regennassen Fahrbahn spiegelte sich die Straße, wie bald die Leinwand sein Gesicht zeigen wird. Die Stadt lag im Dunkeln, wie seine Seele, die bald dem Licht entgegengehen wird. Der Zug raste so schnell heran, wie bald die Nachricht über seinen Tod verbreitet wird. Bald hätte er keine Angst mehr haben müssen, sein Kind zu verlieren, denn bald hätte er seine Adoptivtochter zugesprochen bekommen. Bald hätte er zu seiner Krankheit stehen können, denn bald hätte er Verständnis für sie bekommen. Aber nun wird bald aus einem Fußballstadion eine Gedenkstätte werden, aus einem Fußballspiel eine Trauerfeier, aus Fußballfans eine Trauergemeinde und aus einem Fußballtrikot ein Trauerflor. Er hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt und doch wird er jetzt auf der Mittellinie liegen. Liegen in der Mitte des Spielfeldes. Liegen in einem Sarg. Seine Mannschaftskollegen werden an seine Seite treten. So, wie sie ihm hätten beistehen müssen, als er sich im Abseits fühlte. Sie werden ihn auf ihre Schultern heben, so wie sie ihn hätten aufrichten müssen, als seine Krankheit ihn brach. Sie werden ihn stützen, so wie sie ihn hätten unterstützen müssen, als ihm nichts mehr eine Stütze war. Sie werden ihn tragen, so wie sie sich hätten vertragen müssen, als der Sport zur tragenden Rolle wurde. Sie werden ihn fort bringen, so wie sie ihm mehr hätten entgegenbringen müssen, als ihm nichts mehr etwas brachte. Sie werden ihn begleiten, wie man nur jemanden begleiten kann, dem man nur noch das letzte Geleit geben kann. Sie weinen um ihn, wie man nur um jemanden weinen kann, von dem man nicht wusste, welch schweres Leid ihm sein Leben war. Sie spielen Musik für ihn, die man nur spielen kann, wenn das Spiel des Lebens ausgespielt ist. Sie singen dieses Lied für ihn, das man nur singen kann, wenn man ahnt, wie unendlich tief der Schmerz war…

 

Liebe ist wie wildes Wasser, das sich durch Felsen zwängt.

Liebe ist so wie ein Messer, das dir im Herzen brennt.

Sie ist süß und sie ist bitter, wie ein Sturmwind und ein Hauch.

Für mich ist sie eine Rose, für dich ein Dornenstrauch.

 

Wer nie weint und niemals trauert, der weiß auch nichts vom Glück.

Wer nur sucht, was ewig dauert, versäumt den Augenblick.

Wer nie nimmt, kann auch nicht geben, und wer sein Leben lang

Immer Angst hat vor dem Sterben, fängt nie zu leben an.

 

Wenn du denkst, du bist verlassen, kein Weg führt aus der Nacht,

fängst du an, die Welt zu hassen, die andere glücklich macht.

Doch vergiss nicht, an dem Zweige dort, der im Schnee beinah erfror,

blüht im Frühling eine Rose und das so schön wie nie zuvor.

 

Er war bekannt für seine sportlichen Erfolge. Er war bekannt für sein soziales Engagement. Er war unbekannt für seine seelische Krankheit. Er war Robert Enke. Robert Enke, der jetzt bekannt ist für seinen Selbstmord und für seine Depressionen. Der jetzt ein Thema zur Sprache bringt, dass er selbst lieber verschwieg. Hoffentlich gibt er damit all den Menschen, die ihre Krankheit still ertragen, eine Stimme. Hoffentlich legt er damit all den Menschen, die ihr Leid nicht klagen, die Worte in den Mund, die er nun nicht mehr aussprechen kann. Hoffentlich gibt er damit all den Menschen, die Schmerzen haben, die Kraft zum Hilferuf. Damit sein Tod nicht umsonst war. Damit nicht nur Robert Enke unvergessen bleibt, sondern mit ihm auch die Kranken nicht, die unter uns sind. Damit Robert Enke ein Vorbild für das Erreichen sportlicher Erfolge bleibt und keins für das Aufgeben gegen eine Krankheit wird. Damit Krankheiten nicht länger totgeschwiegen werden. Denn sie sterben nicht aus, nur weil wir ihnen taub gegenüber werden.

Ich schweige nun seit drei Jahren. So wie Robert Enke geschwiegen hat und nun für immer schweigen wird. Ich werde mein Schweigen nicht brechen, auch wenn ich schon viel gebrochen habe. Ich schweige mich aus und spreche andere an, statt mich auszusprechen und andere anzuschweigen. Denn ich spreche über Ess-Störungen, aber spreche niemals aus, dass ich essgestört bin. Ich rede über sie, aber ich sage nie, dass von mir die Rede ist. Ich erzähle von ihnen, aber ich erwähne nicht, dass ich zu ihnen zähle. Ich höre ihnen zu, aber ich füge nicht hinzu, dass ich dazu gehöre. Obwohl ich sprechen, reden und erzählen möchte, weil es viel darüber zu sagen gibt. Manchmal möchte ich es in die Welt hinaus schreien, anstatt es in mich hineinzufressen. Manchmal möchte ich lieber etwas ausfressen anstatt immer wieder schlucken zu müssen. Manchmal möchte ich nicht länger den Mund halten, sondern mir das Maul darüber reißen. Aber ich könnte es nicht rückgängig machen. Ich könnte es nicht rückgängig machen wie ich einen Fressanfall durch Erbrechen rückgängig machen oder eine Gewichtszunahme durch Gewichtsabnahme rückgängig machen könnte. Die Ess-Störung erlaubt mir, mich nicht entscheiden zu müssen. Sie erlaubt mir, alles rückgängig machen zu können. Mich nicht entscheiden zu müssen zwischen Frau- oder Kindsein und zwischen Essen oder Schlanksein. Ich kann Frau werden, ohne Rundungen und ohne Menstruation. Weil die Ess-Störung die Weiblichkeit rückgängig machen kann. Ich kann Kind bleiben, ohne Pubertät und ohne Sexualität. Weil die Ess-Störung die Kindheit zurückholen kann. Ich kann Schlanksein, ohne zu verzichten und kann Essen, ohne zuzunehmen. Weil die Ess-Störung es ausbrechen oder Hunger erträglich machen kann. Nur das ausgesprochene Wort kann sie nicht zurückgeben wie eine zu kleine Kleidergröße. Die Ess-Störung will sich nicht entscheiden zu müssen. Aber irgendwann stellt sie einen vor die Entscheidung. Die Entscheidung, die Ess-Störung zu verraten, um beraten zu werden. Eine Entscheidung, die man nicht rückgängig machen kann. Und das ist auch besser so, bevor die Ess-Störung selbst eine Entscheidung trifft: Leben oder Tod.

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15.3.10 18:12

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Steffi (15.3.10 22:29)
Wow, was für ein tolles Gedicht. Stammt es von dir? Ich war gerade wirklich sehr gerührt. Besonders die vier Zeilen:

"Wer nie nimmt, kann auch nicht geben, und wer sein Leben lang
Immer Angst hat vor dem Sterben, fängt nie zu leben an.
Wenn du denkst, du bist verlassen, kein Weg führt aus der Nacht,
fängst du an, die Welt zu hassen, die andere glücklich macht."

Sie sprechen mir irgendwie aus der Seele. Weil ich Schwierigkeiten habe zu nehmen und es zunehmend schwerer wird zu geben? Dabei geb ich gerne viel, aber es fehlt einem doch so oft die Kraft. Und auch der absurde Hass auf die Welt, obwohl sie mich doch auch mal glücklich gemacht hat. Es liegt nur so weit zurück in einem entschwundenen Land, das ich mich kaum noch erinnern kann. Und dann sitzt man da und kann sich nicht entscheiden, für oder gegen die Essstörung, für oder gegen das Starksein, für oder gegen das Erwachsensein - und statt dessen sitzt man da und tut einfach nix, vor lauter Angst das es doch die falsche Entscheidung sein könnte.

Danke für deinen Blog -
er ist einfach fantastisch!

Steffi


Anke / Website (18.3.10 15:05)
Hallo!

Ich lese nun schon eine geraume Zeit deinen Blog regelmäßig. Du schreibst wirklich wunderbar und stehst trotz der ES scheinbar im Leben. Das ist gut. Ich habe auch eine ES und rede gern über das Thema, immerhin drehen sich ja sowieso 95% aller Gedanken um Nahrung. Auch ich gebe aber nie zu erkennen, wie teif ich mich in den dunklen Seiten auskenne. Das wollte ich die mitteilen. Du bist nicht allein.

LG Anke


Black Rose / Website (20.3.10 19:13)
hey,
danke für dein GB- Eintrag. Ich hab mich total gefreut =)
Ich liebe deinen Blog und deine Art zu schreiben. Mach weiter so.
Liebe Grüße

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