~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~ wie die

 *Vollmilchschokolade*

ins Schwitzen geriet

...und zu schmelzen begann... 

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Zu Zeiten der Vollmilchschokolade war mein Leben hell und zart wie eben diese. Ich war sorglos meiner Figur gegenüber, verschwendete keinen Gedanken an ein Zuviel oder Zuwenig. Wobei letzteres auch nicht zutreffend war. Ich entschied nach Geschmack, der vorzugsweise süß zu sein hatte und beschäftigte mich nicht mit den Konsequenzen, die über meinen Mund in meinen Magen gelangten und von dort aus großzügig in Form von Fettreserven in bereits ausreichend gefüllte Depots eingelagert wurden.

An einem Donnerstag, es war der 01. Februar 2007, begann sich der Kakaoanteil zu verändern und die pure Vollmilchschokolade war bald von gehaltvollen Bitterstoffen durchzogen. Aufmerksam wurde ich darauf während einer banalen Unentschlossenheit bei der Kleiderwahl am frühen Morgen eines Schultages, die mich zu einem knallpinken Kaschmir-Pullover in Größe 46 greifen ließ. Die engen Bündchen führten zu der Ahnung, dass dieser mich noch beim letzten Tragen großzügiger umspielt hatte. Ich erinnere mich noch genau an meine psychische Verfassung, die vorrangig aufgrund des bevorstehenden Unterrichts dem Tiefpunkt nahe war, und an mein aufgedunsenes Körpergefühl, dass sich plötzlich in mir ausbreitete und auch genug Platz fand. Und diesen Platz immer mehr auszufüllen begann. Auch die Nadelstreifenhose, in die ich anschließend meine wohl genährten Beine schob, umspannte meine Oberschenkel straff und der Hosenbund schnürte in die Bauchfalte ein. Ich trug schon seit Jahren nur Stoffhosen, da fester Jeansstoff sich weniger nachgiebig gezeigt hätte. Als ich wenig später an diesem Morgen den Reißverschluss meiner braunen Esprit-Winterjacke, über die ich mich besonders gefreut hatte, da sie in XXL-Ausführung vorrätig gewesen war, zuzog, war es bereits Kleidungsstück Nummer drei, das als Auslöser anzusehen ist, dass ich mein Essverhalten überdenken musste. Und die Folge dieser Überlegung wurde weitreichend.

Das Gefühl des Aufgedunsenseins ließ nicht nacht. Nicht während der Fahrt im Auto: Ich spürte regelrecht meine vollen Pausbacken mit dem Kinn, das gleich mehrere unter sich in Ringe drückte. Nicht auf dem Weg zur Bushaltestelle: Die Oberschenkel scheuerten beim Gehen aneinander und verursachten die hässlichen Knötchen auf dem Stoff an der Innenseite der Schenkel. Nicht beim Warten auf den Bus: Ich dachte darüber nach, was ich ändern könnte –aber da war wie immer, während der wenigen Male, bei denen ich mich ernsthaft mit meiner Figur auseinander setzte, die gedankliche Barriere in meinem Kopf. Es geht nicht. Es würde nicht funktionieren. Mit dem Wort „Abnehmen“ assoziierte ich sofort: Sport. Da Sport aufgrund der körperlichen Anstrengung für mich nicht in Frage kam, konnte ich auch nicht abnehmen. Ich sah keine Alternative. Und wusste, ich würde kein Durchhaltevermögen haben, keine Disziplin, um eine Diät einzuhalten. Einschränkungen beim Essen konnte ich mir für mich nicht vorstellen. Ich würde genauso bleiben müssen, wie ich war. Ein Leben lang.

Aber so wie das negative Körpergefühl ließ auch der Gedanke an eine Nahrungsumstellung nicht nach. Ich begann, erste Vorsätze zu formulieren: Morgens auf die Schokocreme auf dem Brötchen zu verzichten. Bisher bestand mein tägliches Frühstück aus einem dunklen Brötchen, von dem ich die eine Hälfte dick mit Lätta-Margarine bestrich und mit fettem Käse belegte und die andere noch dicker mit Schokoladen-Creme. Aber ich scheiterte an den typischen Gedankengängen Diätwilliger: Heute das letzte Mal, ab morgen wird es anders werden. Und irgendwann, am fünften Tag, brach dann tatsächlich der Morgen an, an dem es anders wurde. Ab dem nicht nur die Schokoladenmasse auf meinem Brötchen fehlte. An jedem Tag, der darauf folgte, gab ich wieder eine Essgewohnheit auf. Erst Schokoladenaufstrich, dann Käse, einige Wochen später lag nicht einmal mehr ein Brötchen auf meinem Frühstücksbrett. Während der Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten in der Schule hatte ich süße oder fettig überbackende Teigwaren vom Bäcker gegessen. Auch Knoppers-Waffeln und dicke Schokoriegel. Manchmal aus Hunger oder manchmal um dem Hunger vorzubeugen, denn ich hatte immer Angst, hungrig zu sein, wenn ich unterwegs war. Doch der eigentliche Grund, in jeder Pause zu essen, war der: Um nicht tatenlos im Klassenzimmer zu sitzen, wenn ich mich schon nicht von meinem Platz bewegte. Ich tat es nicht, um mich selbst zu beschäftigen. Ich tat es vor Scham den anderen gegenüber, allein zu sein. Mein Vorhaben brachte mich dazu, als Pausensnack Obst zu wählen. Bananen, Äpfel, Mandarinen. Nichts davon schmeckte mir damals.

Ich wusste nicht, wohin es gehen sollte. Wie weit mein Weg war. Ich wusste nicht, wie viel ich wog. Im Spiegel zeigten sich sofort vielversprechende Ergebnisse. Der Bauch wurde niemals mehr so voll wie früher und wirkte dadurch flacher, was mich erste Erfolge vermuten ließ. Mein Körpergefühl war verbessert. Vier Wochen nach Beginn meiner Diät schlüpfte ich in eine Hose, deren Knopf schließen zu können, mein Ziel war. Ich wollte wieder in diese Hose passen. Nur wieder reinpassen und dann wieder essen. Aber es war zu früh gewesen. Ich hatte noch nicht genug an Fett verloren, um den Reißverschluss hoch zu ziehen und die Hose zu zuknöpfen. Aber ich hatte genug investiert, um weinend alles in Frage zu stellen. Ich wollte aufgeben. Und tat es doch nicht.

Eineinhalb Monate nach Veränderung meiner Essgewohnheiten stellte ich mich zum ersten Mal nach zehn Jahren auf die Waage. Schließlich konnte ich ohne Rückmeldung der Waage keine Fortschritte sehen. Ich sah die Zahlen schon vor mir. Ich sah eine 6 als erste Ziffer. Ganz sicher, auf der Anzeige würde irgendein Wert im 60er Bereich stehen. Schließlich hatte ich ja bereits etwas erreicht. Die erste Ziffer drehte sich vor meinen Augen –obwohl ich schwindelfrei war- und kehrte sich zur 9 um. 93, 0kg. Ich war fassungslos. Mein zweiter Gedanke: 65 Kilogramm. 65, 0 Kilogramm werde ich wiegen.

... n  ä  c  h  s  t  e  s    S  c  h  o  k  a  p  i  t  e  l ...

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... die Süße des Verzichts ...
 

*Diätschokolade*

... der wahre Suchtstoff ...

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( siehe SchokoladenMenue )