* Nik'laus Gaben wollen wir haben *

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Lasst uns satt und schlank sein,
und uns darüber von Herzen freun’!
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nikolaus Abend da,
bald ist Nikolaus Abend da!
 

Nik'laus ist ein guter Mann,
der uns dicker machen kann
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nikolaus Abend da,
bald ist Nikolaus Abend da!

Bald stell' ich die Waage auf,
denn ich hab gewiss mehr drauf.
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nikolaus Abend da,
bald ist Nikolaus Abend da!

Wenn ich schlaf, dann träume ich,
ich fress und kotz ganz fürchterlich
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nikolaus Abend da,
bald ist Nikolaus Abend da!

Wenn ich aufgestanden bin,
ist im Magen nichts mehr drin.
Lustig, lustig, traleralera!
Bald ist Nikolaus Abend da,
bald ist Nikolaus Abend da!


* einen guten Appetit und kein schlechtes Gewissen,*

* einen vollen Stiefel und eine leere Kloschüssel, *

* keinen großen Hunger und eine kleine Kleidergröße,*

* einen hohen Selbstwert und ein niedriges Gewicht *

 

wünscht dir

... die bittersüße (Schokoladen)Seite des Lebens ...

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5 Kommentare 5.12.09 18:55, kommentieren

* weniger [krank] is(s)t mehr [gesund] *

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Woran merkt man, dass man gesund wird? Wenn man einen Beinbruch hatte, wird der Knochen zusammenwachsen und wieder belastbar. Wenn man eine Erkältung hatte, wird die feuchte Nase trocken und der raue Hals geschmeidig. Wenn man eine Magen-Darm-Infektion hatte, wird aus Übelkeit und Erbrechen Verdauung und Durchfall zu festem Stuhl. Aber wenn man essgestört ist? Woran merkt man, dass man gesund wird? Wenn man eine Ess-Störung hatte, wird das gestörte Essen ungestört. Und woran merkt man, dass man ungestört isst? Wenn aus Untergewicht Normalgewicht wird? Nein. Ess-Störungen sind unabhängig vom Körpergewicht. Wenn man statt an Essen zu denken Essen isst? Nein. Ess-Störungen sind gedankenloses Essen. Wenn man sich nicht mehr wiegt? Nein. Ess-Störungen sind Ängste vor der Waage. Wenn man isst, weil man Hunger hat? Nein. Ess-Störungen sind Heißhunger. Wenn man sich gesund ernährt? Nein. Ess-Störungen sind mit gesunder Ernährung begonnen. Oder wenn man sich gesund fühlt? Nein. Ess-Störungen sind ohne Krankheitsempfinden. Aber wann ist man dann gesund? Hätte man all diese Fragen mit Ja beantworten können, dann wäre ich gesund. Denn ich wiege mehr und wiege mich weniger, esse mehr und denke weniger, bin mehr satt und weniger hungrig, ernähre mich mehr gesund und fühle mich weniger krank. Und doch habe ich das Gefühl, noch mehr oder noch weniger wiegen, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Gewicht, etwas mehr oder etwas weniger Essen könnte mich wieder mehr oder weniger krank machen. Nur ein bisschen, nur etwas, nur noch was und ich glaube, weder krank, noch gesund, sondern wieder gestört zu werden. Gestört zu werden von mir selbst, während ich gesund zu werden versuche. Dabei will ich nur ungestört gesund werden und nicht ungestört essgestört bleiben. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe immer geglaubt, ich würde mich geheilt fühlen, wenn ich keine Essanfälle mehr haben würde. Und das stimmt auch. Ich fühle mich geheilt. Weil ich Kontrolle über mein Essverhalten zu haben glaube. Aber kontrolliert bin ich nicht gesund. Denn für das Essen braucht man keine Kontrolle. Wer kontrolliert isst, is(s)t essgestört. Heute glaube ich, ich würde mich geheilt fühlen, wenn ich mein Gewicht und wenn ich mich an Portionen halten könnte. Und das stimmt auch. Ich fühlte mich geheilt, wäre es so. Weil ich dünn bleiben könnte. Aber untergewichtig bin ich nicht gesund. Denn für die Genesung braucht man ein gesundes Gewicht. Wer untergewichtig ist, is(s)t essgestört. Essgestörte verstehen von und unter gesunder Ernährung und gesundem Essverhalten etwas anderes und mehr, als ungestörte Esser. Bei gesunder Ernährung und gesundem Essverhalten gibt es für normal Essende keinen Unterschied. Sie verbinden damit eine ausgewogene Ernährung mit gesunden Essen wie Obst und Gemüse. Für uns ist es das und viel mehr. Für uns ist ein gesundes Essverhalten die Genesung von der Ess-Störung. Aber was ist krankhaftes und was gesundes Essverhalten? Auch Obst und Gemüse kann mit einer krankhaften Ernährung und einem krankhaftem Essverhalten einhergehen. Krankhaft, wenn die Ernährung einseitig wird und dadurch Mangelerscheinungen auftreten, und krankhaft, wenn das Essverhalten gestört ist durch anfallartiges Überessen an gesunden Lebensmitteln. Bei einem Beinbruch führt der Gips zur Heilung, bei einer Erkältung die Wärme, bei einer Magen-Darm-Grippe die Schonkost. Bei einer Ess-Störung ist es ein Gedanke. Nur ein einfacher Gedanke und der Gedanke, den man bei dem Beinbruch, bei der Erkältung und bei der Magen-Darm-Grippe zuerst hatte: Man ist krank. Bei der Ess-Störung kommt dieser Gedanke zuletzt. Die Einsicht, dass man krank ist. Und diese Sicht auf sich selbst führt zur Heilung. Die Erkenntnis, dass man krank ist. Und dieses Erkennen von sich selbst führt zur Heilung. Die Heilung, die vielleicht eine ist und vielleicht keine wird. Denn genauso, wie man sich immer wieder ein Bein brechen, sich erkälten und übergeben kann, kann man immer wieder essgestört werden. Vielleicht is(s)t man auch immer gestört, weil die Symptome der vielen Ess-Störungsformen so normal und alltäglich erscheinen mögen, wie ein schmerzendes Bein, eine laufende Nase oder ein krampfender Magen. Ist es nicht so, dass jeder mal zuviel und mal zuwenig isst? Der eine, der seine Sorgen in sich hineinfrisst und die andere, die vor Kummer keinen Bissen mehr herunter kriegt. Ab wann kann ich ungestört weder zuviel noch zuwenig essen, weder zuviel noch zuwenig zu wiegen, ohne essgestört zu sein? Bin ich noch krank, wenn ich auf Butter auf meinem Brot verzichte, weil ich Fett vermeiden will oder bin ich schon gesund, wenn ich auf Butter auf meinem Brot verzichte, weil ich sie nicht mag? Entscheidet etwas nicht zu essen, weil es nicht schmeckt oder etwas nicht zu essen, weil es fett ist, darüber, ob man gesund oder krank ist? Ich denke, jede von uns versteht etwas anderes unter einem gesunden Essverhalten und jede von uns versteht etwas anderes unter der Heilung von einer Ess-Störung. Denn so unterschiedlich es ist, was wir essen und wie viel wir wiegen, so unterschiedlich ist auch die Vorstellung jeder einzelnen von uns, wie die Genesung von dieser Erkrankung aussehen könnte. Ob wir uns an feste Mahlzeiten halten, uns weiterhin täglich wiegen, bei jeder Zubereitung die Kalorien zählen oder manchmal alles in uns hineinstopfen – wann würdet ihr euch geheilt fühlen? Oder glaubt ihr immer noch, nicht krank zu sein?  

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6 Kommentare 27.11.09 14:09, kommentieren

* Star(ke Thinspiration) *

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Demi Moore. Ich dachte zuerst an Demi Moore. Sie sah aus wie Demi Moore, als sie Mitten im Schuljahr in meine Klasse wechselte und damit die Bühne meines Lebens betrat. Die Haut hell und ebenmäßig wie eine Kinoleinwand, auf der man seine Träume und Wünsche projizieren kann. Das schulterlange glatte Haar im kühlen Dunkelbraun glich der aus edlen Hölzern geschnitzten Sitzgarnitur davor und war so geschmeidig wie der Samtbezug darauf. Die Augen groß und grün wie die unberührte Weite der Natur in einer Tierreportage in Hunderthertz-Bildqualität auf ARTE. Sie war eine kasachische Demi Moore, die vor Jahren mit ihren Eltern aus dem armen Kasachstan ins reiche Deutschland gekommen war. Wie aus dem tiefsten Ghetto auf die höchsten Hollywood-Hills. Demi Moore setzte sich an ihrem ersten Tag an unserer Schule auf den einzigen freien Platz neben mir. Mit dem Einnehmen dieses Platzes glaubte sie, auch einen Platz in der Gruppe einzunehmen. Sie schloss sich mir an, weil sie glaubte, ich könnte sie in die Klassengemeinschaft einführen und ich klammerte mich an sie, weil ich glaubte, sie könnte mich aus meiner Außenseiterposition herausführen. Keine von uns konnte die Erwartungen der anderen erfüllen und so blieben wir zu zweit allein. Und so wurde Demi Moore meine neue Freundin und ich ihre. Meine einzige Freundin. Freundinnen auf Zeit. Wenn die Schulglocke zum Unterrichtsbeginn klingelte, setzten wir uns zusammen und wenn sie nachmittags Schulschluss einläutete, gingen wir auseinander. Freundinnen nur während der Schulzeit und nicht darüber hinaus. In den drei Jahren, in denen wir fünf Tage die Woche acht Stunden nebeneinander saßen, telefonierten wir nicht ein einziges Mal außerhalb der Schulzeit und trafen uns nicht ein einziges Mal außerhalb der Schulmauern. So sahen meine Freundschaften zu dieser Zeit immer aus. Bis in die Freizeit hinein reichte die Sympathie füreinander nicht. Dafür waren wir zu verschieden und uns doch zu ähnlich. Während die anderen in den Pausen Komödien aufführten und durch eine romantische Verflimung ein Liebespaar zusammenfand, wurde uns beiden innerhalb der Klasse die Rollen eines Stummfilms zugewiesen. Ein stiller und schüchterner Doppelpack wie Dick und Doof. Sie dünn, ich dick. Sie doof, ich schlau. Ich biss von ihren Pausenbroten ab, sie schrieb von meinen Arbeiten ab. Es war die perfekte Symbiose einer Zweckgemeinschaft. Es war wie ein nie gegebenes Versprechen, die andere nicht allein zu lassen oder wie ein niemals aufgesetzter Vertrag, die Zeit bis zum Zeugnis gemeinsam zu überstehen. Und doch fühlte ich mich mit Demi Moore an meiner Seite immer einsam. Sie hatte Heimweh und ich hatte Sehnsucht. Neben ihr fühlte ich mich wie ein Statist. Sie übernahm die Hauptrolle in meinen Leben und machte mich zum Stalker. Ihr Aussehen stellte sie in den Mittelpunkt. Aber ihr Körper trat durch ihren Kopf in den Hintergrund. Er wirkte unnatürlich groß. So unnatürlich groß, wie die Körpermitte der Kinder Afrikas, deren Bauch durch den immer währenden Hunger nach außen treibt und aufbläht wie Hefeteig. Nur bei ihr war es der Kopf. Aber der Hunger war der Gleiche. Unphysiologisch proportioniert thronte ihr Haupt auf den schmalen Schultern, die unter ihm einzubrechen drohten. Sie war so dünn, wie man nur sein kann, wenn man aus dem Osten kommt. Sie sagte, sie sei jetzt so dünn, weil sie mal so dick gewesen sei. Das neue Land mit all den unbekannten Köstlichkeiten hatte den Appetit in der Einsamkeit der Fremde mit dem Hüftgold um die Wette wachsen lassen und sie doch nicht reich gemacht. Sie war kontaktarm und selbstbewusstlos geworden, niemand nahm sie bei der Hand, um sie wiederzubeleben. Sie allein war es gewesen, die wieder Auftrieb gewann, um die Oberfläche zu durchbrechen und wieder nach Luft zu schnappen. Ich erfuhr nicht viel von diesem Tauchgang und doch sollte ich wenige Jahre später wissen, wie es sich anfühlt, ganz tief unten zu sein. Denn für das Leben gibt es keine Generalprobe.

Ich begann abzunehmen, noch während ich mich täglich neben sie auf die Schulbank setzte. Sie merkte es nicht und ich merkte nicht, dass sie der Grund dafür war. Vielleicht nicht der Grund, abzunehmen, aber der Grund, dünn zu werden. Sie wurde mein Vorbild, denn ich wollte ihr Spiegelbild. In meinem jungen Leben gab es damals immer Mädchen, zu denen ich aufgesehen habe und Mädchen, die auf mich herabgesehen haben. Dabei ist es leicht, zu jemandem aufzusehen und schwer, zu wissen, dass auf einen herabgesehen wird. Schwer zu ertragen. Aber ich hatte nicht nur daran schwer zu tragen, sondern auch an meinem Gewicht. Aber das wusste ich noch nicht, da ich statt auf mich selbst zu achten immer nur die anderen vor Augen hatte. Ich fühlte mich unbeachtet und ahnte nicht, dass ich längst nicht mehr zu übersehen war.

Nachdem wir das Klassenziel und unseren Schulabschluss erreicht hatten, endete auch die Freundschaft zwischen Demi Moore und mir. Wie ein Vertrag, der nicht verlängert wurde, weil der Vertragsgegenstand nicht mehr besteht. Wir brauchten uns jetzt nicht mehr. Wir waren nicht mehr ein Teil des Ganzen, das Halt an dem anderen suchen musste, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Wir wurden wieder zu den Einzelstücken, die wir eigentlich immer gewesen waren. Wir sahen uns nicht wieder. Jedenfalls nicht so, wie wir auseinander gegangen waren. Demi Moore sah mich nicht wieder, weil sie mich nicht mehr erkannte, als wir uns das nächste und das letzte Mal trafen. Die Rollen waren vertauscht. Sie war noch dünn, aber ich nicht mehr dick. Sie war noch doof, aber ich immer noch schlau. Ich war dick und hatte abgenommen. Sie war doof und war es geblieben. Heute gibt es keine Demi Moore mehr in meinem Leben. Jetzt gibt es mich. Nur noch mich. Mich und Kate Moss. Sie hat langes aschblondes Haar. Grau und farblos wie der Novemberhimmel. Sie hat blaue, zusammenstehende Augen. Kalt und leer wie ein verlassenes Haus. Und dieses kalte, leere Haus unter dem grauen, farblosen Novemberhimmel habe ich bezogen und versuche es mir warm und gemütlich einzurichten. Kate Moss hilft mir dabei. Denn sie ist nicht schön. Nicht schön wie Demi Moore. Sie ist kein Vorbild. Sie ist auch keine Schauspielerin. Sie verstellt sich nicht. Sie ist nur dünn wie ein Model. Ich könnte sie auch Britney Spears nennen, weil ihr Leben genauso ein Auf und Ab ist. Aber ihr Gewicht ist es nicht. Sie ist dünn und sie bleibt es. Sie ist so dünn, dass ihr Brustkorb der eines jungen Mannes sein könnte und ihre geäderten Unterarme die eines Drogenabhängigen. Ihr Gesicht ist so schmal, dass keine Gefühle mehr in ihm entstehen. Britney Spears oder Kate Moss. Ich möchte weder das Leben einer Popprinzessin, noch das eines Topmodels. Noch nicht mal mehr ihre Figur. Wenn Demi Moore mein Grund zum Abnehmen war, wird Kate Moss mein Grund zum Zunehmen. Wenn ich sie sehe, möchte ich ihr nichts zu essen anbieten, damit sie zunimmt. Sondern ich möchte selbst vier Tafeln Schokolade essen, um nicht wie sie aussehen zu müssen. Und eine Sahnetorte.

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11 Kommentare 15.11.09 10:50, kommentieren

* M&Ms : MoppelModels & MagerModels *

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Themen in Zeitschriften werden gelesen und nicht im Fernsehen gesehen. Das geschriebene Wort erreicht aber selten so viele wie das gesprochene. Es ist die Brigitte, die nicht länger still schweigend in den Regalen der Frauenzeitschriften liegen will, sondern lautstark in den Mittelpunkt der Medienwelt drängt und sich mit einem Thema Gehör verschafft, das schon lange in aller Munde ist. Und mit dem sie bisher selbst in jeder Ausgabe durch Bildmaterial ihre Leserinnen zu der gleichen Meinung wie fast siebzig Prozent der weiblichen Bevölkerung gelangen ließ: Frauen fühlen sich durch einen von den Medien verbreiteten unrealistischen Schönheitsstandard unter Druck gesetzt. Studien bestätigten, dass sich diese nach dem Durchblättern einer Illustrierten unattraktiver fühlen würden als zuvor. Man geht sogar so weit, die Behauptung aufzustellen, dass die Konfrontation mit den Abbildungen der dünnen Mädchen zu einer Veränderung des eigenen Essverhaltens führen kann, um sich den falschen Vorbildern anzunähern. Dies wird als eine der vielen Ursachen für Ess-Störungen mit ihren schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden angesehen. Aber in erster Linie sind es die Manequins selbst, die darunter leiden und daran sterben können. Das hamburger Magazin erkannte dies und reagiert nun nach einigen Todesfällen untergewichtiger Schönheiten als erstes überhaupt in der Branche, indem es eine Initiative mit dem Namen „Ohne Models“ gründete, die ab Januar 2010 mit Heft Nummer zwei zufolge hat, dass auf eine Zusammenarbeit mit professionellen Fotomodels verzichtet wird. Aber was war eigentlich zuerst da – die kleinen Kleidergrößen, die Kinderkörpern entsprechen, oder die Frauen mit Kinderkörpern, die nur noch in kleine Kleidergrößen passen? Die Brigitte-Redaktion glaubt wohl, dass es letzteres gewesen sein muss und entzieht den Models zur Strafe erstmal die Berufsgrundlage, in dem sie einfach nicht mehr gebucht werden. Mit dieser konsequenten Entscheidung schadet sie aber nicht denen, die zu verantworten haben, dass Ess-Störungen unter Models zur Berufskrankheit geworden sind, sondern nur denen, die sowieso keinen Einfluss haben: Den Models selbst. Es sind die Designer, mit denen die Zusammenarbeit gekündigt werden müsse, weil sie für Frauen schneidern, die kaum mehr als solche zu erkennen sind. Denn wer nicht in die neusten Kollektionen passt, bekommt keine Aufträge mehr. Aber die Brigitte ignoriert diese Vorgaben und gibt den Models die Schuld für die Entwicklung der immer kleiner werdenden Größen und dem dadurch immer geringer werdenden Körpergewicht, ohne es sich mit den eigentlichen Verursachern zu verscherzen. Dabei ist sie es selbst gewesen, die Jahre lang ihren Teil dazu beitrug und Frauen die Anleitung zum Streben nach einem kranken Ideal vorgab. Und jetzt werfen die Brigitte-Herausgeber der Frau von heute genau dieses vor und setzen von nun an auf gesunde Natürlichkeit. Aber warum eigentlich so plötzlich? Warum kehrt ein Magazin, dass mit Kosmetikprodukten, Diätvorschlägen und Modetrends in jeder neuen Ausgabe mit den Wunschbildern von uns Frauen Geld verdient, den professionellen Models wirklich den Rücken? Sorge man sich tatsächlich um ihre Gesundheit und ihre negative Vorbildfunktion, müsse eine solche Kampagne doch eigentlich ganz anders aussehen. Stattdessen werden ihnen einfach keine Jobs mehr vermittelt. Sind es die hohen Gagen der Berufsmodels, die die billigere Durchschnittsfrau von der Straße auf einmal attraktiv werden lässt? Die Frauen, die sich für Fotoaufnahmen nicht verkaufen würden, weil es ihnen um die bloße Ehre geht, einmal von einem Hochglanzcover gelächelt zu haben? Angeblich stecken keine Kostengründe hinter der Idee, die Leichtgewichte gegen die Mittelschwergewichte einzutauschen. Die zukünftigen Laienmodels sollen ähnlich bezahlt werden, wie ihre teuren Vorgängerinnen. Eine von vielen Erklärung für das Umdenken ist, dass die von Agenturen gebuchten Mädchen und Frauen mittlerweile so dünn geworden seien, dass die Fotos anschließend am Computer nachbearbeitet werden müssten, um sie gesund in der Zeitschrift abbilden zu können. Hungerhaken und Magermodels, denen ihr mühsam erhungertes Untergewicht die Grundlage ihrer beruflichen Existenz ist, werden nachträglich die knochigen Arme und Beine unterfüttert sowie kurvenreiche Rundungen eingefügt. Im Magazin erscheinen damit unnatürliche Proportionen, die dem menschlichen Körperbau nicht mehr entsprechen. Die Leserin, die gerade noch zuhause auf ihrem Sofa mit der Chipstüte auf dem Schoß und dem neusten Brigitte-Heft in den Händen saß, soll nun für die nötige Natürlichkeit sorgen. Die Redaktion wurde seitdem mit Bewerbungen von Frauen überflutet, denen bisher der Traum von der Model-Karriere verwehrt geblieben ist und die Chance zu einem zweiten Anlauf wittern. Leider werden sie wohl auch bei dem Auswahlverfahren der Brigitte eine Enttäuschung erleben, da viele einem Missverständnis aufliegen: Es werden keine Übergrößenmodels gesucht und auch nach keiner durchschnittsdeutschen 40/42 gefahndet. Eigentlich hat sich nichts geändert. Nach wie vor soll die Bilderbuchfrau schlank sein. Dies lässt dem Eintreten der Illustrierten für den gesunden weiblichen Körper misstrauen. So schlank, dass sie den Knopf einer Jeans in Konfektionsgröße 36 schließen kann, ohne vor Luftnot blau anzulaufen, und darf höchstens eine schmal geschnittene 38 ausfüllen. So schlank, dass die Normalofrau es dünn nennen würde. Diesen Frauen müssten dann zwar die spitzen Knochen nicht mit künstlichem Fett per virtueller Schönheitsoperation unterspritzt und keine eingefallenen Wangen zu Apfelbäckchen aufgeplustert werden. Dafür müssen Brüste mit Klebeband hochgeschnallt und Bäuche in Minder gepresst werden, Dellen an den Oberschenkeln mit dem Spachtel zugekleistert und Falten per Weichzeichner retouchiert werden. Oder der Computer muss doch wieder hochgefahren und das selbe Programm geöffnet werden, dass zuvor die Dünnen dick gemacht hat, um die Normalen normaler werden zu lassen. Somit werden die Fotos der Frauen in der Brigitte vermutlich kaum anders aussehen als zuvor. Nur dass es nun eben die Frau von nebenan sein wird, die mit ihrem Namen und ihrem Körper für die Natürlichkeit eines neuen Frauenbildes bürgt, dass diese Zeitschrift sich gerade erschafft. Der Aufwand der Nachbearbeitung der Aufnahmen kann also nicht der Grund sein, warum man richtige Models gegen falsche auswechselt. Und die Idee, Leserinnen Leserinnen zu präsentieren, ist nicht neu. Wer schon mal die Rubrik Umstyling aufgeschlagen hat, dem blickten dort dauergewellte Hausfrauen und termingeplagte Muttis entgegen. Schließlich ist die Brigitte-Leserin von heute auch in die Jahre gekommen. Der Altersdurchschnitt liegt bei achtundvierzig (!) Jahren und jede vierte Käuferin ist sogar älter als sechzig. Und in diesem Alter ist auch die Figur eine andere. Dreiundzwanzig Prozent ist schwerer als die aktuelle Model-Generation. Demnach ist es natürlich an der Zeit gewesen, die Fotostrecken der Zeitschrift dieser Entwicklung anzupassen. Mit diesen nicht mehr zeitgemäßen Abbildungen der Frauen erklärt sich der Chefredakteur Andreas Lebert den nachlassenden Verkauf von Frauenzeitschriften allgemein. Allein in den vergangenen fünf Jahren verlor das Magazin Brigitte  im Einzelverkauf vierzig Prozent seiner Auflage und bei den Abonnentinnen waren es siebzehn Prozent. Zufällig kommt die Idee zum neuen Image der Brigitte da gerade richtig und wird zur klug durchdachten PR-Aktion. Mit der Bekanntgabe der Initiative „Ohne Models“ erschien die Zeitschrift erstmals nicht nur im Kiosk, sondern fand auch Erwähnung in vielen Fernsehformaten und wurde dort als vielversprechende Revolution diskutiert. Sogar im Ausland war das Ablehnen der Magerkeit den Journalisten Beiträge wert. Sicherlich wird da die eine oder andere Zeitschrift mehr vom Handel ihren Weg in die Wohnzimmer ehemaliger Leserinnen finden, nachdem sie neue Sympathien gewinnen konnte und viele Frauen diese neue Bewegung unterstützen wollen. Oder zumindest mal um nachzusehen, wie normal eine Frau aussehen darf, um nützliches Bildmaterial für eine Illustrierte abzugeben. Den Leserinnen sollen Frauen präsentiert werden, mit denen sie sich identifizieren können. Denn die Frau von heute habe sich verändert und die Mode von heute habe sich verändert.

Aber was ist es, was sich verändert hat? Ist es nicht eher so, dass die Frau sich verändern musste, um in die Mode zu passen, obwohl es doch die Mode sein sollte, die sich der Frau anpassen muss? Wie denken wir darüber? Wir, die angeblichen Opfer der Hungerhaken und Magermodels? Wir, die Essgestörten? Was haltet ihr davon, dass die erste Zeitschrift keine Models mehr ablichten will und was denkt ihr, ist der wahre Grund dafür? Glaubt ihr, dass man durch die Natürlichkeit der Frauen mit Normalgewicht, die den Platz dieser professionellen Models einnehmen sollen, den Ess-Störungen entgegen wirken kann? Wie stark beeinflussen uns die Fotos untergewichtiger Models bei unserer eigenen lebenslangen Diät? Könnte das heutige Schönheitsideal ein ganz anderes sein, wenn keine untergewichtigen Frauenbilder durch die Medien veröffentlicht werden würden? Wie wäre es, wenn wir Zeitschriften aufschlagen würden und uns dort normalgewichtige junge Frauen erwarten würden? Würden wir sie als zu dick empfinden, weil man in unseren Augen nicht dünn genug sein kann, nachdem wir nur Haut und Knochen gewohnt sind? Sagt mir die Meinung...!

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5 Kommentare 2.11.09 17:07, kommentieren

* das Haar in der Suppe *

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Ein Friseurbesuch. (Ein)Schnitt ins Leben jeder Frau. Das Haar als natürlicher Schmuck den Scherenhänden eines Schaumschlägers anvertraut. Jetzt wird der Kopf hingehalten. Keine alten Zöpfe und Haarspaltereien mehr. Die Chance am Schopf gepackt, ein anderer Mensch zu werden. Um den anderen eine Haarlänge voraus zu sein. Sie wie eine Strähne um den Finger wickeln. Ob asymmetrischer Bob in A-Linie oder wasserstoffblonder Strubbel-Pixie - mit dem weniger Haar auf dem Kopf wird man mehr Person als Mensch. Nicht mehr nur heiße Luft - frischer Wind bringt die neue Föhnfrisur. Und mit einem Blick unter den schräg angeschnittenen Ponyfransen hervor und aus Augen mit frisch gefärbtem Wimpernkranz ist nicht nur die Sicht in den Spiegel eine andere. Das Leben wird bunter als die mehrfarbigen Farbakzente, die auf dem Haupt oxidieren und dem Ganzen eine alufoliesilberne Krone aufsetzen. Das werden haarscharfe Highlights, die zu Kopf steigen. Und die ganze Welt ändert sich sowieso. Wird eine ganz andere sein, so wie man selbst eine ganz andere sein wird. Vom schmerzvollen Verlust einiger störrischer Brauenhärchen zeugt nur noch die gerötete Haut unter exakt gezupften Halbmondbögen. Tapfer hat man die haarige Angelegenheit ertragen wie das Brennen und Tränen der Augen beim Färben der Wimpern. Wie das Hungern beim Abnehmen. Und hat geglaubt, dass neue Spiegelbild zeige ein neues Gesicht, wie die Waage ein neues Gewicht. Im Spiegel wollen wir ein anderes Gesicht sehen und auf die Waage einen anderen Körper stellen. Doch dann wird uns der Kopf gewaschen: Um Haaresbreite hat der Friseur den goldenen Schnitt verfehlt. Da fällt es uns wie Schuppen von der Kopfhaut: Beim nächsten Mal werden wir ein Foto mitnehmen. Aus der Vogue oder BUNTEn ausschneiden, aus der INSTYLE oder Petra herausreißen. Und sei es auch die FreizeitRevue – der nächste Friseurbesuch wird vorbereitet wie ein Eingriff der plastischen Chirurgie. Mit einem Bild von Victoria Beckhams Bob oder von Heidi Klums Sleeklook oder von Christina Aguileras Platinblond. Um anschließend genauso dünn auszusehen wie Davids Gattin, genauso beliebt zu sein wie Seals Angetraute und genauso talentiert wie die junge Mutter Xtina. Das Leben ist nicht lang, aber der rote Teppich ist kürzer. Wir sollten nicht unsere Zeit damit verbringen, uns auf unseren großen Auftritt vorzubereiten. Wir sollten jetzt die Bühne des Lebens betreten. Die Bretter, die die Welt bedeuten. Sie werden nicht unter uns zerbrechen, weil wir zu schwer sind. Sie werden nur nachgeben, wenn wir warten, bis sie morsch sind. Warten darauf, das Geld für Echthaarverlängerungen zusammen zuraffen oder von David Kirsch zu cellulitefreien Oberschenkeln trainiert zu werden. Wir werden das Geld dafür niemals haben und diesen Personalcoach niemals kennenlernen. Das Leben ist kein Ponyhof. Wir können uns aber von ihm trennen. Vom Leben wie vom Pony. Aber ob uns das Leben besser steht ohne die Ponyfransen, die in die Stirn fallen – alles steht und fällt mit unserer Ansicht des Lebens und des Aussehens. Mit unserer eigenen Ansicht. Und doch ist diese Ansicht eine von vielen. Eine, die wir mit anderen teilen, weil andere uns beeinflussen. Victoria, Heidi, Christina – jede von ihnen hat etwas, was sie für uns zum Vorbild macht. Aber es sind nicht nur die retouchierten (Vor)Bilder in Zeitschriften und Fernsehen, die uns ihnen nacheifern lassen. Ich erwische ich mich dabei, wie ich in Schuhläden nach den Stiefeln suche, die die Freundin meines Bruders trägt. Sie anprobiere und sie mir nicht mehr gefallen. Mir nicht an mir gefallen. Ich ziehe sie an und aus, bis ich mit ihnen zur Kasse gehe. Nur, um auch irgendwann einmal die Freundin von jemandem zu sein. Zuhause stehe ich mit diesen Stiefeln vor dem Spiegel, aber er zeigt mir nicht die Frau, die ich in sie stecken wollte. Ich gehe in den Schuhen einer Fremden und trete doch nicht in ihre Fußstapfen. Sie sind eine Nummer zu groß und man sieht es. Man sieht, dass ich ihnen nicht gewachsen bin. Dass ich sie nicht ausfülle. Dass ich mir etwas vormache, was ich nicht bin. Neue Stiefel. Ein hoher Preis für etwas, was mir nicht steht. Hungern. Ein hoher Preis für etwas, was mein Körper nicht sein kann. Dünn. Und ich ertappe mich dabei, wie ich in Parfümerien nach einem Duft suche, den eine Arbeitskollegin von mir trägt. Ich sprühe und dufte, bis ich mich selbst besser riechen kann. Bis er mir an mir gefällt. Ich rieche sie, als stünde sie neben mir. Dabei stehe ich neben mir. Ich suche mich und das in jemand anderem. Nur, um auch irgendwann einmal jemand zu sein. Denn in den Regalen stehen aufgereiht nur die Düfte der anderen. Sie erinnern mich an meine kompetente Kollegin, an die stilsichere Schuhverkäuferin und an die hübsche Freundin meines Bruders. Aber keiner gehört zu mir. Keiner hat die Note, die meine Persönlichkeit erklingen lässt und keiner das Aroma, das meinem Körper entspricht. Und zuhause stehe ich mit diesem fremden Duft unter der Dusche, aber er wäscht sich nicht ab. Er haftet an mir und macht mich doch nicht zu ihr. Zu keiner kompetenten, stilsicheren, hübschen Frau. Ein teures Parfüm. Ein hoher Preis für etwas, was nicht zu mir passt. Hungern. Ein hoher Preis, für etwas, was mein Körper nicht ist. Dünn. So beobachte ich mich dabei, wie ich beim Friseur sitze und warte, dass meine Haare ein neues Gesicht umrahmen, wie ich im Schuhladen Stiefel anziehe und warte, dass meine Schritte größer werden, wie ich in der Parfümerie einen Duft auftrage und warte, dass mein Auftreten bedeutender wird. Ich suche eine Frisur, die nur mir steht. Stiefel, die nur mir passen. Ein Parfüm, dass nur ich tragen kann. Und ich versuche abzunehmen, soviel wie es sonst keiner kann. Aber alles hat es schon gegeben und alles gibt es für jeden. Nichts bleibt für mich. Nichts ist wirklich meins. Ich suche mich und doch schaue ich auf die Frisur anderer, sehe auf die Schuhe anderer, rieche das Parfüm anderer und beachte den Körper anderer. Und was mir daran gefällt, soll anderen an mir gefallen. Als könnten all die guten Seiten der anderen meine schlechten besser machen. Was mir gefällt, will ich für mich. Von den anderen suche ich mir aus, was mir an ihnen gefällt und nehme es für mich. Bis ich mir gefalle und damit auffalle. Und dabei verfalle ich nur den anderen. Ich bin nicht ich, sondern bin tausend Teile. Tausend Teile anderer. Eine abgeguckte Frisur, nachgekaufte Stiefel und fremdes Parfüm sind nur drei Teile von drei Personen, die in mir zu einer werden. Zu mir. Ein Bild von mir vervollständigen wie ein Puzzle. Und wenn jedes Teil zum anderen passt, habe ich zu mir gefunden. Zu mir selbst. Und ich bin ich. Ein Mensch, der an seinem Äußeren arbeitet, aber nicht an seinem Inneren. Der die harte Schale noch fester werden lässt statt den weichen Kern zu stärken. Die Haare glänzend pflegt, um Schwächen zu überstrahlen, statt selbst zu (er)scheinen. Die Haut mit Make-up verdeckt, um reiner auszusehen, statt zu Narben zu stehen. Die Augen betont, um gesehen zu werden, statt selbst die Augen zu öffnen. Die Lippen bemalt statt Worte aus ihnen hervorzubringen. Die Nägel lackiert, um sie zu festigen statt den Charakter. Den Körper verhüllt, um seine Existenz zu verheimlichen, statt ihn zu präsentieren. All unsere Ängste und Sorgen, Probleme und Nöte können wir nach außen hin verbergen. Durch eine freche Frisur zeigen, dass uns keiner etwas zu sagen hat. Durch hohe Stiefel, dass wir den Überblick behalten. Durch ein angenehmes Parfüm, dass wir dufte sind. Und durch unsere Figur, dass wir diszipliniert sind. Nach außen können wir alles sein. Alles, was man verändern kann. Mit Haut und Haar. Aber innerlich bleiben wir Fleisch und Blut. Innerlich müssen wir aushalten, was uns gegeben wurde und genommen wird, wenn wir nicht mehr sind.

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24.10.09 12:43, kommentieren

* Geburts(tagst)orte *

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Na, herzlichen Glückwunsch. Es ist der neunzehnte Oktober. Das ist mein Geburtstag. Heute bin ich ein viertel Jahrhundert alt. Heute vor zwei einhalb Jahrzehnten wurde ich aus dem nährenden Leib meiner Mutter gepresst und von ihrer Versorgungsschnur abgetrennt, um selbst essen zu lernen. Heute ist ein Drittel dieses Lebens vorbei und ich kann es noch immer nicht. Heute vor fünfundzwanzig Jahren begann, was andere Menschen Leben nennen und ich und Betroffene als Diät kennen. Wenn andere Hunger auf Leben haben, habe ich Hunger auf Essen. Während andere eigene Pläne für ihr Leben schmieden, verfolge ich fremde Pläne für Diäten. Ich habe und hatte keine Ziele oder Pläne für mein Leben. Ich stellte keine Anforderungen an mein Leben und wollte auch nicht, dass es welche an mich stellt. Ich habe nie gewusst, was ich wollte. Nur was nicht. Aber nur zu wissen, was man vermeiden möchte, reicht nicht aus. Ich dachte, alles würde auf mich zukommen und ließ es auf mich zukommen. Aber nichts kam oder ist gekommen. Wenn man stehen bleibt, bewegt sich auch um einen herum nichts mehr. Die Perspektive verändert sich nicht. Ich bin allem aus dem Weg gegangen, was ich sollte. Und auf meinen eigenen Wegen traf ich nicht auf das, was ich wollte. Heute weiß ich, dass ich mir einmal alles ganz anders vorgestellt habe und eigentlich gar nichts so geworden ist, wie ich es mir gedacht hatte. Ich habe nichts, auf das ich zurück sehen könnte. Ich habe nichts erreicht, ich habe nichts zustande gebracht, ich habe nichts aufgebaut und ich habe nichts erschaffen. Ich bin nur seit fünfundzwanzig Jahren hier. Und von diesen fünfundzwanzig Jahren habe ich drei Jahre lang eine Ausbildung gemacht, die ich mir nicht ausgesucht habe, und von diesen fünfundzwanzig Jahren habe ich in acht Monaten vierzig Kilo abgenommen, durch die ich essgestört geworden bin. Ich bin berufstätig, weil es sich so gehört und ich bin krank, weil ich dünn sein wollte. Ich arbeite in einem Job und ich arbeite gegen eine Krankheit. Das ist alles. Und das alles ist gar nichts. Die Bilanz aus fünfundzwanzig Lebensjahren. Das ist mein Leben und was ich daraus gemacht habe. Es ist nicht viel und doch alles, was ich habe und mir bleibt, von dem, was ich nie haben wollte. Ich habe mehr verloren als gewonnen, mehr falsch als richtig gemacht, mich eher zurückgehalten als drauf zu gegangen, öfter die Augen verschlossen als der Gefahr ins Auge gesehen, lieber den Mund gehalten als Widerworte gegeben. Noch ist Zeit, alles anders zu machen. Noch ist Zeit, zu gewinnen, alles richtig zu machen, loszugehen, die Augen zu öffnen und zu widersprechen. Es ist an der Zeit. Auch wenn ich in einem Alter bin, in dem man kurz nachdenken muss, wenn man gefragt wird, wie alt man ist. Und wenn ich antworte, müssen andere kurz nachdenken. Denn was ich sage, passt nicht zu dem, was sie sehen. Sie sehen etwas Junges und hören etwas Altes. Ich fühle mich jung und sehe noch jünger aus. Während andere ihre Finger in die Creme ihrer Mütter tauchen, um ersten Mimikfältchen entgegenzuwirken, drücken meine Finger noch immer Pickel aus. Ich bin ein frauliches Kind geblieben oder eine kindliche Frau geworden. Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, wie ich mir mein Leben in zehn Jahren vorstelle, hätte ich mich als selbstbewusste junge Frau beschrieben, die kurz vor dem Eintritt in den Bund der Ehe steht und nach jahrelanger erfolgreicher Berufstätigkeit nun ihren hausfraulichen Pflichten nachgehen wird, da ihr in wenigen Monaten das Mutterglück widerfährt. Nichts davon ist wahr geworden. Zehn Jahre waren zu kurz, um diese Vorstellung zu verwirklichen. Alles, was heute so ist, wie damals vorausgesagt, ist, dass diese zehn Jahre nun um sind. Und ich einen Beruf habe. Einen, der mir den der Hausfrau dagegen immer attraktiver erscheinen lässt. Ich bin nicht selbstbewusst, weil ich keinen Grund dazu habe. Ich werde nicht heiraten, weil ich keinen Freund habe. Ich stehe nicht erfolgreich im Berufsleben, weil ich kein Interesse daran habe. Ich kann keine Kinder bekommen, weil ich durch meine Ess-Störung unfruchtbar geworden bin. Ich bin glücklich im Hier und Jetzt, aber nicht im Dort und Später. Denn meine Zukunft macht mir Angst. Meine Zukunft, die eigentlich keine ist, weil sie schon die Gegenwart ist. In Zukunft wird sich nichts verändern und so wird sich die Gegenwart in der Zukunft fortsetzen. Ich weiß nicht, was das bessere Leben ist. Das gezielte und verplante oder das abwartende und ungewisse. Ich bin abwartend und unwissend und es ist das bessere Leben für mich, weil ich nicht zielen und planen kann. Ich weiß nicht, ob das Leben überhaupt zielgerichtet und planbar ist. Oder ob das Leben einfach nur das ist, was uns widerfährt, während wir versuchen, unsere Ziele zu verfolgen und Pläne umzusetzen. Und es eigentlich gleichgültig ist, ob wir unsere Ziele erreichen und Plänen nachgehen, weil das Leben uns verfolgt und in andere Situationen versetzt. Ich weiß nur, dass nicht das passiert, was man sich vorstellt, wenn man darauf wartet. Ich weiß jetzt, dass zehn Jahre lang sind, aber nicht lang genug, um alles auf einen zukommen zu lassen, was man sich wünscht, ohne dass man sich selbst vorwärts bewegt. Dafür sind selbst zehn Jahre zu kurz. Man muss dem Leben entgegen kommen. Und wenn ich jetzt noch einmal die Frage beantworten sollte, wo ich mich in zehn Jahren sehe, würde ich sagen, dass ich eine erwachsene Frau sein werde, die weiß, wer sie ist und keinen Ehemann dafür an ihrer Seite haben muss und keine Anerkennung im Beruf dafür benötigt und keine Kinder gebären will, nur um sich gebraucht zu fühlen. Eine Frau, die all das in sich selbst finden muss, weil sie niemanden hat, der es ihr geben könnte. Weil sie ihr Leben nicht gelebt hat, sondern ihr Leben sie gelebt hat. Sie hat es mit sich leben lassen, statt es lebendig auszuleben. Mein Leben habe ich mir anders vorgestellt und auch den heutigen Tag. Es ist mein Geburtstag und er sollte besonders werden. Aber nun ist es wieder nur ein Tag wie jeder andere geworden. Und vielleicht ist auch dieses Leben nur wie jedes andere auch. Nicht wie es sein sollte, aber es ist das einzige, das wir haben. Leb wohl.

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gute und schlechte (Schokoladen)Seiten

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Wenn auf dem Blog einer Essgestörten plötzlich keine neuen Einträge mehr von ihr hinzugefügt werden, gibt es nur zwei mögliche Ursachen dafür: Entweder hat sie den Mund und den Bauch so voll, dass ihr nichts mehr einfällt, als ihren leeren Kopf über die Kloschüssel zu halten oder ihr Mund und ihr Bauch sind so leer und ihr Kopf so voller Gedanken, dass ihr nicht mehr einfällt, was sie zuerst machen soll. Keine Nachricht ist bei Essgestörten entweder eine gute oder eine schlechte. Eine gute, weil sie sich nicht mehr mit ihrer Erkrankung beschäftigt oder eine schlechte, weil sie sich nur noch mit ihrer Erkrankung beschäftigt. Es ist alles gut oder alles schlecht. Entweder es gibt nichts zu sagen, weil sie den Mund zu voll genommen hat oder sie kann nichts mehr sagen, weil sie den Magen zu lange leer gelassen hat. Es gibt nichts zu sagen, weil alles gut ist oder es kann nichts gesagt werden, weil alles schlecht ist. Bei mir ist es beides. Es ist alles gut und alles schlecht auf einmal. Das Gute lässt das Schlechte weniger schlecht sein und das Schlechte das Gute weniger gut. Und am Ende bleibt ein neutraler Zustand übrig. Einer, bei dem man nicht mehr weiß, ob man schon gesund oder noch krank ist. Weil man nur weiß, wie es sich anfühlt, krank zu sein und nicht mehr, wie es sich anfühlt, gesund zu sein. Ein Zustand, aus dem ich herauszuspüren versuche, ob er sich mehr krank oder gesund anfühlt. Ob ich eher krank oder gesund bin. Ich fühle mich ungestört, als wäre ich nicht essgestört. Es ist alles so gut, dass ich nicht mehr weiß, was ich hier über Ess-Störungen schreiben soll und es ist alles so schlecht, dass ich nicht mehr weiß, über welche Ess-Störung ich zuerst schreiben soll. Es ist ein luftleerer Raum, ein gefühlloser Moment, ein zeitloser Ort. Ein Raum, in dem ich nach Luft zu schnappen versuche und ein Moment, den ich wahrzunehmen versuche und ein Ort, an dem ich keine Zeit zu verbringen versuche. Es ist ein unerträglicher Moment in einem stickigen Raum an einem unangenehmen Ort. Ein Raum, in dem ich mich suche und ein Ort, an dem ich mich nicht finde und ein Moment, in dem ich mich nicht spüre. Ein unendlicher Moment in einem geschlossenen Raum an einem einsamen Ort. Ich möchte, dass der Moment vergeht und sich mit der Zeit neue Türen zu meinen Gefühlen öffnen lassen und ich aus diesem Raum heraus gehen und diesen Ort verlassen kann. Dabei ist es mir ganz gleich, ob der Weg hinaus mich zurück in einen Moment des maßlosen Essens oder des konsequenten Hungerns führt, in einem Raum mit reich gedecktem Tisch oder einen mit leeren Tellern, oder an einen Ort mit beleibten oder knochigen Menschen. Ich will diesem unbestimmten Zustand zwischen Krankheit und Heilung entkommen, den Schritt in Richtung Krankheit oder Heilung machen, um mich wieder krank oder gesund zu fühlen. Um irgendetwas zu fühlen. Ob gut oder schlecht, ob krank oder gesund. Um mich zu fühlen. Um einen Moment für mich zu haben, um mir Raum zu schaffen und um einen Heimatort zu haben. Ich will wissen, wo ich stehe und ob ich noch stehen kann. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ob er in einer Kloschüssel oder in einer Schlinge steckt, ob er guter Hoffnung Richtung Zukunft sieht oder schlecht aus der Wäsche guckt. Meine Gedanken entstehen in keinem kranken Kopf mit hungerndem Hirn. Aber meine Gefühle wohnen in einem hungernden Herzen mit krankem Klopfen. Mir geht es gut, als ginge es mir nie schlecht, aber in mir ist mir schlecht, als ginge es nie wieder besser. Mein Verhalten ist ein gesundes, aber meine Gedanken sind krank. Mein Essverhalten ist näher an gesund als an krank, eher ungestört als essgestört. Aber meine Gedanken sind noch immer die der Ess-Störung, krank und gestört. Ich esse wieder, aber denke an hungern. Ich esse wenig, aber glaube es sei zuviel. Ich wiege mich nicht, aber denke an mein Gewicht. Ich habe abgenommen, aber glaube, zu zunehmen. Ich suche mich und meine eigenen Gedanken in meinem Kopf, aber die Gedanken meiner Ess-Störung haben ihren eigenen Kopf. Und in diesem stehen sich Krankheit und Gesundheit gegenüber. Die Abwesenheit von Krankheit ist Gesundheit und Gesundheit ist weniger fühlbar als Krankheit, Krankheit ist mehr spürbar als Gesundheit. Vielleicht bin ich gesund, weil ich nichts mehr fühle. Vielleicht kenne ich nur noch die kranken Gefühle und nicht mehr die gesunden Gefühle und fühle nichts mehr, weil die kranken nachlassen und die gesunden noch entstehen. Vielleicht sind die kranken und die gesunden in gleicher Anzahl vertreten und heben sich gegeneinander auf und lassen einen hohlen Raum in meinem Kopf zurück. Einen hohlen Raum an einem leeren Ort mit einsamen Momenten.

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* der sch(m)erzhafte Rest(aurant) *

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Ein Jahr, ein halbes, ein Monat und eine Woche. Seit einem Jahr bin ich auf Diät, seit einem halben Jahr habe ich keine Fressanfälle mehr, in einem Monat habe ich Geburtstag und seit einer Woche habe ich mich nicht mehr gewogen. In diesem einen Jahr habe ich vierzehn Kilo abgenommen, in diesem halben Jahr maßvolles Essen erlernt, in diesem einen Monat werde ich fünfundzwanzig Jahre alt und in dieser einen Woche werde ich mein Gewicht gehalten haben. Wiegen werde ich mich morgen wieder, fressen werde ich hoffentlich nie wieder und auf Diät bin ich immer wieder. Und in einem Monat werde ich keine Ausnahme machen. Auch wenn es mein Geburtstag sein wird. Der fünfundzwanzigste. Wenn es schon so viele Geburtstage im Leben gegeben hat, haben Geschenke an diesem Tag wenig Bedeutung. Wenn ich an diesen Tag denke, denke ich nicht darüber nach, was ich mir wünschen könnte oder was ich geschenkt bekommen möchte. Ich denke nur daran, wie es ein besonders schöner Tag werden könnte. Ein schöner Tag auch ohne erfüllte Wünsche und viele Geschenke. Ich denke nicht daran, wie andere mir durch die Erfüllung meiner Wünsche einen besonders schönen Tag machen könnten. Ich denke nur daran, was ich tun kann, damit es ein besonders schöner Tag wird. Denn wenn es schon fünfundzwanzig Geburtstage im Leben gegeben hat, verdient man selbst das Geld, das die Wünsche wahr machen kann, die käuflich sind. Dann hat man für den einen Tag der dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, an dem man geboren ist, seine Wünsche schon verbraucht und verkauft. Und es fällt einem nichts mehr ein, was man sich gerade an diesem Tag kaufen könnte, um ihn besonders werden zu lassen, weil man irgendwann im Jahr einen anderen Tag besonders hat werden lassen, weil man etwas gekauft hat, was vielleicht den fünfundzwanzigsten Jahrestag der Geburt besonders hätte machen können. Aber auch die sich selbst gekauften Geschenke verlieren zum fünfundzwanzigsten Mal ihren Wert. Wertvoll wird mit der Zeit eben genau diese. Zeit. Zeit mit der Familie und mit Freunden. Zeit für gemeinsame Erlebnisse und einfaches Zusammensein. Und wenn man einfach so zusammen trifft, um gemeinsame Erlebnisse zu teilen, steht meistens ein Essen im Mittelpunkt. Gerade zum Geburtstag. Und in meiner Familie ist es üblich, an Geburtstagen in einem Restaurant zum Essen zu gehen. Wir gehen selten auswärts essen und das macht es zu etwas Besonderem. Es wird auch immer seltener und immer besonderer, weil unsere Familie mit den Jahren immer kleiner wird und geworden ist. Die Anzahl der zu feiernden Geburtstage wird immer geringer und ist gering geworden, und damit sind es auch die Besuche in Restaurants. Mein letztes Essen in einem Restaurant liegt in einem Monat ein Jahr zurück. Es war mein Geburtstag gewesen. Bei den anderen Geburtstagen, die in den vergangenen Monaten zu feiern gewesen waren, bin ich nicht mitgegangen. Ich habe die Geburtstage meiner Familienmitglieder nicht mitgefeiert. Ich war nicht dabei, weil sie mit Essen gefeiert wurden. Ich kann nicht mit Essen feiern. Und ich möchte auch meinen eigenen Geburtstag in diesem Jahr nicht mit Essen feiern. Ich möchte essen an diesem Tag, aber ich möchte nicht in einem Restaurant essen. Ich möchte das essen, was ich immer esse. Und das kann ich in keinem Restaurant. Ich bin immer gern essen gegangen. Ich mochte mir immer gern aus einer großen Speisekarte etwas Besonderes aussuchen. Früher hatte ich eine große Auswahl, aus der ich wählen konnte. Heute nicht mehr. Heute habe ich keine Wahl. Früher bevorzugte ich, was ich noch nie gegessen hatte oder zuhause nicht zu essen bekam. Heute bevorzuge ich das, was ich immer esse und nur zuhause essen kann. Ich kann nichts essen, an deren Zubereitung ich nicht beteiligt war und von deren Inhaltsstoffen ich nichts weiß. Von deren Fettgehalt und Kalorienanzahl ich keine Ahnung habe. Früher hätte ich alles essen können. Heute kann ich fast nichts mehr essen. Mein Magen kennt heute nur noch das, was er täglich zu verarbeiten hat und wenn er etwas von früher zu verdauen hat, gibt er mir schmerzhaft zu verstehen, dass er im Hier und Heute bleiben will. Zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten im letzten Jahr habe ich der Feiertage wegen mit meiner Familie gemeinsam gegessen, um den Tag Besonders werden zu lassen und nicht um etwas Besonderes zu sein, indem ich etwas anderes esse als die anderen. Diese Tage wurden besonders. Und unvergesslich. Sie wurden besonders, besonders schmerzhaft. Und unvergesslich, weil ich sie zusammen gekrümmt im Bett verbrachte. Ich hatte starke krampfartige Bauchschmerzen. Ich weiß nicht, warum und woher. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr das essen kann, was ich früher gegessen habe. Ich vertrage es nicht mehr. Und nichts hilft. Kein Schmerzmittel. Nur Essen kann helfen. Ich muss mich wieder an etwas gewöhnen, dass ich mir abgewöhnt habe. Das Essen. Früher war es schmerzhaft, es sich abzugewöhnen. Der Hunger war schmerzhaft. Heute ist es schmerzhaft, es sich wieder anzugewöhnen. Das Essen ist schmerzhaft. Körperlich und seelisch. Seelisch, weil die Schmerzen stärker werden, sobald ich an Essen denke. Und schwächer werden, sobald ich abgelenkt bin. Ein gemeinsames Essen mit meiner Familie machen nicht nur meine Verdauungsbeschwerden unerträglich. Es ist mein Essverhalten. Ich esse immer langsamer. Noch vor kurzem benötigte ich eine halbe Stunde für eine Portion. Jetzt ist es eine Stunde. Eine Stunde, in der ich die Gegenwart meiner Familie kaum ertrage. Sie sind die Einzigen, dich mich essen sehen, aber sie sollen mich nicht so lange essen sehen. Ich möchte nicht, dass sie sich genötigt fühlen, mir während des Essens Gesellschaft  zu leisten und so lange bei mir am Tisch sitzen bleiben zu müssen, bis ich aufgegessen habe. Es ist der Grund, aus dem ich am liebsten allein esse. Dass ich doch einen Wunsch zu meinem Geburtstag habe, habe ich ihnen noch nicht gesagt. Das das mein Wunsch ist, habe ich nicht gesagt. Der Wunsch, allein zu essen. Das ist mein einziger Wunsch. Das würde den Tag vielleicht nicht besonders werden lassen. Aber vielleicht besonders, weil diesmal schmerzfrei. Diesmal schmerzfrei für Körper und Seele. Schmerzfrei für mich. Diesmal schmerzhaft für die anderen.

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* ich von meiner Schokoladenseite *

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Ich weiß, wer ich bin. Aber nicht, wie ich aussehe. Ich sehe in den Spiegel. Und ich erkenne mich darin. Ich sehe, wer ich bin. Dass ich es bin. Aber nicht, wie ich aussehe. Ob gut oder schlecht, ob schön oder hässlich. Ich weiß es nicht. Ich habe es noch nie gewusst. Und weiß nicht, ob ich es jemals wissen werde. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich mich. Ich sehe mich. Mein Gesicht. Meine Stirn, meine Augen, meine Nase, meinen Mund, meine Wangen, mein Kinn. Mich. Das bin ich. Als Mensch und als Person. Es ist ein Spiegelbild und mein eigenes. Aber ich kann nicht sehen, ob es gut oder schlecht, schön oder hässlich ist. Ich kann mich nicht sachlich betrachten und objektiv beurteilen. Ich sehe einen Menschen und eine Person im Spiegel von außen, aber das Bild in meinem Kopf zeigt einen Menschen und eine Person von innen. Denn ich stehe nicht allein vor dem Spiegel. Ich stehe da, als Mensch und als Person mit Gedanken und Gefühlen, Sorgen und Ängsten. Ich sehe mich mit meinen hässlichen Gedanken und schlechten Gefühlen, mich mit meinen schlechten Sorgen und hässlichen Ängsten. Sie lassen mich Schlechtes und Hässliches im Spiegel sehen. In meinem Spiegelbild. In mir. Ob ich äußerlich auch schlecht und hässlich bin, soll er mir zeigen. Und lässt mich sehen, was ich schon weiß. Ich habe ein schlechtes Bild von mir und mache mir hässliche Gedanken darüber. Ich mag meine Stirn nicht. Sie ist zu fettig. Ich mag meine Augenbrauen nicht. Sie sind zu hell. Ich mag meine Augen nicht. Sie sind zu klein. Ich mag meine Augenfarbe nicht. Sie ist zu gewöhnlich. Ich mag meine Wimpern nicht. Sie sind zu kurz. Ich mag meine Nase nicht. Sie ist zu rund. Ich mag meine Lippen nicht. Sie sind zu schmal. Ich mag meine Wangen nicht. Sie sind zu voll. Ich mag mein Kinn nicht. Es ist zu pickelig. Ich bin ganz schön hässlich. Oder hässlich schön. Davon habe ich mir ein Bild gemacht. Ich habe mich fotografiert. In einem Passbildautomaten. Im Portrait von vorn. Im Profil von links. Im Profil von rechts. Weil ich mich im Spiegel nicht finden kann. Nicht finden kann, wonach ich suche. Nach mir. Nicht als Mensch und nicht als Person. Einfach von außen betrachtet. Nur von außen gesehen. Ob ich gut oder schlecht aussehe, schön oder hässlich bin. Oder irgendwas dazwischen oder mittendrin. Fotos, auf denen ich mich einfach nur ansehen kann, ohne dass sie meine Gedanken und Gefühle in meinen Augen, Sorgen und Ängste in meiner Mimik wiederspiegeln. Einfach nur Fotos. Einfach nur Bilder. Schon viele Jahre sehe ich so in den Spiegel. Als junges Mädchen habe ich mich nach Jahren gesehnt. Die Jahre, die mich älter und schöner hätten machen sollen. Ich habe gedacht, die Jahre und das Älterwerden würden mich zu einer Frau machen, die in ihrem ganzen Leben nie schöner sein wird, als in ihren Jahren als junge Erwachsene. Hohe Wangenknochen würden nicht mehr unter kindlichen Rundungen mit Pausbäckchen verborgen bleiben und markante Gesichtszüge würden unter den weichen Konturen deutlich werden. Aber der Spiegel spiegelt noch heute das kleine Mädchen zurück. Alles um mich herum scheint verändert, nur der Spiegel zeigt das gleiche Ebenbild und die Fotos das gleiche Abbild. Nur in meinen Augen sehe ich, dass ich schon viel gesehen habe. Aber je mehr Jahre hinzukommen, desto besser gefällt mir, was ich sehe. Was ich im Spiegel sehe. Was ich in mir sehe. Es ist wie mit einem alten Stofftier aus frühen Kindertagen. Es begleitet einen schon das ganze Leben lang und auch wenn es nicht schön ist, sieht man wohlwollend über die Holzwolle hinweg, die aus den Nähten quillt und über den roten Flicken unter dem Auge. Und wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich das Gesicht, das mich schon mein ganzes Leben lang begleitet und auch wenn es nicht schön ist, sehe ich wohlwollend über den Babyspeck hinweg, der die Wangen füllt und über den roten Pickel unter dem Auge. Man gewöhnt sich an Schönes wie an Hässliches. An alles Schöne nur schneller und nimmt das Schöne schnell nicht mehr wahr. An Hässliches will man sich gar nicht gewöhnen, bis man es muss. Und dann wird aus etwas Hässlichem vielleicht noch etwas Schönes, weil man sich eben doch daran gewöhnt hat. An Holzwolle und rote Flicken genauso wie an Babyspeck und rote Pickel. Vielleicht lernt man auch irgendwann, dass man was man sucht, nicht im Spiegel findet. Nicht in dem, was der Spiegel zeigt. Vielleicht lernt man, es woanders zu suchen. In sich selbst oder außerhalb von sich selbst, aber nicht an sich selbst. Vielleicht lernt man, es zu finden. Ich möchte es in keinem anderen finden. Ich möchte keinen Tag im Leben eines anderen leben und ich möchte keinen Tag mit anderem Geschlecht leben. Ich möchte nur einen Tag im Leben eines schönen Menschen verbringen. Ich möchte wissen, ob alles nur schöner Schein ist und alles nur schöner scheint. Ich möchte wissen, wie es ist, schön zu sein und zu wissen, dass man schön ist. Ich will nicht wissen, ob es schöner einfacher ist oder schöner besser ist. Ich möchte nur einmal schön sein. Sich nicht schön fühlen sondern schön sein. Von anderen als schön empfunden werden. Vielleicht wüsste ich dann, ob ich selbst schön oder hässlich bin. Vielleicht wüsste ich es, nachdem ich wüsste, wie es sich anfühlt, schön zu sein. Wie es sich anfühlt, von anderen als schön empfunden zu werden. Vielleicht ist es nicht anders als jetzt. Vielleicht ist es ganz anders als heute. Vielleicht ist es viel schöner als jetzt oder viel hässlicher als heute. Vielleicht ist es immer wieder anders. Weil schön immer wieder anders ist. Schönsein für jeden anders ist. Und ich immer wieder anders schön bin, weil ich schöner anders wäre. Oder ich immer wieder ganz schön anders bin, weil ich anders schöner wäre.

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*(Ver)Lust an Fett*

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Keine (ge)wichtigen Veränderungen. Die Zahlen auf der Anzeige der Waage liegen schwer wie Sahnetorte im Magen und der Zeiger klebt wie in Zuckerguss getaucht. Von meinen schokoladigen 52,0kg wurde nicht eine Hundertgramm-Tafel von meinem Stoffwechsel vernascht. Stattdessen tischt er noch elf weitere auf: Heute Morgen betrug mein Nettogewicht nach dem Entfernen meiner Verpackung 53,1kg. Mein unnötiger Ballast scheint sich noch bevor die letzten Sonnenstrahlen dieses Spätsommers seine Tafel knackt und letzte Fettreserven verzehrt, ein schattiges Plätzchen gesucht zu haben, um meinen BMI-Wert von 18, 3 nicht weiter zum Schmelzen zu bringen. Dabei war ich mir ganz sicher, dass einige Rippen meiner Schokoladentafel fehlen würden, nachdem sich mein Brustkorb deutlich unter meinem fettgewebslosen Busen abzuzeichnen beginnt. Meine Hüftknochen spießen mit ihren Beckenschaufeln wie Geweihe den Stoff meiner Hosen auf und mein Bauch fällt wie eine dünne Hängematte zwischen ihnen ins Körperinnere. Sichtbar ist, dass ich wieder an Fett und somit an Gewicht verloren habe. Haben muss. Im Spiegel. Aber der Waage ist dies noch nicht Beweis genug.

Über den Gewichtsstillstand habe ich gelesen, dass er entgegen unserem negativen Empfinden, das es in uns hervorruft, eigentlich etwas Positives für uns bedeutet: Genau während der  Zeit, in der das Körpergewicht stagniert, stellt sich der Organismus auf das neue, niedrigere Gewicht um und erkennt es bald als zu ihm gehörig. Er gibt sich geschlagen statt weiter dagegen zu kämpfen. Ob mich ein Stillstand nun demotiviert oder frustriert oder beides – steht außer Frage. Ich will nicht weiter abnehmen. Ich habe aufgehört, es zu wollen, als ich mit der 60kg-Marke mein Ziel erreichte. Aber ich wollte mich nicht länger an glatten Zahlen und starren Werten orientieren. Mit der geringsten Gewichtsschwankung wird eine runde 60 zur kurvigen 60,1. Diese 60 war wiederum so rund und zu glatt, dass ich keinen Halt fand, von ihr abrutschte und in den fünfziger Bereich abglitt. Versehentlich und ungewollt. Weil ich nichts dafür getan habe, damit es aufhört. Ich habe nichts dafür getan, damit ich nicht weiter an Gewicht verliere. Ich habe nur etwas dafür getan, damit es nicht wieder mehr wird. Indem ich mein Essverhalten einfach beibehalten habe. Das hat mir Sicherheit gegeben. Wenn ich schon kein Ziel mehr in Gestalt eines neuen Niedriggewichts vor Augen habe, dann möchte ich wenigstens die gleiche Richtung verfolgen, um nicht vom Weg abzukommen. Also esse ich immer das Gleiche, jeden Tag. Jeden Tag das, was ich immer aß, wollte ich abnehmen. Ich schaue mir nur noch selber zu. Wartete passiv ab, was passiert. Wie es weiter geht und wie weit es geht. Ich habe Zeit genug. Ich bin längst nicht mehr von dem Erwartungsdruck getrieben, wie ich wohl aussehen werde, mit immer weniger Fett am Leib und immer mehr sichtbaren Knochen unter der Haut. Ich weiß, was mich erwartet. Und das es mich erwartet. Irgendwann. Ob ich will oder nicht. Abnehmen. Ich soll es nicht, ich darf es nicht, ich kann es nicht. Ich muss es. Ich muss es einfach. Und weiß selbst nicht, warum. Meiner Mutter habe ich davon erzählt, von dieser inneren Unruhe und diesem Getriebensein nach Wenigerwerden. "Dann ist das wohl so", sagt sie. Ja, dann ist es wohl so. Und ich muss es akzeptieren. So einfach akzeptieren, wie sie es tut. Akzeptieren, dass ich immer dünner werden will und akzeptieren, dass sie es akzeptiert. Dass sie es einfach akzeptieren kann, dass ich immer weniger werde. Vielleicht ist es auch ihre Gleichgültigkeit und ihre Unwissenheit, die mich weitermachen lassen. Um zu beweisen, dass das nicht einfach wohl so ist. Und mein leichter und schmaler werdender Körper ist es, der wieder meinen Ehrgeiz, füttert statt meinen Körper, weiterzumachen. Weil er Ergebnisse auf die Waage bringt, die ich lange nicht gesehen habe. Es bringt eben so lange Spaß und fällt so lange leicht, bis die Erfolge nachlassen. Gewichtsstagnation – es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass genau darin mein persönlicher Fortschritt und Erfolg liegt: Mein Gewicht einfach nur zu halten. Neben dem Gewichthalten muss schon allein das bloße Ausbleiben eines Rückfalls ins Hungern oder ins Fressen als Erfolg gewertet werden. Es kehrt Ruhe ein. Nicht nur auf der Waage, weil sie immer wieder die gleichen Zahlen anzeigt. Auch, weil sich das Abnehmen selbst für beendet erklärt. Einfach, weil man nicht weiter an Gewicht verliert. Vielleicht, weil man angekommen ist. Und irgendwann fühlt man sich auch so. Druck lässt nach und Normalität kehrt ein. Ich denke weniger ans Essen und beim Essen weniger daran, dass ich was ich esse, morgen in Form von Zahlen auf der Waage wieder sehe. Ich lerne durch die Erfahrung zu vertrauen, was ich bedenkenlos essen kann und wie viel davon. Es ist ein ganz neues Gefühl von Kontrolle, das Sicherheit gibt. Doch wie mein auf den Gewichtsverlust ausgerichtetes Essverhalten ist auch mein gesamtes Denken darauf konzentriert, dass die Waage immer weniger anzeigen muss. Dann vergesse ich, dass ich gar nicht abnehmen will. Tut sie es nicht, ist es mein Fehler. Ich habe etwas falsch gemacht. Nicht aufgepasst, etwas Verbotenes gegessen oder vom Erlaubten zuviel. Habe ich aber abgenommen, bedeutet das Rückfallgefährdung, weil mich der auf der Waage ablesbare Erfolg zum Weitermachen motiviert. Bleibt das Gewicht konstant, trotz Gegenmaßnahmen, kann dies Fressanfälle provozieren, was ebenfalls ein Rückfall wäre. Ein Rückfall ins andere Extrem. So schmal ist die Grenze und so breit ist mein Körper.

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* Hungerlohn *

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Fünfzig Cent. Was kannst du dafür bekommen und was wärst du bereit dafür zu geben? Ich kann nicht viel dafür bekommen und ich bin nicht bereit viel dafür zu geben. Nicht das, was von mir verlangt wird. Fünfzig Cent. Eine Gehaltsverhandlung um fünfzig Cent. Die erste Gehaltsverhandlung in meinem Leben. Nach 6jähriger Betriebsangehörigkeit und 2½ jähriger Berufstätigkeit als ausgelernte Mitarbeiterin. Es ging um fünfzig Cent. Gehaltserhöhung. Fünfzig Cent mehr in der Stunde. Das Gespräch war so kurz wie diese Sätze und der Betrag ist so gering wie meine Würde. Meine Chefin bestellte mich zu sich ins Büro. Meine gleichaltrige Abteilungsleitung dazu. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss. In einer Einrichtung wie dieser, in der uns alle Türen offen stehen sollen, kein gutes Zeichen. Stühle wurden uns zugewiesen. In einem stehenden Beruf wie diesem, in dem wir immer in Bewegung sind, ein schlechtes Zeichen. Ein Betrieb, in dem man sich eher gegenüber steht, statt nebeneinander sitzt. Gespräch. Einleitung: „Du hast mich auf eine Gehaltserhöhung angesprochen.“ Hauptteil: „Wir haben uns überlegt - wir machen das nicht.“ Begründung: „Weil du nicht einspringst.“ Antwort: „Dann muss ich mich wohl nach etwas anderem umsehen.“ Reaktion: Ausdrucksloser Blick Richtung Zimmerdecke. Verteidigung: „Woanders wird man dir so auch nicht mehr geben.“ Ansporn: „Du kannst dich ja verbessern.“ Verabschiedung. Und raus bist du. Antrag abgelehnt. Keine fünfzig Cent – dafür zweite Erpressung: Mein Privatleben hinter das Berufsleben zu stellen. Die erste Erpressung: Vor zwei Jahren. Wenn ich nicht einspringen würde, würde meine Probezeit verlängert werden. Seitdem führe ich eine Strichliste. Wann ich eingesprungen bin. Die Liste ist kurz. Weil ich nie gefragt worden bin. Ich werde nie gefragt, ob ich einspringen könnte, werde aber gefragt, warum ich nicht einspringe. Wenn ich damit argumentiere, lautet die Verteidigung: 'Ich mag dich schon gar nicht mehr fragen, weil du immer 'Nein' sagst!' Aber ich konnte nie mit 'Nein' antworten, weil es keine Frage gab, auf die ich hätte eine Antwort geben können. Die zweite Erpressung: Wenn ich nicht einspringe, bekomme ich keine Gehaltserhöhung. Meine Arbeit ist es nicht wert. Keine Gehaltserhöhung. Keine fünfzig Cent. Meine Arbeit ist keine Gehaltserhöhung wert, nur meine Anwesenheit durch Einspringen wäre es wert. Ich bin es nicht und meine Arbeit ist es auch nicht. Ich bin keine fünfzig Cent wert. Meine Arbeit ist nichts wert. Ich bin nur etwas wert, wenn ich da bin, um für verhinderte Kollegen zu arbeiten und gegen den Personalmangel. Ich bin nur etwas wert, wenn ich für die Fehler meiner Chefin beim Schreiben des Dienstplanes gerade stehe und dann arbeite, wenn sie vergessen hat, ausreichend Personal einzuteilen. Meine Qualifikation und Kompetenz – keine fünfzig Cent wert. Ich bin in einem unterbezahlten Job mit niederen Tätigkeiten keine fünfzig Cent wert. Ich bin den Dreck nicht wert, den ich wegmache. Ich bin die sechs Jahre nicht wert, in denen ich gearbeitet habe. Ich bin die fünf Jahre nicht wert, in denen ich nicht einmal gefehlt habe. Ich bin die drei Jahre nicht wert, in denen ich die Ausbildung gemacht habe. Ich bin das Lob nicht wert, das ich für meine Arbeit erhalten habe. Aber Geld ist meine Arbeit nicht wert. Ich bin nichts. Alles, was ich bin, ist die Ess-Störung. Und die steht mir im Weg. Auf meinem Lebensweg durch Privatleben und Berufsleben. Sie zwingt mir Regeln auf, die mit denen meines Arbeitsplatzes nicht vereinbar sind. Sie lässt mich nicht arbeiten, sie lässt mich nur an mir selbst arbeiten. Daran arbeiten, dünner zu werden, leichter zu werden, weniger zu essen und länger zu hungern. Sie lässt mich Vergleiche zu meinen Kollegen ziehen, statt mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie lässt mich beobachten, was sie essen, statt mit ihnen zusammen zu sprechen. Sie lässt mich unflexibel und unspontan sein, statt engagiert und motiviert. Sie lässt mich meine Aufgaben aus den Augen verlieren und stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Sie lässt mich einen Hungerlohn verdienen, statt eine Gehaltserhöhung wert zu sein. Wie fühlt sich ein essgestörter Mensch damit? Bestätigt. Ich bin bestätigt darin, dass mein Selbstwert unter fünfzig Cent liegt. Dass ich weder als Mensch noch als Angestellte etwas wert bin. Dass ich einfach nicht genug geben kann, um etwas nehmen zu dürfen. Keine fünfzig Cent. Ich bin bestätigt darin, dass selbst in der Arbeitswelt nur Äußerlichkeiten etwas wert sind und nicht innere Werte wertgeschätzt werden. Äußerlichkeiten wie die bloße Anwesenheit und nicht innere Werte wie Kompetenz. Wie schwer ich wirklich arbeite, das weiß niemand. Meine Arbeit gegen die Krankheit. Sie fragen sich, wann ich esse, weil sie mich nie essen sehen und fragen sich, wie dünn ich noch werde, wenn sie mich sehen. Nur fragen sie sich nicht, welch eine Arbeit es bedeutet, weiterzuarbeiten. Weiterzuarbeiten mit und gegen den Körper. Zu arbeiten in einem körperlichen Beruf gegen eine körperliche Krankheit bei körperlicher Erschöpfung. Ich stoße körperlich an die Grenzen meiner Belastbarkeit und seelisch an die Grenzen, die die Ess-Störung mir auferlegt. Dabei will ich kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich Ja zu mir und Nein zu anderen sage. Ich will mich nicht schlecht fühlen müssen, damit andere sich gut fühlen können. Ich will mich nicht mehr als schlechterer Mensch fühlen, wenn ich mein Privatleben vor das Berufsleben stelle. Ich will, dass es mir mit meinem Leben gut und nicht mit der Arbeit schlecht geht. Ich kann nicht glauben, dass eine unauffällige Person wie ich, durch so etwas auffällt. Eine Person, die in erster Linie an andere denkt und der vom Arbeitgeber Egoismus vorgeworfen wird. Nur weil sie jetzt an ihre Gesundheit denkt. Eine Person, die nach Perfektion strebt und der mangelnde Arbeitsbereitschaft nachgesagt wird. Nur weil sie jetzt bereit ist, diese Perfektion gegen die Krankheit zu richten. Eine Person, die durch die Arbeit an den Rand ihrer körperlichen Möglichkeiten gedrängt wird. Nur weil sie nicht krankgeschrieben und ausfallen will. Eine Person, die arbeitet, an sich und ihrem Arbeitsplatz. Nur, weil sie ein normales Leben will. Ein normales Leben, in dem man die Wahl zwischen ‚Ja’ und ‚Nein’ hat und diese Worte auch aussprechen darf. ‚Ja’ zu sich selbst. ‚Ja’ zum Leben. Und ‚Nein’ zu dem, was sich dem eigenen Ich und dem eigenen Leben in den Weg stellt. Auch wenn es der Arbeitgeber sein sollte. Nein!

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30.8.09 11:14, kommentieren

* (Fr)Es(s)kapaden *

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Essen und Fressen. Aus Essen wird schneller Fressen, als man die Buchstaben F und r vor das Wort Essen schreiben kann. Und aus Lust wird schneller Frust, als man das F und r gegen das L austauschen kann. Essen und Fressen. Nicht zufällig scheinen diese Worte so gleich. Nicht umsonst scheinen sie sich zu reimen. Das eine ist nicht das Gegenteil vom anderen, das andere schließt das eine nicht aus. Essen und Fressen. Lust und Frust. Lust ist das Gegenteil von Frust. Lust schließt aber Frust nicht aus. Den Frust, den wir nach der Lust erleben. Der Lust am Essen und dem Frust am Fressen. (Fr)Essen - wann hast du das erste Mal gegessen und wann das erste Mal gefressen? Zwei einfache Fragen schwer zu beantworten. Die erste wird uns nicht weiter interessieren. Wir waren zu jung, um in Erinnerung zu behalten, wann wir das erste Mal gegessen haben. So etwas Unwichtiges wie Essen. Selbst unsere Eltern werden sich daran nicht erinnern. An so etwas Alltägliches wie Essen. Doch wann wurde aus etwas so unwichtigem und alltäglichem wie Essen etwas so süchtiges und krankhaftes wie Fressen? Wir waren alt genug, um in Erinnerung zu behalten, wann wir das erste Mal gefressen haben. So etwas Animalisches wie Fressen. Nur unsere Eltern werden sich daran nicht erinnern. An so etwas Peinliches wie Fressen. Denn wir taten es heimlich. Aber warum wissen wir selbst nicht, wann aus etwas so unwichtigem und alltäglichem wie Essen etwas so süchtiges und krankhaftes wie Fressen wurde? Warum wissen wir nicht, wie Fressen immer wichtiger und alltäglicher und animalischer und peinlicher wurde? Warum, wenn Hunger und Essen, Gewicht und Figur unser Alltag war, bis Fressen unser Leben wurde? Alles was wir wollten wurde zu allem, was wir verabscheuten. Irgendwann, als aus Hunger Übersättigung und aus Essen Fressen und aus Gewicht Übergewicht und aus Dünnsein Dicksein wurde. Irgendwann, als wir alt genug waren, um in Erinnerung zu behalten, dass Hunger uns nicht dünner macht, sondern Hunger uns dick werden und fressen lässt. Und irgendwann, als unsere Eltern uns auch nicht mehr helfen konnten.

Kannst du dich daran erinnern, erinnern an deinen ersten Fressanfall? Ich nicht. Denn mein erster Fressanfall war keiner. Weil ich ihn nicht als Fressanfall empfunden habe. Es war ein Zuviel an Essen. Aber es war doch nur Essen und ich hatte doch nur Hunger. Doch es war Essen, das nicht sättigte und ich hatte Hunger, der nicht zu stillen war. Mein Mund war ein Loch ohne Boden und mein Magen ein Raum ohne Wände. Keine Übelkeit und kein Erbrechen, kein Magendruck und kein Völlegefühl. Es war Lust und Genuss, es war Befriedigung und Beschäftigung. Es war einmal und nie wieder. Es war das erste und letzte Mal. Aber es wurde mehrmals und immer wieder. Und was als Kampf gegen das eigene Gewicht begonnen hatte, wurde zum Krieg gegen die fremde Sucht. Ein Gegner, dessen Waffen stärker sind als der Hunger groß. Und ich dachte noch, er würde von selbst wieder vom Schlachtfeld ziehen. Wenn er genug Opfer gefordert hätte. Genug Kalorien vernichtet und Fett eingeschleust, genug Würde genommen und Hass geschürt hätte. Genug ist genug. Aber genauso wenig wie man dünn genug sein kann, kann man genug essen. Man isst einfach weiter. Über Gewichtsgrenzen und Fassungsvermögen hinaus. Dass ich dabei die Kontrolle über mich selbst verloren hatte, und das der Grund war, warum ich nicht mehr aufhören konnte, war mir während dessen nicht bewusst. Es kam mir nicht vor, wie etwas Unnormales. Denn ich hatte kein schlechtes Gewissen, weil mein Bauch mich durch das Ausbleiben von Beschwerden auch nicht daran erinnerte, eins haben zu müssen. Der Körper fordert gnadenlos sein Recht ein. Aus all den Monaten, die er hungernd verbrachte, macht er Minuten, die er mit Nahrung füllt. Es ist leichter, Fett aus dem Körper zu hungern, um abzunehmen, als den Kalorien zu widerstehen, die einem der Heißhunger schmackhaft macht. Man isst nicht mehr – man hungert oder man frisst. Doch irgendwann kann man nicht mehr genug hungern, um nicht zu zunehmen, weil man zuviel isst, um abzunehmen. Dann steht man plötzlich nicht mehr allein auf der Waage, sondern mit allem, was man nie mehr hatte essen wollen.

Ich denke, wir müssen lernen, uns zu verzeihen. Uns selbst zu verzeihen. Es ist das Schwierigste. Es ist das Schwierigste, sich selbst zu verzeihen. Weil wir wochenlang hungern und wissen, warum und dann fressen und nicht wissen, warum. Wir wissen, was wir wollen und was wir dafür tun und vergessen, dass unser Körper auch etwas will und weiß, was er dafür tun muss. Das Ich in uns ist nicht willensschwach oder undiszipliniert, wenn aus hungern essen oder fressen wird. Es ist der Körper um uns, der sein inneres Ich zu erhalten versucht und so starke Gefühle in ihm entwickelt, die für uns als heißer Hunger im Magen spürbar werden. Wir müssen uns verzeihen. Nicht, weil wir fressen, sondern weil wir hungern und daher fressen. Unser Körper reagiert nur auf das, was wir mit ihm machen. Und diese Reaktionen werden nicht nur sichtbar durch die kleiner werdenden Zahlen auf der Waage, sondern sind auch unsichtbar in uns. Und wenn unser Körper zu viele Reaktionen auf den Gewichtsverlust in sich verarbeiten muss, kommt es irgendwann zum großen Anfall. Zum Fressanfall. Die Lust am Essen und der Frust am Fressen. Das zu verzeihen ist schwerer, als einem anderen Menschen zu verzeihen, der einfach nur einen Fehler begangen hat. Sich selbst zu verzeihen ist das Schwierigste, wenn man das Leichteste will. Sich zu verzeihen, dass man Mensch ist und der Hunger übermenschlich geworden ist. Zu groß, für das Ziel, immer kleiner zu werden.

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2 Kommentare 25.8.09 16:09, kommentieren

*süße Rezepte und bittere Zutaten*

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Meine Schokoladentafel, deren Länge 170cm misst, zeigte sich heute morgen nach dem nächtlichen Einwirken der Aromen und nach Entfernung der Verpackung in der Waagschale von ihrer Schokoladenseite:

          Zutatenliste zur Herstellung der Schokoladen-Rohmasse

  • 52      kg   Gesamtgewicht
  • 77      cm  Brustumfang
  • 62      cm  Taillenumfang
  • 87      cm  Hüftumfang
  • 44      cm  Oberschenkelumfang
  • 22      cm  Oberarmumfang


Der Hersteller der Süßigkeit strebt an, das Produkt demnächst mit einer neuen Seriennummer zu versehen und somit den aktuellen Wert von 18 b-m-i zu unterschreiten. Der Verbraucher wird in Kenntnis gesetzt, sobald die Produktion erfolgreich war und der Chocolatier wird die nötigen Informationen an dieser Stelle der Öffentlichkeit zugänglich machen. Hierfür wird die Rezeptur für die Schokoladentafel noch einmal überarbeitet und fettärmere sowie kalorienreduzierte Zutaten ausgewählt. Die neuste Kreation wird das (pro)portionsgerechte Naschen für den Konsumenten erleichtern, da die einzelnen Schokoladenrippen der Tafel deutlicher hervortreten werden, was allerdings eine sorgfältigere Lagerung des Genussmittels voraussetzt, da diese schneller brechen als die kräftigere und stabilere Variante der Süßigkeit.

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18.8.09 12:17, kommentieren

* Eis(en) (zerfr)essen *

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Essen macht mich kaputt. Nicht Hunger ist es. Nicht der Hunger frisst mich auf, es ist das Essen. Das Essen, das ich noch esse. Noch. Das Obst. Es zerfrisst mich. Mit seinen scharfen Fruchtsäuren zersetzt es meinen Körper schneller als ich ihn weghungern kann: Meine Mundwinkel sind eingerissen, meine Lippen aufgesprungen und geschwollen, meine Schleimhäute wund und blutig, meine Zunge rohes Fleisch. Folgen von gesundem Obst. Folgen meines einseitigen Essverhaltens. Folgen einer Mangelernährung. Es sind nicht die ersten Anzeichen dafür. Aber die ersten, die sich nicht verdrängen lassen. Weil sie schmerzen. All die anderen Symptome wie der Haarausfall oder das Ausbleiben meiner Menstruation sind keine Beschwerden. Keine, mit denen man nicht leben könnte. Den losen Haaren begegne ich nur im Bad und der fehlenden Blutung gar nicht mehr. Ich habe vergessen, dass Frauen monatlich bluten und ich es auch sollte. Und doch erinnern mich gerade Bauchkrämpfe daran. Keine, mit Ursprung in den Geschlechtsorganen. Es ist mein Magen. Ich kann nichts mehr essen. Nicht wegen der Schmerzen. Kein Schmerz könnte mich davon abhalten, Obst zu essen. Das Einzige, was ich mir zu essen erlaube. Es ist mein Magen und der kriegt mit der kleinsten Menge zuviel. Reagiert mit Völlegefühl und Magendruck, Übelkeit und Magenkrämpfen. Das Fassungsvermögen meiner Verdauungsorgane hat sich soweit verringert, dass Essen plötzlich keine Frage des Willens mehr ist. Jetzt ist es nicht mehr allein meine Psyche, die mich immer weniger essen und immer weniger werden lässt, sondern auch die physiologischen Voraussetzungen sind nicht mehr gegeben, ausreichend Nahrung aufzunehmen. Auch wenn es der falsche Weg ist, der mich noch tiefer in Richtung Ess-Störung lenkt - ich verkleinere meine Portionen nun schon täglich, um endlich eine Größe zu finden, durch die mein Verdauungstrakt sich nicht mehr wie gestopft anfühlt. Aber mein Körper bleibt unberechenbar und reagiert immer anders auf das immer gleiche Essen. Auf das Obst. Dass mich zerfrisst und zersetzt. Ich kann außer Obst nichts mehr essen. Alles andere würde meine Seele zerstören wie seine Säuren mein Fleisch. Alles andere würde meinen Körper aufpolstern wie Fettsäuren den Speck. Von nichts kann ich mich nähren, ohne mich selbst zu verdauen. An nichts sättigen, ohne dass mein Gewissen es erbricht. Mit nichts meinen Magen füllen, ohne dass ich seinen Inhalt ertrage. Durch nichts will ich Nährstoffe aufnehmen, ohne die Gewissheit, dass es fettfrei und kalorienarm ist. Und so gelangt das gesunde Obst weiterhin in meinen kranken Körper. Über meine aufgesprungenen und geschwollenen Lippen in einen wunden und blutenden Mund, dessen Zunge nichts mehr schmecken kann, in einen geschrumpften Magen, der es mit verlangsamter Darmtätigkeit in den Verdauungstrakt schiebt. Nährendes Obst in einem hungernden Körper, der keine Nährstoffe aufnehmen kann, weil ihm das nötige Fett fehlt, um die Vitamine aus dem Nahrungsbrei herauslösen zu können. Ein hungernder Körper, vor dem Essen steht und in dem Essen besteht, und sich doch nicht daran sättigen kann. Die Auswahl an Nahrungsmitteln in unserem Land ist so groß wie nirgends auf der Erde. Und doch sehen wir Essgestörte aus wie Kinder Afrikas, deren Arztpraxis jeder Lebensmittelladen dieser Erde sein könnte und jedes Lebensmittel daraus ein Medikament. Wahrscheinlich bräuchten wir nicht mal einen Arzt. Keine Untersuchung und keine Behandlung. Kein Heilmittel und keine Therapie. Wir müssten nur essen. Einfach essen. Das Essen kann die Folgeschäden des Hungers lindern und bei Erreichen eines gesunden Körpergewichtes sind die meisten Beschwerden behoben. Doch anstatt meinen Nährstoffmangel durch Lebensmittel zu decken, in dem ich mich einfach auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung konzentriere, nehme ich deren Mineralien und Spurenelemente in Form von Pulver und Pillen auf. In denen ist wenigstens nicht mehr enthalten, als ich brauche. Kein Fett und keine Kalorien. Eisen, Magnesium und Calcium. Eisen für Blut, Magnesium für Muskeln, Calcium für Knochen. Ganz einfach. Tablette schlucken statt Nahrung essen. Ist das Gleiche drin, kommt das Gleiche bei raus. Gegen alles eine Pille und für alles eine Tablette. Um nicht mehr Essen zu müssen. Und ich krieg das, was ich will: Eine dünne Figur. Und mein Körper kriegt das, was er will: Eine dicke Ernährung. Bei näherer Beschäftigung mit den Beipackzetteln musste ich jedoch einige therapeutische Maßnahmen aus dem Angebot meiner selbst verordneten Kur streichen: Die Aufnahme des Eisens aus dem Darm wird durch Magnesium- und Calciumpräparate beeinträchtigt. Doch nicht so einfach. Doch keine Pulver- und Pillenernährung. So wie Essen und Dünnsein nicht miteinander vereinbar sind, vertragen sich Eisen, Magnesium und Calcium nicht. Zumindest nicht, wenn sie nicht in natürlicher Form zusammen in einem Lebensmittel in den Körper gelangen, sondern durch chemische Verarbeitung in ihren Einzelteilen zu Pulvern und Pillen gepresst aufeinander treffen und sich selbst nicht wieder erkennen. Und dabei soll jedes Mineral sich da noch neben den anderen pulverisierten Nährstoffen durchsetzen, um seine gesundheitsfördernde Wirkung entfalten zu können. Da wäre es einfacher, einfach zu essen. Richtige und echte Nahrung zu essen anstatt in Wasser gelöstes Pulver zu trinken und aus Folien gedrückte Pillen zu schlucken. Eisen, Magnesium und Calcium würden sich nicht gegenseitig aufheben, sondern sich friedlich nebeneinander verwerten lassen. Je nach Angebot und Nachfrage. Prioritäten setzen: Hungern statt geblähter Magen und Eisen statt Magnesium und Calcium. Ich setze alles auf Eisen. Ich habe mir gerade Floradix Kräuerblut mit Eisen verschrieben, dreimal täglich eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten fünfzehn Milliliter. Um meine Verletzungen in und am Mund als Zeichen von Mangelernährung zu behandeln. Und einen Esslöffel natives Olivenöl zweimal täglich nach Verzehr meiner Obstmahlzeiten. Oder Rapsöl. Um die fettlöslichen Vitamine nicht nur durch meine Verdauungsorgane zu schleusen und unberührt der Kanalisation nach Fall in die Kloschüssel zu übergeben, sondern auch in die Blutbahn freisetzen zu können. Pures Fett. Löffelweise. 82 Kalorien schwimmen in einem Esslöffel Olivenöl. Einen solchen Löffel zweimal täglich in den Mund zu stecken ist bereits Therapie genug. Und wenn du nun dem anschließenden Link folgst und dir acht Minuten Zeit nimmst, einer jungen Frau zu zuhören, weißt du auch, warum ich Maßnahmen gegen meine Mangelernährung ergreife und lieber diesen in Öl getränkten Löffel in den Mund nehme, anstatt ihn abzugeben...

 http://www.youtube.com/watch?v=scYpbuMQIoI

Folgeschäden. Welche mir bereits schmackhaft gemacht wurden, kannst du unter dem Schokapitel Diabetikerschokolade probieren, in dem du dir von der Schokoladentafel links oben etwas abbrichst. Aber unabhängig davon, welche Beschwerden ich habe, ob die Verätzungen im Mund durch die Fruchtsäuren oder die Verdauungsschmerzen aufgrund einer überdehnten Magenwand, immer ist es mein gestörtes Essverhalten, dass ich dafür verantwortlich mache. Habe ich miese Laune, vermute ich eine Hungerdepression. Friere ich, glaube ich meinen Kreislauf im Keller zu wissen. Fühle ich mich kraftlos, meine ich, mein Körper verzehrt Muskelmasse. Folgen, von denen nicht alle spürbar und nicht alle sichtbar werden. Ich frage mich, was unter der Oberfläche geschieht. Unter der Oberfläche, die ich nur als dick wahrnehme. Von der mich nur ihr Gewicht interessiert. Was fehlt meinem Körper? Wie viel ist krank und was noch gesund? Was wird krank und was wieder gesund? Was ist in mir - unter meiner Haut. In meinem Gefäßsystem. In meinen Nervensträngen. In meiner Muskulatur. In meiner Knochenstruktur. Nur nicht in meinem Fettgewebe. Nur von meinem Fettgewebe will ich nichts wissen. Es sei denn, ich würde erfahren, dass ich keines mehr habe. Aber das wäre der Tod... . 

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*Schokolabstinenz*

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Sechzehn Wochen. Oder vier Monate. Sechzehn Wochen oder vier Monate liegt der 31. März zurück. Sechzehn Wochen, die vier Monate entsprechen. Am Dienstag, den 31. März, war meine letzte Fressattacke. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich sie mir erlaubt und sie geplant hatte, oder ob sie mich spontan und anfallsartig überrascht hat. Ich weiß nur noch, dass es zu einer Zeit war, in der sich mir die Kontrolle über mein Essverhalten immer mehr entzog und ich nicht mehr zu gewohnter Form -innerlich wie äußerlich- zurückfand. Der Entschluss, dem endlich ein Ende zu setzen, war sicherlich nicht so konsequent gedacht, wie er letztendlich ausgefallen ist. Denn wie üblich war diese Einsicht nicht der erste Schritt zur Besserung gewesen. Ich hätte nicht geglaubt und hatte nicht ahnen können, dass ich sechzehn Wochen oder vier Monate später auf diesen Tag zurücksehen würde und ihn als meinen letzten Tag des Fressens betiteln könnte. Heute kann ich es. Damals wog ich zwischen 55 und 56kg. Heute, sechzehn Wochen oder vier Monate später, bringe ich 52, 4kg auf die Waage. Drei einhalb Kilo weniger, nur drei einhalb Kilo. Das ist nicht genug, das ist nicht genug für eine Zeit von sechzehn Wochen oder vier Monaten. Aber es ist gut genug, wenn ich damit fressfrei und superschlank bleiben kann. Und diese Zahlen sind Zahlen, die ich seit fast zwei Jahren nicht mehr von der Anzeige der Waage habe ablesen können. Ich habe mit ihnen mein Tiefstgewicht von 52, 7kg im Oktober 2007 unterbieten können. Es ist nicht so, dass ich geheilt bin. Aber wenn schon nicht geheilt von Anorexia nervosa, dann wenigstens von Bulima nervosa oder Binge-eating-Disorder. Zumindest von diesen hat mich das Ausbleiben der Essanfälle entfernen können. Von den beiden Ess-Störungsformen, die den höchsten Leidensdruck auf mich ausgeübt haben. Das ist verhaltensauffälliges Essverhalten: Hat man seine Ernährungsweise gerade aus dem krankhaftem Bereich der einen Störungsform befreit, befindet man sich bereits an der Schwelle zum nächsten abnormalen Umgang mit Essen. Man bewegt sich immer auf der schmalen Grenze zwischen gesundem und gestörtem Essverhalten. Dabei das Gleichgewicht zu finden, verlangt einem alles ab und die Balance auf Dauer zu halten, kann schon das Ziel bedeuten. Und an diesem Ziel sehe ich mich bereits. An einem Ziel von vielen.

Ich habe meine Ernährung nicht verändert und damit ist sie weit entfernt von abwechslungsreich, ausgewogen und ausreichend. Ich habe sie lediglich so ausgerichtet, dass sie keinen Verzicht und keine Verbote mehr beinhaltet und das ist der einzige Grund, aus dem ich keine Rückfälle mehr ins anfallartige Überessen erleide. So einfach kann es sein und so schwer ist der Weg dorthin. Eigentlich ist es das Essverhalten, dass ich schon seit zwei Jahren verfolge und damit auch, während ich gezielt abnehmen wollte. Es ist meine bewährte Ernährungsform, die mich nichts vermissen lässt und an der ich mich auf lange Sicht orientieren kann, ohne Heißhungergefühle zu verspüren. Dass mir nun ein paar Stück Schokolade ausreichen, um mir die Befriedigung zu verschaffen, die vorher nur ein Fressanfall hervorbringen konnte, stimmt so aber auch nicht. Es ist nur so, dass ich mir täglich eine kleine Dosis zugestehe und sich dadurch längst nicht so ein starkes Bedürfnis danach anstaut. Das ist alles. Ich habe auch jetzt noch große Lust, maß- und grenzenlos zu schlemmen. Große Lust und Appetit. Meistens dann, wenn mir etwas Unangenehmes bevor steht. Es ist die psychische Verfassung, deren Einfluss nicht zu unterschätzen ist. Aber je länger die letzte Völlerei zurückliegt, desto höher ist die Hemmschwelle, wieder kräftig zuzuschlagen. Kommt es doch einmal dazu, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der eine Anfall gleich etliche weitere folgen lässt. Einmal gesündigt, erscheint jede weitere Sünde weniger sühnenswert. Was ich esse, lässt mich mein Gewicht nun halten. Manchmal sehe ich mich deswegen an dem Punkt angelangt, an dem ich scheinbar kein Gewicht mehr verlieren kann. Es sei denn, ich würde mit meiner Nahrungszufuhr gegen Null tendieren. Aber fast alle vier Wochen fällt mein Gewicht dann doch wieder schlagartig um einige hundert Gramm. Es pendelt sich dort die nächsten Wochen ein, bis wieder einige Wochen vergehen und ich plötzlich noch mal etliche hundert Gramm auf der Anzeige der Waage vermisse. Es sind nur wenige hundert Gramm, die ich noch auf ein paar Wochen verteilt verliere. Und doch ist es ein kontinuierlicher Gewichtsverlust, der wenige hundert Gramm zu Kilogramm werden lässt. Sechzehn Wochen. Sechzehn Wochen und vier Monate. Wenn sechzehn Wochen zu sechzehn Monaten werden würden – dann fühlte ich mich geheilt. Aber wäre ich es? Sehnzehn Wochen und vier Monate. Wenn vier Monate zu vier Jahren werden würden – dann fühlte ich mich gesund. Aber wäre ich es auch? Wäre ich es nach sechzehn Jahren? Wäre ich es jemals?

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*(zucker)frei*

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Stopp - keine Minute weiter! So kann es bleiben und so sollte es sein. Ich möchte die Zeit anhalten. Könnte ich es nur. Oder immer wieder zurückdrehen, wenn sie schon weiterlaufen muss.  Ich brauche so viel Zeit für mich, dass es mich glauben lässt, ich hätte nie genug davon. Ich bin so beschäftigt mit mir selbst, dass mir alles andere zu viel wird. Jeder Tag ist ein freier und ich bin es dadurch auch. Ich lebe geradewegs in ihn hinein und er wird so, wie ich ihn möchte. Eigentlich immer gleich. Und das gibt mir Sicherheit. Im Moment noch. Das ist ab Donnerstag vorbei. Donnerstag wird nach über zwei Wochen mein erster Arbeitstag sein, nachdem ich einige Tage keinen Dienst hatte und anschließend krankgeschrieben wurde. Ich weiß nicht, ob ich dir überhaupt zu sagen brauche, dass ich noch krank bin. Wie könnte es denn anders sein. Mein Immunsystem macht mir gerade deutlich, wie abwehrschwach es ist, weil es gegen die aktuelle Erkältung einfach kein Gegenmittel kennt. Sie bleibt weiterhin akut, kommt aber nicht richtig zum Ausbruch, was die gesamte Infektion ausdehnt und umso länger andauern lässt. Die unterstützenden Medikamente habe ich längst aufgebraucht und kann sie aufgrund der Gefahr, dass es zu einer Gewöhnung des Körpers an die Substanzen kommt, die eine Abhängigkeit zufolge haben könnte, nicht weiter einnehmen. Sonst würde sich zur Magersucht noch eine Medikamentensucht gesellen. Dann könnte ich hier bald erzählen, wie sich diese beiden miteinander vertragen und welche von ihnen die stärkere ist. Aber ich kann noch nicht einmal die Symptome auseinander halten, mit denen mir die Erkältung und meine Ess-Störung zuleibe rücken. Ich kann nicht unterscheiden, ob ich mich aufgrund des herabgesetzten Allgemeinzustandes durch die Grippe oder aufgrund der Mangelernährung durch mein gestörtes Essverhalten körperlich geschwächt fühle. Sicherlich beeinflussen beide Krankheiten sich gegenseitig und eine einfache Erkältung, die aus einem gesunden Menschen lediglich Husten und Schnupfen hervorbringen könnte, lässt einen bereits ausgezehrten Körper an die Grenzen seiner Belastbarkeit stoßen. Genauso wenig weiß ich, wie es sich anfühlt, gesund zu sein. Körperlich gut und fit. Ich weiß es nicht mehr. Meine Oberschenkel sind normalerweise nur am Ende des Tages so kraftlos, dass ich viel Konzentration aufbringen muss, um die Bewegungen noch koordinieren zu können, die mich aus einem Sessel aufstehen oder eine Treppe steigen lassen. Jetzt ist meine Muskulatur völlig ermüdet. Mein Herz rast. Manchmal fühle ich es ganz eigenartig in der Brust schlagen. Dieses Gefühl ist nicht zu beschreiben und löst grundlose Ängste in mir aus. Meistens am Morgen, obwohl ich bereits gefrühstückt habe. Eher schnell als langsam pocht es, doch mein Blutdruck spricht eine andere Sprache: Heute hatte ich einen Wert von

  • Blutdruck: 82 / 49 mm/hg

Ein neuer Tiefstwert und trauriger Rekord. Mein Puls lag dagegen mit um die 45 Schlägen in der Minute in einem mir vertrauten Bereich. Langsam kommt in mir der Verdacht auf, dass es gar nicht diese lächerliche Erkältung ist, die mich arbeitsunfähig macht, sondern dass es eigentlich die Ess-Störung selbst ist. Und obwohl ich damit vielleicht dem wirklichen Grund auf die Spur komme, macht mir diese Gewissheit eher Angst. Denn wäre es nur diese Erkältung, könnte man gegen sie wenigstens etwas tun. Oder ich will eher etwas gegen sie tun als gegen die Ess-Störung.

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Fünfzig. Eine Zahl, eine Ziffer, ein Wort. Eins unter vielen. Ein einziges unter tausenden, die als Gedanken ihre Bahnen durch mein Gehirn ziehen. Unter Millionen und mehr. Endlos im Kopf kreisen. Weil er rund ist. Weil wir nicht aufhören können zu denken. Und weil ich nicht aufhören kann, zu denken und weil ich nicht aufhören kann, abzunehmen, denke ich, ich muss abnehmen. Fünfzig. Erst ist es nur ein Wort im Kopf. Man kann es eher erahnen als wahrnehmen. Mehr vermuten als erkennen. Eins, das von unendlich vielen gedachten Gedanken unbedacht bleibt. Wie ein unausgesprochenes Wort oder ein unbeendeter Satz. Man denkt nicht darüber nach, weil anderes gedacht werden muss. Bis es sich unter all die anderen Gedanken mengt und mich immer wieder zwingt, es zu denken und an es zu denken. Nicht auszudenken, was es anrichtet. Ein Wort wie ein Virus, der sich mit dem Blutstrom durch die Adern spült. Irgendwo im engsten Blutgefäß des Gehirns stecken bleibt und es verstopft, sodass kein gesunder Gedanke mehr zu meinem Bewusstsein durchdringen kann. Bis die Fünfzig nicht mehr wegzudenken ist und ich mich an ihr Dasein gewöhne, ohne es zu hinterfragen. Unbemerkt mischt sie sich unter die Nachteile der Ess-Störung und kehrt sie zu Vorteilen um. Raubt mir den gesunden Verstand und lässt ein krankes Gehirn zurück. Eins mit verzerrter Wahrnehmung seines Körpers. Wie ein Erreger, der in jede Zelle dringt. Wie Krebs, der Metastasen streut. Gift, das langsam eingeflößt in mein Gewebe sickert und sich darin auszubreiten beginnt. Eine Abhängigkeit auslöst und süchtig macht. Mich mit einer Wahnvorstellung infiziert. Dem Wahn, dass ich es dünner leichter habe und mit weniger nichts mehr schwer ist. Die Fünfzig kommt zu Wort und erhält eine Stimme, die sich von all den anderen Gedanken nicht mehr übertönen lässt. Sie wird immer lauter. Von einem Wispern zum Flüstern, vom Flüstern zum Sprechen, vom Sprechen zum Rufen, vom Rufen zum Schreien. Bis sie Gehör bekommt. Und aus diesem einen Wort Fünfzig wird Satz. Und aus diesem Satz ein Vorsatz. Der Vorsatz: Du musst abnehmen und fünfzig Kilo wiegen. Ich höre diesen Satz Tag und Nacht, er hallt in den unendlichen Weiten meiner Gedanken nach und das Echo dröhnt mir in den Ohren. Ich soll abnehmen, bis ich es nicht mehr muss, sondern will. Und nichts anderes mehr. In einem Wort: Ich bin verseucht von einem Wort. Vielleicht ist es auch kein Wort. Vielleicht ein Bild. Oder eine Zahl. Ich sehe eine Zahl als Bild in meinem Kopf. Die Zahl heißt Fünfzig, das Bild zeigt eine Waage und in mein Kopf lese ich diese Fünfzig von der Anzeige dieser Waage ab. Immer wieder und immer öfter sehe ich die Fünfzig, die Waage und beides zusammen. Und weiß, dass ich all das nicht länger im Geiste sehen will. Sondern auf der Waage. Mit mir auf der Waage stehen sehen will. Die Fünfzig und ich auf der Waage. Zusammen auf einer Waage. Ich weiß nicht, was das soll und was ich damit soll. Mit der Fünfzig. Bin ich unschuldig, wenn ich wieder krank werde, weil ich nicht weiß, warum ich abnehme? Kann ich gar nichts dafür, dass ich dünner werde, obwohl ich die Abnahme selbst herbeiführe? Trage ich die Verantwortung für mein Tun oder ist es die Ess-Störung in mir, die mich so handeln lässt? Was bin noch ich und was von mir die Krankheit? Was unterliegt meinen Entscheidungen und welche nimmt mir die Krankheit ab? Ich weiß doch, wer ich bin. Ich weiß, wo ich herkomme und wo ich mich befinde und wohin ich gehe. Ich stehe nicht mehr am Anfang. Ich glaube nicht mehr daran, dass mein Leben ein anderes wird, wenn ich nur weniger wiege. Ich weiß, dass verlorenes Gewicht sich nicht eintauschen lässt gegen gewonnene Lebensfreude. Dass ein dünnerer Körper nicht die seelischen Schmerzen aufwiegen kann, die seinem Innersten zugefügt wurden, als seine Verletzlichkeit noch durch Fett verhüllt wurde. Dass nichts leichter wird, nur weil ich nicht mehr schwer bin. Und doch ist da dieser scheinbar grundlose Gedanke, wieder weniger werden zu wollen. Es ist der Anfang vom Ende. Vielleicht bin ich am Ende. Zumindest weiß ich, was das Ende bedeutet. Womit alles beginnt, wie es weitergeht und wo aufhört. Ich habe es erlebt. Und obwohl alles hinter mir liegt, habe ich noch alles vor mir. Ich bin fertig und bin doch mittendrin und beginne wieder von vorne. Jeden Tag aufs Neue. Vielleicht ist es niemals vorbei. Vielleicht gibt es kein Ende, weil am Ende der Tod steht. Vielleicht gibt es nur immer wieder einen Neubeginn, um am Leben zu bleiben. Und der Weg ist das Ziel. Nur was steht am Ende des Weges? Denn wenn die Stimme der Fünfzig heiser wird und irgendwann ganz verstummt, bricht die Vierzig ihr Schweigen und fordert ihr Recht ein, auch einmal durch Zahlen auf der Waage sichtbar gemacht werden zu wollen. Als Anreiz, einmal im Leben die 49, 9kg auf der Anzeige stehen sehen. Nur einmal. Nur einmal und nicht wieder. Denn dann käme die 49, 8kg an die Reihe. Zunahme wäre Verletzung der Regel. Der Regel, nur einmal im Leben die 49, 9kg gesehen zu haben. Es darf nur abwärts gehen mit dem Gewicht und kann nur abwärts gehen mit der Gesundheit. Es ist nicht so, dass ich nackt vor dem Spiegel stehe und mir die Haut vom Körper ziehe, weil ich Fett darunter vermute. Ich kneife mir nicht in Bauch und Beine, um den Speck sichtbar zu machen. Es ist eher so, dass ich auf der Waage stehe und die Zahlen betrachte. Niedrige Zahlen, die mir immer kleiner werdend am liebsten sind. Jeden Morgen von den gleichen Zahlen auf der Anzeige begrüßt zu werden, langweilt mich. Ich will keinen Rückschritt und kein Stillstand, ich will Erfolg und Fortschritt. Obwohl es mir Lebenssinn genug ist, mein Gewicht lediglich zu halten und ich dies erfolgreich tue, reicht es mir nicht mehr. Füllt es mein Leben nicht mehr mit genug Inhalt. Vielleicht brauche ich nichts weiter als eine Aufgabe. Dabei wäre es Aufgabe genug, das Gewicht konstant zu halten. Aber an diesem Ziel bin ich längst angelangt. Das habe ich geschafft. Woraus könnte das nächste Ziel bestehen, wenn ich mein Wunschgewicht doch nicht tiefer legen darf? Gesund zu werden. Es wäre nicht nur eine Aufgabe, die irgendwann vollbracht wäre – es ist eine Lebensaufgabe.

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*Marzipanschweinchen*

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Schwein gehabt. Keine Notschlachtung. Schweinische Symptome ohne Schweinegrippe. Ich bin krank. Menschengrippe mit Schweinerein wie Husten, Schnupfen, Auswurf, Fieber, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. Ich habe mich nicht bei Ferkeleien angesteckt, sondern an genau dem Ort, vor dem mich mein gelber Schein bewahrt: Bei der Arbeit. Ein Saustall! Und so führte mich mein innerer Schweinehund heute bei Sauwetter aus meinem Maststall und machte mich zum Kollegenschwein, in dem ich mich in den nächsten Schweinestall begab: Die Arztpraxis der Doktorin, die statt Untersuchungen und Behandlungen anzuwenden, Rezepte und Krankschreibungen wie Schweinefutter unters Mastvieh bringt. Meine nun freie Zeit lasse ich mir dadurch versauen, dass mich Gewissensbisse wie Schweinemäuler zwicken, weil ich es mir nicht zugestehen kann, die Welt auch einmal durch die schweinchenrosa-rote Brille zu sehen und die Schweinehaxen hochzulegen, um mich saumäßig gut zu erholen. Es muss ein Glücksschwein sein, wer krank und glücklich ist! Ich armes Schwein.

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2 Kommentare 27.7.09 17:00, kommentieren

*brotlose (Hunger-)Kunst*

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Frühstück. An einem reich gedecktem Tisch. Dazwischen mein Brötchen. Irgendwo zwischen all dem, was die anderen essen und allem, was ich nicht esse. Nackt auf einem Holzbrett. Gestrandet wie auf einer rettenden Insel in einem Meer, auf dem Fettaugen schwimmen und Kalorienbojen auf offener See vor hohen Gewichtsschwankungen warnen. Oder wie auf einem Floss, dass von den Strömungen des Appetits getrieben wird und von den Wellen des Hungers getragen. Ich beobachte die Besatzung in der Kajüte. Ich sehe ihnen beim Essen zu. Wie sie essen und was sie essen. Als hätte ich nur Augen, durch die ich mich sättigen kann und keinen Mund. Aber diese Augen führen nur Bilder in den Kopf und keine Nahrung in den Bauch. Der bloße Anblick macht mich seekrank, ich muss brechen. Mit mir oder aus mir. Mein Brötchen bleibt trocken. Keine Butter wird zärtlich streichelnd darauf verstrichen. Noch nicht einmal mit Halbfettmargarine bekratzt. Kein Honig sickert zäh in das weiche Teigbett. Keine Marmelade klebt an der knusprigen Kruste. Wo vor kurzem noch Harzer Käse zu liegen kam, befindet sich nicht einmal mehr Putenbrust. Ich schneide es nicht auf. Hätte keinen Teller und kein Messer gebraucht. Nicht für einen Klumpen Teig, der sich durch Aufbacken mit Luft füllt wie ein Schwamm mit Wasser. Lieber Luftblasen im Brötchen als Fettaugen oben drauf. Ich lege beide Handteller auf das Rundstück und drücke es auf dem Tisch platt, wieder und wieder. Wie bei einer Herzmassage presse ich es zusammen. Rhythmisch, wie bei einer lebensrettenden Herzdruckmassage. Dabei würde mich schon bloßes Essen am Leben halten. Einfach nur essen. Ich quetsche, bis die weichen Teigwaben nicht mehr nachgeben und die Luftlöcher einbrechen. Erst wenn die Semmel zermalmt vor mir liegt, gelingt in meinem Kopf die Vorstellung, mit wie viel Masse mein Magen gleich ausgestopft wird. Ist der Teigfladen erstmal dünn wie eine Brotscheibe, kann ich einfacher mit kleinsten Bissen daran nagen. Ich esse es, ich esse das Brötchen trocken. Ohne Aufstrich. Ohne Belag. Von der Hand in den Mund. Wie im Gefängnis Wasser und Brot. Im Gefängnis der Ess-Störung. Bilde mir ein, es würde mir so besser schmecken. Und glaube es. Morgen will ich es wieder so machen. Nur noch so machen. Mit den am flachen Teiglappen eingebackenen Körnern und Samen erlaube ich ein paar gesunden Fetten Einlass in meinen Verdauungstrakt. Sie schleusen einige ungeladene Gäste in Form von zusätzlichen Kalorien mit ein. Aber ich entscheide mich eher für das gesunde dunkle Mehl und das volle Korn, als das reine weiße Weizenmehl, das mit seinem Einfachzucker weniger figurfreundlich daher kommt als die ungesättigten Fettsäuren. Nur in Zeiten von Formfleisch und Analogkäse muss man zwangsläufig selbst dem braunen Backwerk unterstellen, dass es seine gesunde Vollkornfarbe wohl durch Zutun der richtigen Lebensmittelfarbe erlangte. Noch nicht mal bei einem einfachen trockenen Körnerbrötchen kann man sich einer gesunden Ernährung sicher sein. Ein trockenes Brötchen. Ich weiß nicht, was mir fehlt, wenn auf meinem Brötchen etwas fehlt. Ich weiß nicht, warum ich es auf einmal lieber pur esse. Warum ich Aufstrich und Belag weglasse. Ich weiß nur, dass die Zahl Fünfzig immer häufiger in meinen Gedanken auftaucht. Und ich weiß, dass ich sie nicht länger im Geiste sehen will. Sondern auf der Waage. Mit mir auf der Waage stehen sehen will. Seit wenigen Tagen liegt das Brötchen nun unbestrichen und unbelegt vor mir und gelangt so in mich. Und das letzte Fett aus mir. Ich habe wieder an Gewicht verloren und die Ess-Störung gegen mich gewonnen. Ich bin wieder leichter geworden und der Kampf dagegen schwerer. Ich bin wieder im Teufelskreis gefangen und bald ein Engel im Himmel. Wenn ich nicht in die Hölle komme.
 

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4 Kommentare 23.7.09 16:02, kommentieren

(Schokoladen)Fabrik oder (Süßwaren)Konditorei

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Was möchtest du werden, wenn du groß bist? Was es mich angeht, wo ich doch nur von Ess-Störungen spreche? Nun, du musst wissen, dass sich gestörtes Essverhalten in einem Alter entwickelt, in dem sich diese Frage stellt. Neben vielen anderen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Vor die Entscheidung gestellt zu sein, welchen Beruf man ergreifen möchte, hat ungeahnt weitreichende Konsequenzen. So wie die Ess-Störung sich nicht nur auf das Essen beschränkt, sondern in jeden Bereich des Lebens und der Persönlichkeit vordringt, beeinflusst sie auch die Berufswahl. Und der ausgesuchte Beruf beeinflusst die Erkrankung selbst. Denn es gibt Berufe, die die Entstehung von Ess-Störungen begünstigen und es gibt Berufe, die die Heilung dieser verhindern. Eine nicht zu unterschätzende Wechselwirkung entsteht. Möchtest du deine Brötchen eines Tages als Flugbegleiterin über den Wolken oder als Tänzerin auf dem Parkett verdienen oder ziehst du weiterhin eine Beschäftigung mit Nahrungsmitteln vor, in dem du im Bereich der Gastronomie Speisen zubereitest, könntest du die Karriereleiter weit hinaufklettern. Allerdings nicht in beruflicher Hinsicht, sondern auf dein gestörtes Verhältnis zum Essen bezogen, dass mit solchen Tätigkeiten von Dauer sein wird. Menschen, bei denen bereits Essprobleme in Erscheinung getreten sind, sollten sich nicht auch noch beruflich dem aussetzen, was für sie mit negativen Gefühlen behaftet ist. Weder sollten Äußerlichkeiten wie eine schlanke Figur, noch der direkte Umgang mit Lebensmitteln in der Berufstätigkeit thematisiert sein. Unbewusst kann die ausgebrochene Erkrankung Betroffene jedoch genau in diese Richtung lenken, weil ja gerade ein erhöhtes Interesse am Essen und meist auch gewisse Kenntnisse dazu im Vorfeld bestehen, die man sich durch die Ess-Störung angeeignet hat und einen nun geradezu für eine solche Tätigkeit qualifizieren. Ich selbst befand mich längst in der Ausbildung, als sich meine Verhaltensauffälligkeit im Umgang mit Essen in mir zu manifestieren begann. Ich habe keinen Beruf gewählt, der von Vornherein aufgrund der Berührung mit Essen hätte ausgeschlossen werden müssen. Das Essen – sowie die Nahrungsaufnahme als auch die Mahlzeiten an sich – gehört täglich zu meinem Aufgabenfeld, wenn ich auch nicht bei der Verarbeitung von Lebensmitteln involviert bin. Aber es ist ein Beruf, der das eigene Essen und Essverhalten zu verändern droht. Es sind die Arbeitszeiten, die hierfür verantwortlich sind. Der Schichtdienst. Frühdienst, Spätdienst, Nachtdienst. Regelmäßige Mahlzeiten, die zur Aufrechterhaltung oder Wiedererlangung von Hunger- und Sättigungsgefühlen bei Essgestörten Voraussetzung sind, sind nicht einzuhalten. Im Schichtdienst arbeiten, das bedeutet: Essen zu müssen, wenn man keinen Hunger hat und hungern zu müssen, weil die Zeit zum Essen fehlt. Es bedeutet, gegen die innere Uhr anzuleben. Der sensible Rhythmus aus Hungergefühl und Sättigungsempfinden gerät immer wieder aus dem Gleichgewicht. Und kleine Snacks, die im Stehen und kaum zerkaut in einem sowieso schon belastetem Verdauungssystem landen, bringen einen essgestörten Menschen dem Ziel des bewussten und genussvollen Essens auch nicht näher. Ich leide sehr darunter. Unter Völlegefühlen und Verdauungsbeschwerden. Doch es besteht keine Möglichkeit der Abhilfe. Durch die Dienstzeiten ist es mir auch nicht immer möglich, mein Gewicht regelmäßig zur gewohnten Zeit zu kontrollieren. Meist muss ich mich wiegen, wenn mein Magen voll und die Verdauung noch nicht abgeschlossen ist, weil ich zum eigentlichen Wiegetermin längst wieder meinen beruflichen Pflichten nachgehen muss. Nicht zu wissen, wie sich mein Gewicht entwickelt, macht mich nervös. Manchmal beschäftigt mich der Gedanke an Zu- oder Abnahme so intensiv, dass ich von den Arbeitsvorgängen abgelenkt werde. Ich bin so vereinnahmt davon, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich von meinem gewohnten Essverhalten nicht abgewichen bin. Nur langsam wächst das Vertrauen in die eigenen Körperfunktionen wieder. Aber das braucht Zeit und durch solche Unregelmäßigkeiten werde ich unnötig verunsichert. Im Job ständig von Essen umgeben zu sein, kann das Fortbestehen von Ess-Störungen sichern und genauso auch bei einer vermeintlichen Genesung Rückfälle provozieren. Rückfälle ins Hungern oder Fressen gleichermaßen. Aufgrund der Arbeit nicht essen zu können, wenn man hungrig ist, kann zu einem angestauten Bedürfnis nach Essen und Sättigung führen, was zwangsläufig einen Fressanfall auslösen muss. Andererseits kann das Hinauszögern der Mahlzeiten wieder einen völligen Nahrungsverzicht zur Folge haben, weil das Hunger- und Sättigungsempfinden keine geregelten Intervalle mehr erfährt. Ein Körper, der von außen manipuliert wird, lernt, seinen eigenen Wahrnehmungen nicht vertrauen zu können. Ich erwische mich gerade selbst wieder häufiger dabei, mir heimlich während der Arbeit verbotenerweise etwas in den Mund zu stopfen. Obwohl ich keinen körperlich spürbaren Hunger empfinde und weiß, dass sich auch keine Lust durch das schnelle und unbewusste Schlingen einstellt. Oder ich starre wie besessen auf das Essen und inhaliere in einem unbeobachteten Moment den Duft der Speisen ein. Das macht mir Angst. Und jetzt glaubst du, werde ich dir sagen, welchen Beruf du erlernen sollst. Jetzt willst du wissen, welcher der richtige ist. Und ich antworte dir: Ich hätte umgeschult, wüsste ich es.

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2 Kommentare 18.7.09 17:52, kommentieren