* süße Lüge & bittere Wahrheit *

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Nichts stimmt. Nichts stimmt mehr von dem, was hier steht. Es stimmt alles schon lange nicht mehr. Denn bei mir stimmt etwas nicht. Bei mir stimmt gar nichts mehr. Es sind die ersten sonnigen Frühlingstage, die Licht ins Dunkel bringen. Es ist der wolkenlose Himmel im Frühjahr, der sich nicht länger das Blau herunter lügen lässt. Es sind die milden Temperaturen, die mir den Deckmantel des Schweigens wie ein leichter Windhauch von den Schultern gleiten lassen. Der Mantel, der die Wahrheit verhüllt und meinen Körper enthält. Der Mantel, der mein Wintermantel ist. Der im vergangenen Herbst zu groß war und ich zu dünn. Der jetzt zu klein wird und ich zu dick. Aus dessen schützenden Kokon ich mich einmal wie ein Schmetterling aus seiner Verpuppung lösen und in die Lüfte empor steigen wollte. Aber der Schmetterling ist eine Raupe geblieben und zu schwer zum Fliegen. Der Winter ist gegangen, ohne sich zu verabschieden. Der Frühling ist gekommen, ohne sich vorzustellen. Der Frühling ist zu früh und der Winter war zu lang. Es gab zu viel Futter und zu wenig Wärme. Das Futtern wärmte. Und was im Winter wärmte, macht im Frühling zu schwer zum Fliegen. Das Fett. Die fette Verpuppung. Der fett verpuppte Kokon. Er hält mich auf dem Boden. Er zwingt mich in die Knie. Er macht mich klein. Statt mich aus mir herauskommen zu lassen, stülpt er mich nach innen. Versenkt mich tief in mir selbst und lässt mich nur noch von dort unten auftauchen, um Beute zu verzehren. Beute für die Raupe Nimmersatt. Längst ist sie selbst zur Beute geworden. Gedanken fressen sie auf. Nagen an ihr. Schmerzhafte Gewissensbisse. Leckt ihre Wunden. Leckt sich fett. Und lässt nichts mehr stimmen. Nichts mehr von dem, was hier über mein Gewicht und meine Maße steht. Es stimmt schon lange nicht mehr. Denn bei mir stimmt etwas nicht. Bei mir stimmt gar nichts mehr. Ich war leichtgewichtig und maßvoll gewesen und bin schwergewichtig und maßlos geworden. Das letzte halbe Jahr war leicht, aber ich habe es mir schwer gemacht. Nichts passt. Nichts passt mehr von dem, was ich anziehen möchte. Es passt alles schon lange nicht mehr. Mir passt gar nichts mehr. Denn mir passt etwas nicht und ich weiß nicht, was es ist. Was mich zwischen Essen und Hungern wechseln lässt, was die Waage zwischen Unter- und Übergewicht pendeln lässt, was mich zwischen engen und weiten Kleidern entscheiden lässt. Was die Ursache ist. Die Ursache, dass nichts stimmt. Nichts stimmt mehr von dem, was ich im Spiegel sehe. Der Deckmantel des Schweigens ist mit dem stürmischen Eintreten des Frühlings von meinen Schultern gerissen und davon getragen worden. Hinter mir zu Boden gegangen, nachdem er mir in den Rücken gefallen ist. Der Deckmantel, mein Versteckmantel. Er sagte, er würde die Wahrheit verhüllen und nicht meinen Körper enthüllen. Der Mantel, der mein Wintermantel war. Doch jetzt bin ich entblößt. Zwischen Winter und Frühling. Der Schnee vor meinem Fenster ist geschmolzen und ich sehe auf flaches Land. Auf grauen Stein und grüne Pflanzen. Der Mantel um meinen Körper ist ausgezogen und ich sehe auf nackte Haut. Auf weiße Fettrollen und tiefe Dellen. Ich will mich nicht ansehen müssen, aber ich darf nicht länger wegsehen. Ich versuche, mich mit den Augen einer Fremden zu betrachten, um mir eine objektive Meinung zu bilden. Das ist nicht schwer, denn ich erkenne mich nicht wieder. Ich weiß nicht, wie ich das habe zulassen können und frage mich, ob ich wirklich schon dick bin oder einfach nur normalgewichtig. Ich kann nicht glauben, dass ich mir diese Frage überhaupt stellen muss. Frage mich, ob es eigentlich richtig und gar nicht so sehr falsch ist. Ob es ein gesundes Essverhalten ist oder gerade eins wird. Anstatt eine Antwort darauf zu geben, wandert mein Blick weiter über meine neuen Rundungen und sucht Halt an den letzten Knochenvorsprüngen, die mir bestätigen könnten, dass ich mir noch einen weiteren Fressanfall erlauben kann. Aber was ich sehe, verdirbt den Appetit und stellt alles in Frage. Die Frage, ob ich jemals wieder die Kraft und das Durchhaltevermögen aufbringen kann, um wieder dünn zu werden. Aber diesmal wird bloß dünn nicht mehr gut genug sein. Genauso beschäftigt mich das Gegenteil. Die Frage, ob ich nicht glücklicher wäre, wenn ich endlich damit aufhören würde. Wenn ich nur aufhören könnte. Aber so ertrage ich mich nicht. Ich fühle mich fremd in meinem eigenen Körper. Er fühlt sich ganz anders an. Er ist rund und weich. Er nimmt mir Platz weg und steht mir im Weg. Das bin nicht mehr ich. Ich kann nicht glauben, was passiert ist. Dass es wieder passiert ist. Und dass es so schnell passiert ist. Was schnell passiert, ist das verdecken der nackten Tatsachen. Schnell schlüpfe ich in meinen Schlafanzug. Schlabberlook mit Gummizughose und weitem, langem Oberteil. Ich will keine Kleidung spüren, die mich mich selbst spüren lässt. Keine Kleidung, die mir die Ausmaße meines Körpers bewusst werden lässt. Nichts auf der Haut spüren, was mich einengt. Die weiten Stoffe lassen mich vergessen, dass alles andere eng wird. Es eng wird, noch in diesem Sommer die Raupe schmetterlingsleicht und schmetterlingsgleich werden zu lassen. Ich hülle mich ein. Wieder in eine Decke. Ein Deckmantel des Schweigens, der zuvor ein Wintermantel war. Und fühle mich nicht mehr. Fühle meine körperlichen Grenzen nicht mehr. Ich entferne mich immer mehr von mir selbst. Mein Bild, das ich von mir selbst habe, passt nicht mehr zu dem, was ich sehe. Ich entferne mich von mir und von anderen. Ich kann ihre Umarmungen und Berührungen nicht mehr aushalten. Sie sollen diesen runden, weichen, warmen Körper nicht anfassen. Denn eine meiner größten Ängste dabei ist, jemand könnte bemerken, dass ich zugenommen habe. Würde ich darauf angesprochen werden, würde ich noch im gleichen Moment die nächste Diät beginnen. Aber wie bei allen Betroffenen dieser Erkrankung gibt es keine Bemerkung zu meiner Figur, die ich noch nicht gehört hätte. Und somit bin ich immer und jeder Zeit darauf vorbereitet, mein gestörtes Essverhalten durch Ausreden zu verheimlichen. Würde ich in die Situation geraten, dass jemand die Vermutung äußert, ich hätte zugenommen, würde ich es dennoch nicht abstreiten. Gewichtsveränderungen verleugne ich nur, wenn behauptet wird, ich hätte an Gewicht verloren und es auch der Wahrheit entspricht. Ich könnte nicht zugeben, dass mein gesamtes Denken und mein gesamter Tagesablauf darauf ausgerichtet sind, abzunehmen. Ich würde mich vor anderen schämen, würden sie wissen, wie viel Energie ich in so etwas Unwichtiges investiere. Ich lasse sie in dem Glauben, es sei ganz natürlich für mich, so schlank zu sein und dass es mir keine Anstrengungen abverlangt. Daher würde ich auch nie zugeben, ich hätte mich gehen lassen und mich beim Essen nicht beherrschen können. Wenn jemand meint, zu sehen, ich sei dicker geworden, würde ich natürlich behaupten, es wäre beabsichtigt. Als hätte es mich viel Mühe gekostet und als sei ich stolz darauf. Ich hätte einfach zunehmen müssen, weil ich ja immer viel zu dünn war. Mir ginge es mit dem niedrigen Gewicht ja schließlich nie gut. Als wäre das Untergewicht das Problem und nicht das Übergewicht. Als wäre das zu wenig Essen das Problem und nicht das zu viel Essen.

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26.3.10 16:17

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mara / Website (27.3.10 20:53)
Es verschlägt mir immer wieder die Sprache wenn ich deine Worte lese. Es ist einfach genial wie du mit Worten "spielen" kannst, auch wenn du leider sehr traurig und verzweifelt klingst. Es geht unter sie Haut, zu lesen wie du dich fühlst; ich würde dir daher sehr gerne etwas von der erdrückenden Schwere und Enge nehmen, dir etwas Freiheit und Unbeschwertheit schenken...
Ganz liebe Grüße, Mara


Kinder_Seele / Website (28.3.10 05:30)
Du sprichst aus den Seelen vieler Menschen, denke ich. An dieser Stelle ein großes Danke!

Bin regelmäßige Blogleserin und hab' dich bei mir verlinkt; ich hoffe das geht klar. (:


KaDse / Website (28.3.10 16:18)
ich hoffe und wünsche dir, dass du NICHT mehr abnimmst. du wirst dich schmarzahft daran gewöhnen müssen und ich verspreche dir: du wirst glücklich sein! die ersten wochen sind grausam aber wart nur ab... freunde dich einfach damit an, lass es zu.
es ist so viel besser ohne die scheiß magersucht.
ich hab jetzt klamottengröße 36/38, das kam mir bis vor kurzem wie riesige bettlaken vor! aber das ist es nicht. es ist schlichtweg gesund und völlig normal und zugleich absolut unwichtig.

ich wünsche dir ganz viel kraft und glück!


Jamie / Website (1.4.10 16:20)
so wie du das schreibst, genauso geht es mir. genauso fühle und denke ich und das gleiche ist mir passiert. im letzten monat. ich wog immer 51kg, plötzlich über 54 und habe radikal bis 46 abgenommen alles stück für stück wieder draufgefressen. war bei 54kg, habe wieder versucht abzunehmen, war bei 52kg, wurde krank und bin jetzt bei 56kg und frage mich ob jeder neue tag ein neues höchstgewicht bringt. das bin nicht mehr ich. ich war immer die untergewichtige, die dünne, schmale, zierliche. ich kenne kein NG, und ich will es auch nicht kennenlernen. ich will mich auch nicht fühlen, nichts anziehen, klemme mir die decke im bett zwischen die beine, traue mich keine jeans mehr anzuziehen, würde am liebsten nur noch im dunkeln liegen und darauf warten dünner zu werden. doch da ist die angst alles viel schlimmer zu machen. und ich mache es schlimmer. werde so fett wie noch nie. taste nach meinen hüftknochen, beuge mich nach links und es ensteht eine speckfalte die mich in meiner bewegung einschränkt. ich entdecke dinge die ich noch nie zuvor hatte. weil ich das nicht bin, niemals war. ich fühle mich eklig und spüre bei jedem schritt die 5 überschüssigen kilos. da ist keine leichtigkeit mehr...nur noch tränen und ekel. auch, weil ich zum selbsthass erzogen wurde und gelernt habe alle peinigungen ohne erzieher weiter durchzuführen. egal welche art es ist diese dinge zu verüben, es erscheint mir immer die grausamste, denn essen und gefressen werden ist grausam...

ich wünsche dir alles liebe, du sprichst mir wirklich aus dem herzen. ich bin leider im internet mit meinen formulierungen nicht so befreit wie in meinen stillen dokumenten und büchern, die öffentlichkeit blockiert mich oft. es tut gut situationen zu lesen und zu wissen, da ist jemand der genau das gleiche auf fast die gleiche art durchmacht.


Quejosa / Website (2.4.10 23:28)
Du beschreibst ihn fantastisch, auch wenn er grausam ist, dieser scheinbar nie enden wollende Kampf.. und sprichst so vielen Essgestörten aus der Seele, ich schließe mich da ein.
Ich schicke dir ganz viel Kraft und Zuversicht...<3

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