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... I've come too far to take orders from a cookie ...

*Zartbitterschokolade*

am Ende des Genusses bemerkst du den bitteren Nachgeschmack

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In acht Monaten reduzierte ich mich um über 40 Kilogramm. Zwischen dem 05. Februar und dem 14. Oktober des Jahres 2007. Nachdem ich mir zu meinem Geburtstag im Oktober eine normale warme Mahlzeit in Form eines Restaurantbesuches schenkte, erklärte sich das Ende meiner körperlichen Veränderung wie von selbst für abgeschlossen. Dann hörte ich auf. So plötzlich, wie ich angefangen hatte, hörte ich auf. Einfach nur, weil ich Geburtstag hatte und mir als Wunsch einen Restaurantbesuch erfüllen wollte. Diesen konnte ich mir nur selbst verwirklichen. Und so hörte ich auf und fing an zu essen. Nicht nur an diesem Geburtstag, sondern grundsätzlich fing ich wieder an zu essen. Ohne daran zu denken, dass mein Traumgewicht weiterhin kalorienarm und fettreduziert genährt werden wollte, um in der Wirklichkeit zu existieren. Um im Alltag bestehen zu können. Und mit dem Essen kam der Hunger und mit dem Hunger der Heißhunger und mit den Fressanfällen die Kilos zurück.

Ich begann neben meiner gewohnten Ernährung mittags wieder eine warme Mahlzeit zu essen. Ich glaube, dieses Gefühl niemandem beschreiben zu können und vermutlich werde ich es selbst auch nie wieder auf solch eine Weise empfinden können. Vor Freude standen mir Tränen in den Augen. Ich kaufte mir nach der Arbeit WeightWatchers-Fertiggerichte. Ich vergaß dabei, dass es eigentlich hochwertigere und geschmacklich bessere Kost gibt, als sich auf die Fabrikproduktionen aus Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen zu freuen. Aber vom Kalorienwert her wollte ich auf der sicheren Seite bleiben. Langsam und schrittweise fügte ich nach und nach weitere Lebensmittel, die ich mir monatelang versagt hatte, zu meinem neuen/alten Essensplan hinzu. Ich suchte frühere Lieblingsspeisen durch fett- und kalorienarme Alternativen zu ersetzen. Die befürchteten Magenbeschwerden blieben aus, obwohl mein Körper während der monatelangen Abstinenz wie ein Urmensch ernährt worden war. Auch das Fassungsvermögen meiner Gedärme schien unverändert.

Wochenlanger Urlaub in der Vorweihnachtszeit machte den Zeitpunkt, zu einem normalen Essverhalten zurückzufinden, zu keinem günstig gelegenen. Plötzlich war viel mehr Zeit da, sich mit Essen zu beschäftigen und vor allem viel mehr Nahrung, von der ich mir wieder erlaubte, zu essen. Als ich dann wieder berufstätig war, hatten sich die alten Gewohnheiten längst wieder eingeprägt. Wenn ich nach Hause kam, wusste ich plötzlich nichts mehr mit mir anzufangen. So verbrachte ich die Tage vor dem Fernseher sitzend auf dem Sofa. Und dazu gehörte natürlich seit neustem wieder Schokolade. Obwohl ich mir das Verbot für Schokolade längst wieder auferlegt hatte, gehörte sie doch schon zur Routine. Obwohl die enger werdende Dienstbekleidung mich jeden Morgen an meine Vorsätze erinnerte und ich sehr darunter  litt, blieb es nicht nur bei einem Tag, den ich auf diese Weise verbrachte. Es wurde zu meiner Freizeitbeschäftigung.

Irgendwann begann ich schon am frühen Morgen während der Arbeit Süßigkeiten zu essen. Ich hatte bald herausgefunden, wo Kollegen und Kunden Süßigkeiten hinterlegten und empfand bereits große Vorfreude, mich daran zu bedienen. Ich machte mich regelmäßig daran zu schaffen. Es wurden wahre Glücksmomente im Arbeitsalltag. Nachmittags aß ich den Kuchen, der für die Kunden bestimmt war. Ich musste mir bald eingestehen, dass mich regelrechte Fressanfälle zu diesem Verhalten drängten: Ich aß nicht nur einfach ein Stück Marzipantorte, sondern so viele, wie von den Kunden übrig gelassen wurden. Oder aß sie, bevor die Kunden überhaupt die Möglichkeit dazu bekamen. Hervorgerufen durch diese Heißhungerattacken entfiel sogar der hygienische Aspekt, den ich früher nie außer Acht gelassen hätte: So aß ich Essensreste, die in einem Eimer verworfen waren und anschließend durch das Küchenpersonal weiter an die Landwirte zur Schweinefütterung gegeben wurden. An all die  abstoßenden, ekelerregenden Erzählungen von Bulimie-Erkrankten, die ich gelesen hatte, fühlte ich mich mit Scham erinnert. Außer, dass ich es nicht über mich brachte, solch eine Orgie durch anschließendes Erbrechen rückgängig zu machen, hatte ich plötzlich Verständnis für deren Gefühlslage.

Es war heimliches Essen und heimliches Essen ist nicht genussvoll, sondern erfolgt durch verschlingen großer Bissen. Sodass man unter Zeitdruck hinter verschlossener Tür oder im Fahrstuhl stehend kaum den Geschmack wahrnimmt. Es fühlt sich währenddessen an, als ginge es auch gar nicht um den Geschmack, sondern einzig darum, dass man es sich einverleibt. Es ist das Ausleben einer Sucht. Die Gedanken planen während des Kauens und noch bevor man überhaupt schluckt schon längst das nächste heimlich verspeiste Stück Kuchen. Es hat nicht mehr viel mit Essen gemeinsam, es ist ein Ausfüllen von etwas, ein Zustopfen. Und man sucht nach mehr, weil nichts ausreichend ist, um die Leere auszufüllen. Und schon gar kein Essen kann sie ausfüllen. Zwischen der Angst, erwischt zu werden und dem unaufhörlichen Drang schämt man sich auch vor der einzigen Person, die daneben steht und nur zusieht: Sich selbst.

Zuhause war es genauso. Ich aß mich durch die Süßigkeitenvorräte. Direkt nach dem Mittagessen erwartete ich schon, damit beginnen zu können. Ich hatte eine neue Art der Beschäftigung für mich entdeckt. Ich aß von allem. Von allem etwas, um nicht die Mengen offensichtlich werden zu lassen, die durch leere Packungen und Tüten nicht mehr hätten verheimlicht werden können. Immer wieder hatte ich den Vorsatz, den Tag nicht werden zu lassen, wie den gestrigen, in dem ich mich wieder an Schokolade vergreifen würde. Aber es war das Einzige, woran ich Freude empfand. Manchmal ging ich sogar extra dafür einkaufen, um meinen Schokoladenkonsum ausleben zu können. Der Kalorien- und Fettgehalt, der in Verbindung mit meinem nächsten Gang auf die Waage stehen würde, interessierte nicht mehr. Ich dachte nicht mehr bei jedem Bissen darüber nach, dass die darin enthaltenen Kalorien auch ihre Wirkung in mir entfalten würden. Essen war wichtiger, es machte glücklich und ein niedriges Gewicht und eine kleine Kleidergröße machten es im Moment jedenfalls nicht. Es würde mir nicht auf der Stirn geschrieben stehen, wenn sich diese Zahlen änderten. Dadurch ließ sich mein Verhalten ganz einfach rechtfertigen: Wenn es das Einzige war, was mich glücklich machte, war es das einzig Richtige.

Das Wiedererlangen eines normalen Essverhaltens gestaltete sich als Qual, die geprägt war von gesteigerter Lebensqualität, aber in erster Linie von Versagensgefühlen und Selbsthass aufgrund der Maßlosigkeit. Durch Rückfälle in meine strenge Askese schaffte ich es, meine Heißhungeranfälle, die zu ausgelassenen Fressattacken ausarteten, zu kompensieren und betrieb Schadensbegrenzung durch Hungern. Nicht selten füllte ich dann am Abend die leeren Kalorienreserven vom Tag durch die der Süßigkeiten wieder auf. Besonders zu den Feiertagen enthob ich meine Ernährung sämtlichen von mir formulierten Regeln und befragte die Waage grundsätzlich erst nach diesen wieder nach den Auswirkungen. Und diese waren meist beachtlich, waren jedoch hauptsächlich aus reinem Magen-Darminhalt bestehend und waren daher schnell abbaubar.

Ich nahm in einem Zeitraum von eineinhalb oder zwei Monaten etwa 7 bis 8 Kilo zu und wog knapp über 60kg. Mein Abnehmerfolg war damit zwar bei Weitem nicht eingestellt, aber es bedeutete meine schwerste Niederlage im Kampf gegen die Kilos. Ich fühlte mich vom Essen abhängig und dieser Sucht hilflos ausgesetzt. Aber das war nichts gegen die heftigen Versagens- und vor allem die Hassgefühle, die ich gegen mich selbst richtete. Ich vermutete Depressionen. Ich glaubte, alles kaputt gemacht zu haben und es nie wieder so weit zu schaffen. Ich reduzierte mein Gewicht um wenige Kilos und hielt es über Monate. Dann versuchte ich eine neue Methode, in dem ich täglich Kuchen und Schokolade aß, um den Heißhunger von Vornherein auszubremsen. Kein Verzicht mehr. Ich hörte sofort auf, mich zu wiegen und glaubte, die Hosen würden bei einer drohenden Zunahme schon wahnend in die Fettröllchen zwicken. Ich ertrug den Druck, der von der Anzeige der Waage ausging, nicht länger. Ich konnte zwar die Augen vor dem Voraussehbaren verschließen, aber mein Körper musste die Rechnung tragen: Die Kilos quartierten sich wieder bei mir ein. Im September 2008 brachte ich 66kg auf die Waage. Das war der Startschuss für eine neue Abnehmperiode, die bis zum heutigen Tag anhält. Ich habe mein niedrigstes Gewicht unterbieten können und befinde mich jetzt wieder im Untergewichtsbereich.

 

 ... n  ä  c  h  s  t  e  s    S  c  h  o  k  a  p  i  t  e  l...

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... der Kakaoanteil ist entzogen, was übrig bleibt, ist ...
 

*weiße Schokolade*

... aber auch diese ist nicht frei von Kalorien und Fett ...
 

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 ( siehe SchokoladenMenue )