gute und schlechte (Schokoladen)Seiten

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Wenn auf dem Blog einer Essgestörten plötzlich keine neuen Einträge mehr von ihr hinzugefügt werden, gibt es nur zwei mögliche Ursachen dafür: Entweder hat sie den Mund und den Bauch so voll, dass ihr nichts mehr einfällt, als ihren leeren Kopf über die Kloschüssel zu halten oder ihr Mund und ihr Bauch sind so leer und ihr Kopf so voller Gedanken, dass ihr nicht mehr einfällt, was sie zuerst machen soll. Keine Nachricht ist bei Essgestörten entweder eine gute oder eine schlechte. Eine gute, weil sie sich nicht mehr mit ihrer Erkrankung beschäftigt oder eine schlechte, weil sie sich nur noch mit ihrer Erkrankung beschäftigt. Es ist alles gut oder alles schlecht. Entweder es gibt nichts zu sagen, weil sie den Mund zu voll genommen hat oder sie kann nichts mehr sagen, weil sie den Magen zu lange leer gelassen hat. Es gibt nichts zu sagen, weil alles gut ist oder es kann nichts gesagt werden, weil alles schlecht ist. Bei mir ist es beides. Es ist alles gut und alles schlecht auf einmal. Das Gute lässt das Schlechte weniger schlecht sein und das Schlechte das Gute weniger gut. Und am Ende bleibt ein neutraler Zustand übrig. Einer, bei dem man nicht mehr weiß, ob man schon gesund oder noch krank ist. Weil man nur weiß, wie es sich anfühlt, krank zu sein und nicht mehr, wie es sich anfühlt, gesund zu sein. Ein Zustand, aus dem ich herauszuspüren versuche, ob er sich mehr krank oder gesund anfühlt. Ob ich eher krank oder gesund bin. Ich fühle mich ungestört, als wäre ich nicht essgestört. Es ist alles so gut, dass ich nicht mehr weiß, was ich hier über Ess-Störungen schreiben soll und es ist alles so schlecht, dass ich nicht mehr weiß, über welche Ess-Störung ich zuerst schreiben soll. Es ist ein luftleerer Raum, ein gefühlloser Moment, ein zeitloser Ort. Ein Raum, in dem ich nach Luft zu schnappen versuche und ein Moment, den ich wahrzunehmen versuche und ein Ort, an dem ich keine Zeit zu verbringen versuche. Es ist ein unerträglicher Moment in einem stickigen Raum an einem unangenehmen Ort. Ein Raum, in dem ich mich suche und ein Ort, an dem ich mich nicht finde und ein Moment, in dem ich mich nicht spüre. Ein unendlicher Moment in einem geschlossenen Raum an einem einsamen Ort. Ich möchte, dass der Moment vergeht und sich mit der Zeit neue Türen zu meinen Gefühlen öffnen lassen und ich aus diesem Raum heraus gehen und diesen Ort verlassen kann. Dabei ist es mir ganz gleich, ob der Weg hinaus mich zurück in einen Moment des maßlosen Essens oder des konsequenten Hungerns führt, in einem Raum mit reich gedecktem Tisch oder einen mit leeren Tellern, oder an einen Ort mit beleibten oder knochigen Menschen. Ich will diesem unbestimmten Zustand zwischen Krankheit und Heilung entkommen, den Schritt in Richtung Krankheit oder Heilung machen, um mich wieder krank oder gesund zu fühlen. Um irgendetwas zu fühlen. Ob gut oder schlecht, ob krank oder gesund. Um mich zu fühlen. Um einen Moment für mich zu haben, um mir Raum zu schaffen und um einen Heimatort zu haben. Ich will wissen, wo ich stehe und ob ich noch stehen kann. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ob er in einer Kloschüssel oder in einer Schlinge steckt, ob er guter Hoffnung Richtung Zukunft sieht oder schlecht aus der Wäsche guckt. Meine Gedanken entstehen in keinem kranken Kopf mit hungerndem Hirn. Aber meine Gefühle wohnen in einem hungernden Herzen mit krankem Klopfen. Mir geht es gut, als ginge es mir nie schlecht, aber in mir ist mir schlecht, als ginge es nie wieder besser. Mein Verhalten ist ein gesundes, aber meine Gedanken sind krank. Mein Essverhalten ist näher an gesund als an krank, eher ungestört als essgestört. Aber meine Gedanken sind noch immer die der Ess-Störung, krank und gestört. Ich esse wieder, aber denke an hungern. Ich esse wenig, aber glaube es sei zuviel. Ich wiege mich nicht, aber denke an mein Gewicht. Ich habe abgenommen, aber glaube, zu zunehmen. Ich suche mich und meine eigenen Gedanken in meinem Kopf, aber die Gedanken meiner Ess-Störung haben ihren eigenen Kopf. Und in diesem stehen sich Krankheit und Gesundheit gegenüber. Die Abwesenheit von Krankheit ist Gesundheit und Gesundheit ist weniger fühlbar als Krankheit, Krankheit ist mehr spürbar als Gesundheit. Vielleicht bin ich gesund, weil ich nichts mehr fühle. Vielleicht kenne ich nur noch die kranken Gefühle und nicht mehr die gesunden Gefühle und fühle nichts mehr, weil die kranken nachlassen und die gesunden noch entstehen. Vielleicht sind die kranken und die gesunden in gleicher Anzahl vertreten und heben sich gegeneinander auf und lassen einen hohlen Raum in meinem Kopf zurück. Einen hohlen Raum an einem leeren Ort mit einsamen Momenten.

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13.10.09 18:56

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


wendepunkt / Website (13.10.09 19:35)
Ich hoffe für dich mit, dass es eher in Richtung gut fühlen und gut denken, gesund sein geht. Ich wünsche es dir wirklich sehr!


(14.10.09 13:19)
hach... du sprichst mir so aus der seele....
als ich die ersten zeilen hier gelesen habe, dachte ich, du schreibst, warum ICH so lange nicht geschrieben habe... weil es so auf mich zutrifft. auf der einen seite zu voll, um irgendwas zu sagen (evtl. auch aus scham), auf der anderen seite zu leer... nicht zu wissen, was man überhaupt sagen soll... oh ja....
das komische mit dem gesundheit-krankheits-ding ist: ich weiß, dass ich momentan kränker bin, als jemals zuvor... dass ich tiefer in der ES stecke, als jemals zuvor... aber - und das ist das interessante an der sache - ich fühle mich gesünder den je!
lass dich drücken *drück*

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