* der sch(m)erzhafte Rest(aurant) *

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Ein Jahr, ein halbes, ein Monat und eine Woche. Seit einem Jahr bin ich auf Diät, seit einem halben Jahr habe ich keine Fressanfälle mehr, in einem Monat habe ich Geburtstag und seit einer Woche habe ich mich nicht mehr gewogen. In diesem einen Jahr habe ich vierzehn Kilo abgenommen, in diesem halben Jahr maßvolles Essen erlernt, in diesem einen Monat werde ich fünfundzwanzig Jahre alt und in dieser einen Woche werde ich mein Gewicht gehalten haben. Wiegen werde ich mich morgen wieder, fressen werde ich hoffentlich nie wieder und auf Diät bin ich immer wieder. Und in einem Monat werde ich keine Ausnahme machen. Auch wenn es mein Geburtstag sein wird. Der fünfundzwanzigste. Wenn es schon so viele Geburtstage im Leben gegeben hat, haben Geschenke an diesem Tag wenig Bedeutung. Wenn ich an diesen Tag denke, denke ich nicht darüber nach, was ich mir wünschen könnte oder was ich geschenkt bekommen möchte. Ich denke nur daran, wie es ein besonders schöner Tag werden könnte. Ein schöner Tag auch ohne erfüllte Wünsche und viele Geschenke. Ich denke nicht daran, wie andere mir durch die Erfüllung meiner Wünsche einen besonders schönen Tag machen könnten. Ich denke nur daran, was ich tun kann, damit es ein besonders schöner Tag wird. Denn wenn es schon fünfundzwanzig Geburtstage im Leben gegeben hat, verdient man selbst das Geld, das die Wünsche wahr machen kann, die käuflich sind. Dann hat man für den einen Tag der dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, an dem man geboren ist, seine Wünsche schon verbraucht und verkauft. Und es fällt einem nichts mehr ein, was man sich gerade an diesem Tag kaufen könnte, um ihn besonders werden zu lassen, weil man irgendwann im Jahr einen anderen Tag besonders hat werden lassen, weil man etwas gekauft hat, was vielleicht den fünfundzwanzigsten Jahrestag der Geburt besonders hätte machen können. Aber auch die sich selbst gekauften Geschenke verlieren zum fünfundzwanzigsten Mal ihren Wert. Wertvoll wird mit der Zeit eben genau diese. Zeit. Zeit mit der Familie und mit Freunden. Zeit für gemeinsame Erlebnisse und einfaches Zusammensein. Und wenn man einfach so zusammen trifft, um gemeinsame Erlebnisse zu teilen, steht meistens ein Essen im Mittelpunkt. Gerade zum Geburtstag. Und in meiner Familie ist es üblich, an Geburtstagen in einem Restaurant zum Essen zu gehen. Wir gehen selten auswärts essen und das macht es zu etwas Besonderem. Es wird auch immer seltener und immer besonderer, weil unsere Familie mit den Jahren immer kleiner wird und geworden ist. Die Anzahl der zu feiernden Geburtstage wird immer geringer und ist gering geworden, und damit sind es auch die Besuche in Restaurants. Mein letztes Essen in einem Restaurant liegt in einem Monat ein Jahr zurück. Es war mein Geburtstag gewesen. Bei den anderen Geburtstagen, die in den vergangenen Monaten zu feiern gewesen waren, bin ich nicht mitgegangen. Ich habe die Geburtstage meiner Familienmitglieder nicht mitgefeiert. Ich war nicht dabei, weil sie mit Essen gefeiert wurden. Ich kann nicht mit Essen feiern. Und ich möchte auch meinen eigenen Geburtstag in diesem Jahr nicht mit Essen feiern. Ich möchte essen an diesem Tag, aber ich möchte nicht in einem Restaurant essen. Ich möchte das essen, was ich immer esse. Und das kann ich in keinem Restaurant. Ich bin immer gern essen gegangen. Ich mochte mir immer gern aus einer großen Speisekarte etwas Besonderes aussuchen. Früher hatte ich eine große Auswahl, aus der ich wählen konnte. Heute nicht mehr. Heute habe ich keine Wahl. Früher bevorzugte ich, was ich noch nie gegessen hatte oder zuhause nicht zu essen bekam. Heute bevorzuge ich das, was ich immer esse und nur zuhause essen kann. Ich kann nichts essen, an deren Zubereitung ich nicht beteiligt war und von deren Inhaltsstoffen ich nichts weiß. Von deren Fettgehalt und Kalorienanzahl ich keine Ahnung habe. Früher hätte ich alles essen können. Heute kann ich fast nichts mehr essen. Mein Magen kennt heute nur noch das, was er täglich zu verarbeiten hat und wenn er etwas von früher zu verdauen hat, gibt er mir schmerzhaft zu verstehen, dass er im Hier und Heute bleiben will. Zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten im letzten Jahr habe ich der Feiertage wegen mit meiner Familie gemeinsam gegessen, um den Tag Besonders werden zu lassen und nicht um etwas Besonderes zu sein, indem ich etwas anderes esse als die anderen. Diese Tage wurden besonders. Und unvergesslich. Sie wurden besonders, besonders schmerzhaft. Und unvergesslich, weil ich sie zusammen gekrümmt im Bett verbrachte. Ich hatte starke krampfartige Bauchschmerzen. Ich weiß nicht, warum und woher. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr das essen kann, was ich früher gegessen habe. Ich vertrage es nicht mehr. Und nichts hilft. Kein Schmerzmittel. Nur Essen kann helfen. Ich muss mich wieder an etwas gewöhnen, dass ich mir abgewöhnt habe. Das Essen. Früher war es schmerzhaft, es sich abzugewöhnen. Der Hunger war schmerzhaft. Heute ist es schmerzhaft, es sich wieder anzugewöhnen. Das Essen ist schmerzhaft. Körperlich und seelisch. Seelisch, weil die Schmerzen stärker werden, sobald ich an Essen denke. Und schwächer werden, sobald ich abgelenkt bin. Ein gemeinsames Essen mit meiner Familie machen nicht nur meine Verdauungsbeschwerden unerträglich. Es ist mein Essverhalten. Ich esse immer langsamer. Noch vor kurzem benötigte ich eine halbe Stunde für eine Portion. Jetzt ist es eine Stunde. Eine Stunde, in der ich die Gegenwart meiner Familie kaum ertrage. Sie sind die Einzigen, dich mich essen sehen, aber sie sollen mich nicht so lange essen sehen. Ich möchte nicht, dass sie sich genötigt fühlen, mir während des Essens Gesellschaft  zu leisten und so lange bei mir am Tisch sitzen bleiben zu müssen, bis ich aufgegessen habe. Es ist der Grund, aus dem ich am liebsten allein esse. Dass ich doch einen Wunsch zu meinem Geburtstag habe, habe ich ihnen noch nicht gesagt. Das das mein Wunsch ist, habe ich nicht gesagt. Der Wunsch, allein zu essen. Das ist mein einziger Wunsch. Das würde den Tag vielleicht nicht besonders werden lassen. Aber vielleicht besonders, weil diesmal schmerzfrei. Diesmal schmerzfrei für Körper und Seele. Schmerzfrei für mich. Diesmal schmerzhaft für die anderen.

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19.9.09 19:30

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