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* (Schoko)Laden *

... keine Schokolade im Schokoladen-Laden ...

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Als ich im Schokoladenregal der Süßigkeitenabteilung meiner Supermarktkette der Ernährung Inventur betrieb, um mir eine Abspeckprämie zu verdienen, blieb ich nur noch auf wenigen Ladenhütern und Restposten sitzen. Ich wischte die Fettflecken und Kalorienkleckse aus der Auslage und nahm neue Waren ins Sortiment auf. Lebensmittel, die ihren Platz in einem Korb fanden. In einem Obstkorb. Aus der Süßigkeitenabteilung wurde ein Obststand und aus der süßen Quengelware gesunde Rohkost. Und so wurde aus einem Süßigkeitenregal der verbotenen Dickmacher ein Obstkorb des erlaubten Grünzeugs.

Mit dem Lesen der nun folgenden Liste erlaube ich dir einen Blick auf meinen Einkaufszettel zu werfen, der uns beide gleich durch den Supermarkt führen wird. Ich werde es bei dieser Auflistung belassen, keine Mengenangaben und keine täglichen Protokolle meiner Ernährung veröffentlichen, da ich es nicht verantworten möchte, ein Rezept zur Herstellung von Untergewicht und Mangelernährung zur Nachahmung bereitzustellen. Ich würde sowieso immer nur das Selbe aufschreiben, wie du gleich feststellen wirst. Aber lass uns jetzt losgehen, ich mag nicht gerne stillstehen. Nein, warte... nimm' keinen Korb, wir brauchen einen Einkaufswagen. Wir werden nicht viel hineinlegen, aber eine große Anzahl und Menge von jedem. Unsere Tour beginnt gleich am Eingang bei dem bunten Obststand dort vorne. Pass auf, man kennt mich hier schon und wird gleich fragen, ob ich heute keine Mangos möchte. Oder ob Erdbeeren aus Agypten für mich bestellt werden sollen. Manchmal steckt man mir auch gratis eine Schale mit fertiggeschnittenen Melonen- oder Ananasstückchen zu, weil ich so viel Geld für Obst ausgebe, wie eine Großfamilie für ihren gesamten Einkauf. Oder weil ich so aussehe, als hätte ich es nötig. Hilf mir bitte, diese Früchte einzupacken, denn ich ernähre mich täglich und ausschließlich von...


     Obst

  • Ananas
  • Bananen
  • Birnen
  • Kiwis
  • Weintrauben
  • Mangos
  • Orangen
  • Nektarinen
  • Pfirsichen
  • Äpfeln
  • Beeren
  • Papaya

Viel gesundes Obst, nicht wahr? Aber viel ist nicht gesund, sondern einseitig. Es kann nicht mehr gesund sein, wenn die Fruchtsäuren deine Mundschleimhaut zerfressen und keines der Vitamine in deine Blutbahn gerät, weil das bißchen Fett fehlt, um die fettlöslichen Vitamine dem Körper zugänglich zu machen. Aber genug davon, ich will dir nicht mit den Folgen meines essgestörten Verhaltens die Freude an unserem gemeinsamen Einkauf nehmen. Als nächstes gehen wir in die Kühlräume, wo ich dir gleich mein zweites Hauptnahrungsmittel vorstellen werde:
 
 
     Milchprodukte
 
  • Magerquark
  • Buttermilch

Okay, brauchst du noch etwas? Wie bitte? Ja, ich habe alles. Doch, wirklich. Du musst wissen, dass ich eine Ess-Störung habe, die mit einem selektivem Essverhalten einhergeht. Das bedeutet, dass ich nur eine geringe Auswahl von Nahrungsmitteln in meinen Speiseplan aufnehme. Somit esse ich immer der Gleiche. Aber das merke ich selbst nicht, da es mir auch immer gleich gut schmeckt. Es kostet mich viel Überwindung, etwas zu essen, von dem ich nicht aus Erfahrung weiß, dass ich dadurch nicht an Gewicht zunehmen werde. Ich muss erst einmal Vertrauen fassen, in dem ich beobachte, wie sich mein Gewicht entwickelt, wenn ich ein neues Lebensmittel zu mir nehme. Beispielsweise habe ich  Quark der magersten Stufe lange Zeit nur aufgrund seiner weißen Farbgebung und der cremigen Konsistenz für ein der schlanken Linie nicht zuträgliches Lebensmittel gehalten. Ein weiteres Beispiel ist, dass ich jahrelang keine warme Mahlzeit einnahm. Es sind zu viele verschiedene Zutaten darin enthalten, bei denen ich den Überblick verliere. Neben dem, was nun in dem Einkaufswagen liegt, den du gerade für mich schiebst, esse ich Vollkornbrötchen. Morgens frisch vom Bäcker. Etwas eingefrorenes Gemüse und Fisch habe ich noch im Tiefkühlfach zuhause. Dann würde ich jetzt gerne den Weg zur Kasse hinter mich bringen. Denn das ist der schwerste Gang. Auf dem Weg dorthin dürfen wir nicht zur Seite sehen, denn in den Regalen links und rechts von uns liegt all das, was hier und jetzt einen Fressanfall auslösen könnte. Und das ist alles, was süß ist und das ist sehr viel. Denn wie viele Menschen, die zu wenig Genuss über das Essen erleben, weil sie sich einfach zu wenig davon zugestehen, bin ich süchtig nach allem, was geschmacklich sehr intensiv ist. Gut, jetzt ist doch eine Schachtel Pralinen im Wagen gelandet. Aber keine Sorge, das bedeutet nichts. Ich habe schon einige Süßigkeiten zuhause angehäuft, die dort wochen- und monatelang herumliegen, ohne das jemals ihre Verpackung auch nur geöffnet wurde. Schokolade lediglich zu kaufen reicht aus, um das Gefühl zu befriedigen, nicht darauf verzichten zu müssen. Erstmal reicht es, irgendwann dann nicht mehr. Und dann weißt du, was passiert. Und bis es soweit ist, werde ich noch sehr viel mehr kaufen und wenn es dann soweit ist, sehr viel haben, um sehr dick zu werden.

So, da vorne wohne ich. Ich weiß, du möchtest mir beim Verstauen der Lebensmittel gerne helfen, aber ich will ehrlich zu dir sein: Ich mag es nicht, wie nachlässig andere Menschen mit dem Essen umgehen und lasse daher niemanden an meines heran. Alles hat seinen Platz und wird sorgfältig durchdacht gelagert, um eine möglichst lange Haltbarkeit zu erreichen und um keine geschmacklichen Nachteile zu haben.  Auch lasse ich mir nur von wenigen Personen beim Zubereiten meiner Mahlzeiten oder beim Essen dieser zuschauen.
Die Auffälligkeit meines Essverhaltens zeigt sich  darin, dass ich nur bestimmtes Besteck und Geschirr für die Zubereitung und Nahrungsaufnahme verwende. Ich gebe das Obst immer in die selbe Schale, um sicher sein zu können, dass ich immer die gleiche Menge verzehre. Dieses esse ich dann mit besonders kleinen Teelöffeln, von denen ich eine kleine Auswahl besitze. Ist mein bevorzugtes Geschirr oder Besteck nach der letzten Mahlzeit noch nicht gespült worden, wasche ich es sofort ab, um nicht auf andere Schüsseln oder Löffel ausweichen zu müssen. Diese Eigenschaft bezieht sich auch auf andere Lebensbereiche und zeigt sich durch das Festhalten an Ritualen und Gewohnheiten. Sie lässt mich nicht spontan handen oder flexibel sein.
Ich ziehe mich während des Essens zurück, weil ich nur selten Gesellschaft dabei dulde. Ich möchte nicht durch Gespräche von den seltenen Momenten der Gaumenfreude abgelenkt werden, sondern meine Mahlzeiten langsam und bewusst genießen.  Außerdem schäme ich mich für die Größe der Portionen. Ich fürchte immer, man könne denken, ich würde zuviel essen.
Auch was die Zeit der Nahrungsaufnahme angeht, bin ich sehr festgelegt. Wenn es mir möglich ist und das ist es nur, wenn ich frei habe, esse ich alle vier bis fünf Stunden. Ich nehme in der Regel drei Mahlzeiten am Tag zu mir und zwischen ihnen müssen mindestens diese vier Stunden liegen. Es ist ein von mir auferlegtes Gesetz, das meinen Alltag strukturiert. Diese Gewohnheiten haben eine große Priorität in meinem Leben. Genau wie das Führen von Listen. Wie viele Menschen, die an einer Ess- oder Zwangsstörung erkrankt sind, halte ich an Dingen fest und versuche sie durch das Schwarz auf Weiß bringen zu verewigen. Beispielsweise könnte ich dir an dieser Stelle genau sagen, was ich am Montag, den fünften Februar im Jahre 2007 gegessen habe. Denn ich führe seit drei Jahren täglich Buch darüber, was ich zu mir genommen habe und kann damit nicht aufhören, obwohl ich selbst keine vernünftige Erklärung dafür habe. Mein Gewicht notiere ich natürlich auch, aber das ist wohl weniger ungewöhnlich.
 
 
 
... noch nicht sattgelesen?!

Auf folgenden Seiten kannst du dich an Blogeinträgen sättigen,
die dir Geschichten von meinem (Fr)Essverhalten auftischen:
 
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