*(Ver)Lust an Fett*

~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~

Keine (ge)wichtigen Veränderungen. Die Zahlen auf der Anzeige der Waage liegen schwer wie Sahnetorte im Magen und der Zeiger klebt wie in Zuckerguss getaucht. Von meinen schokoladigen 52,0kg wurde nicht eine Hundertgramm-Tafel von meinem Stoffwechsel vernascht. Stattdessen tischt er noch elf weitere auf: Heute Morgen betrug mein Nettogewicht nach dem Entfernen meiner Verpackung 53,1kg. Mein unnötiger Ballast scheint sich noch bevor die letzten Sonnenstrahlen dieses Spätsommers seine Tafel knackt und letzte Fettreserven verzehrt, ein schattiges Plätzchen gesucht zu haben, um meinen BMI-Wert von 18, 3 nicht weiter zum Schmelzen zu bringen. Dabei war ich mir ganz sicher, dass einige Rippen meiner Schokoladentafel fehlen würden, nachdem sich mein Brustkorb deutlich unter meinem fettgewebslosen Busen abzuzeichnen beginnt. Meine Hüftknochen spießen mit ihren Beckenschaufeln wie Geweihe den Stoff meiner Hosen auf und mein Bauch fällt wie eine dünne Hängematte zwischen ihnen ins Körperinnere. Sichtbar ist, dass ich wieder an Fett und somit an Gewicht verloren habe. Haben muss. Im Spiegel. Aber der Waage ist dies noch nicht Beweis genug.

Über den Gewichtsstillstand habe ich gelesen, dass er entgegen unserem negativen Empfinden, das es in uns hervorruft, eigentlich etwas Positives für uns bedeutet: Genau während der  Zeit, in der das Körpergewicht stagniert, stellt sich der Organismus auf das neue, niedrigere Gewicht um und erkennt es bald als zu ihm gehörig. Er gibt sich geschlagen statt weiter dagegen zu kämpfen. Ob mich ein Stillstand nun demotiviert oder frustriert oder beides – steht außer Frage. Ich will nicht weiter abnehmen. Ich habe aufgehört, es zu wollen, als ich mit der 60kg-Marke mein Ziel erreichte. Aber ich wollte mich nicht länger an glatten Zahlen und starren Werten orientieren. Mit der geringsten Gewichtsschwankung wird eine runde 60 zur kurvigen 60,1. Diese 60 war wiederum so rund und zu glatt, dass ich keinen Halt fand, von ihr abrutschte und in den fünfziger Bereich abglitt. Versehentlich und ungewollt. Weil ich nichts dafür getan habe, damit es aufhört. Ich habe nichts dafür getan, damit ich nicht weiter an Gewicht verliere. Ich habe nur etwas dafür getan, damit es nicht wieder mehr wird. Indem ich mein Essverhalten einfach beibehalten habe. Das hat mir Sicherheit gegeben. Wenn ich schon kein Ziel mehr in Gestalt eines neuen Niedriggewichts vor Augen habe, dann möchte ich wenigstens die gleiche Richtung verfolgen, um nicht vom Weg abzukommen. Also esse ich immer das Gleiche, jeden Tag. Jeden Tag das, was ich immer aß, wollte ich abnehmen. Ich schaue mir nur noch selber zu. Wartete passiv ab, was passiert. Wie es weiter geht und wie weit es geht. Ich habe Zeit genug. Ich bin längst nicht mehr von dem Erwartungsdruck getrieben, wie ich wohl aussehen werde, mit immer weniger Fett am Leib und immer mehr sichtbaren Knochen unter der Haut. Ich weiß, was mich erwartet. Und das es mich erwartet. Irgendwann. Ob ich will oder nicht. Abnehmen. Ich soll es nicht, ich darf es nicht, ich kann es nicht. Ich muss es. Ich muss es einfach. Und weiß selbst nicht, warum. Meiner Mutter habe ich davon erzählt, von dieser inneren Unruhe und diesem Getriebensein nach Wenigerwerden. "Dann ist das wohl so", sagt sie. Ja, dann ist es wohl so. Und ich muss es akzeptieren. So einfach akzeptieren, wie sie es tut. Akzeptieren, dass ich immer dünner werden will und akzeptieren, dass sie es akzeptiert. Dass sie es einfach akzeptieren kann, dass ich immer weniger werde. Vielleicht ist es auch ihre Gleichgültigkeit und ihre Unwissenheit, die mich weitermachen lassen. Um zu beweisen, dass das nicht einfach wohl so ist. Und mein leichter und schmaler werdender Körper ist es, der wieder meinen Ehrgeiz, füttert statt meinen Körper, weiterzumachen. Weil er Ergebnisse auf die Waage bringt, die ich lange nicht gesehen habe. Es bringt eben so lange Spaß und fällt so lange leicht, bis die Erfolge nachlassen. Gewichtsstagnation – es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass genau darin mein persönlicher Fortschritt und Erfolg liegt: Mein Gewicht einfach nur zu halten. Neben dem Gewichthalten muss schon allein das bloße Ausbleiben eines Rückfalls ins Hungern oder ins Fressen als Erfolg gewertet werden. Es kehrt Ruhe ein. Nicht nur auf der Waage, weil sie immer wieder die gleichen Zahlen anzeigt. Auch, weil sich das Abnehmen selbst für beendet erklärt. Einfach, weil man nicht weiter an Gewicht verliert. Vielleicht, weil man angekommen ist. Und irgendwann fühlt man sich auch so. Druck lässt nach und Normalität kehrt ein. Ich denke weniger ans Essen und beim Essen weniger daran, dass ich was ich esse, morgen in Form von Zahlen auf der Waage wieder sehe. Ich lerne durch die Erfahrung zu vertrauen, was ich bedenkenlos essen kann und wie viel davon. Es ist ein ganz neues Gefühl von Kontrolle, das Sicherheit gibt. Doch wie mein auf den Gewichtsverlust ausgerichtetes Essverhalten ist auch mein gesamtes Denken darauf konzentriert, dass die Waage immer weniger anzeigen muss. Dann vergesse ich, dass ich gar nicht abnehmen will. Tut sie es nicht, ist es mein Fehler. Ich habe etwas falsch gemacht. Nicht aufgepasst, etwas Verbotenes gegessen oder vom Erlaubten zuviel. Habe ich aber abgenommen, bedeutet das Rückfallgefährdung, weil mich der auf der Waage ablesbare Erfolg zum Weitermachen motiviert. Bleibt das Gewicht konstant, trotz Gegenmaßnahmen, kann dies Fressanfälle provozieren, was ebenfalls ein Rückfall wäre. Ein Rückfall ins andere Extrem. So schmal ist die Grenze und so breit ist mein Körper.

~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~°~°°~

5.9.09 15:55

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


lina / Website (9.9.09 09:27)
wow
sehr gut geschrieben man weiß genau was du ausdrücken möchtest und wie es dir geht!!!

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen