* das Haar in der Suppe *

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Ein Friseurbesuch. (Ein)Schnitt ins Leben jeder Frau. Das Haar als natürlicher Schmuck den Scherenhänden eines Schaumschlägers anvertraut. Jetzt wird der Kopf hingehalten. Keine alten Zöpfe und Haarspaltereien mehr. Die Chance am Schopf gepackt, ein anderer Mensch zu werden. Um den anderen eine Haarlänge voraus zu sein. Sie wie eine Strähne um den Finger wickeln. Ob asymmetrischer Bob in A-Linie oder wasserstoffblonder Strubbel-Pixie - mit dem weniger Haar auf dem Kopf wird man mehr Person als Mensch. Nicht mehr nur heiße Luft - frischer Wind bringt die neue Föhnfrisur. Und mit einem Blick unter den schräg angeschnittenen Ponyfransen hervor und aus Augen mit frisch gefärbtem Wimpernkranz ist nicht nur die Sicht in den Spiegel eine andere. Das Leben wird bunter als die mehrfarbigen Farbakzente, die auf dem Haupt oxidieren und dem Ganzen eine alufoliesilberne Krone aufsetzen. Das werden haarscharfe Highlights, die zu Kopf steigen. Und die ganze Welt ändert sich sowieso. Wird eine ganz andere sein, so wie man selbst eine ganz andere sein wird. Vom schmerzvollen Verlust einiger störrischer Brauenhärchen zeugt nur noch die gerötete Haut unter exakt gezupften Halbmondbögen. Tapfer hat man die haarige Angelegenheit ertragen wie das Brennen und Tränen der Augen beim Färben der Wimpern. Wie das Hungern beim Abnehmen. Und hat geglaubt, dass neue Spiegelbild zeige ein neues Gesicht, wie die Waage ein neues Gewicht. Im Spiegel wollen wir ein anderes Gesicht sehen und auf die Waage einen anderen Körper stellen. Doch dann wird uns der Kopf gewaschen: Um Haaresbreite hat der Friseur den goldenen Schnitt verfehlt. Da fällt es uns wie Schuppen von der Kopfhaut: Beim nächsten Mal werden wir ein Foto mitnehmen. Aus der Vogue oder BUNTEn ausschneiden, aus der INSTYLE oder Petra herausreißen. Und sei es auch die FreizeitRevue – der nächste Friseurbesuch wird vorbereitet wie ein Eingriff der plastischen Chirurgie. Mit einem Bild von Victoria Beckhams Bob oder von Heidi Klums Sleeklook oder von Christina Aguileras Platinblond. Um anschließend genauso dünn auszusehen wie Davids Gattin, genauso beliebt zu sein wie Seals Angetraute und genauso talentiert wie die junge Mutter Xtina. Das Leben ist nicht lang, aber der rote Teppich ist kürzer. Wir sollten nicht unsere Zeit damit verbringen, uns auf unseren großen Auftritt vorzubereiten. Wir sollten jetzt die Bühne des Lebens betreten. Die Bretter, die die Welt bedeuten. Sie werden nicht unter uns zerbrechen, weil wir zu schwer sind. Sie werden nur nachgeben, wenn wir warten, bis sie morsch sind. Warten darauf, das Geld für Echthaarverlängerungen zusammen zuraffen oder von David Kirsch zu cellulitefreien Oberschenkeln trainiert zu werden. Wir werden das Geld dafür niemals haben und diesen Personalcoach niemals kennenlernen. Das Leben ist kein Ponyhof. Wir können uns aber von ihm trennen. Vom Leben wie vom Pony. Aber ob uns das Leben besser steht ohne die Ponyfransen, die in die Stirn fallen – alles steht und fällt mit unserer Ansicht des Lebens und des Aussehens. Mit unserer eigenen Ansicht. Und doch ist diese Ansicht eine von vielen. Eine, die wir mit anderen teilen, weil andere uns beeinflussen. Victoria, Heidi, Christina – jede von ihnen hat etwas, was sie für uns zum Vorbild macht. Aber es sind nicht nur die retouchierten (Vor)Bilder in Zeitschriften und Fernsehen, die uns ihnen nacheifern lassen. Ich erwische ich mich dabei, wie ich in Schuhläden nach den Stiefeln suche, die die Freundin meines Bruders trägt. Sie anprobiere und sie mir nicht mehr gefallen. Mir nicht an mir gefallen. Ich ziehe sie an und aus, bis ich mit ihnen zur Kasse gehe. Nur, um auch irgendwann einmal die Freundin von jemandem zu sein. Zuhause stehe ich mit diesen Stiefeln vor dem Spiegel, aber er zeigt mir nicht die Frau, die ich in sie stecken wollte. Ich gehe in den Schuhen einer Fremden und trete doch nicht in ihre Fußstapfen. Sie sind eine Nummer zu groß und man sieht es. Man sieht, dass ich ihnen nicht gewachsen bin. Dass ich sie nicht ausfülle. Dass ich mir etwas vormache, was ich nicht bin. Neue Stiefel. Ein hoher Preis für etwas, was mir nicht steht. Hungern. Ein hoher Preis für etwas, was mein Körper nicht sein kann. Dünn. Und ich ertappe mich dabei, wie ich in Parfümerien nach einem Duft suche, den eine Arbeitskollegin von mir trägt. Ich sprühe und dufte, bis ich mich selbst besser riechen kann. Bis er mir an mir gefällt. Ich rieche sie, als stünde sie neben mir. Dabei stehe ich neben mir. Ich suche mich und das in jemand anderem. Nur, um auch irgendwann einmal jemand zu sein. Denn in den Regalen stehen aufgereiht nur die Düfte der anderen. Sie erinnern mich an meine kompetente Kollegin, an die stilsichere Schuhverkäuferin und an die hübsche Freundin meines Bruders. Aber keiner gehört zu mir. Keiner hat die Note, die meine Persönlichkeit erklingen lässt und keiner das Aroma, das meinem Körper entspricht. Und zuhause stehe ich mit diesem fremden Duft unter der Dusche, aber er wäscht sich nicht ab. Er haftet an mir und macht mich doch nicht zu ihr. Zu keiner kompetenten, stilsicheren, hübschen Frau. Ein teures Parfüm. Ein hoher Preis für etwas, was nicht zu mir passt. Hungern. Ein hoher Preis, für etwas, was mein Körper nicht ist. Dünn. So beobachte ich mich dabei, wie ich beim Friseur sitze und warte, dass meine Haare ein neues Gesicht umrahmen, wie ich im Schuhladen Stiefel anziehe und warte, dass meine Schritte größer werden, wie ich in der Parfümerie einen Duft auftrage und warte, dass mein Auftreten bedeutender wird. Ich suche eine Frisur, die nur mir steht. Stiefel, die nur mir passen. Ein Parfüm, dass nur ich tragen kann. Und ich versuche abzunehmen, soviel wie es sonst keiner kann. Aber alles hat es schon gegeben und alles gibt es für jeden. Nichts bleibt für mich. Nichts ist wirklich meins. Ich suche mich und doch schaue ich auf die Frisur anderer, sehe auf die Schuhe anderer, rieche das Parfüm anderer und beachte den Körper anderer. Und was mir daran gefällt, soll anderen an mir gefallen. Als könnten all die guten Seiten der anderen meine schlechten besser machen. Was mir gefällt, will ich für mich. Von den anderen suche ich mir aus, was mir an ihnen gefällt und nehme es für mich. Bis ich mir gefalle und damit auffalle. Und dabei verfalle ich nur den anderen. Ich bin nicht ich, sondern bin tausend Teile. Tausend Teile anderer. Eine abgeguckte Frisur, nachgekaufte Stiefel und fremdes Parfüm sind nur drei Teile von drei Personen, die in mir zu einer werden. Zu mir. Ein Bild von mir vervollständigen wie ein Puzzle. Und wenn jedes Teil zum anderen passt, habe ich zu mir gefunden. Zu mir selbst. Und ich bin ich. Ein Mensch, der an seinem Äußeren arbeitet, aber nicht an seinem Inneren. Der die harte Schale noch fester werden lässt statt den weichen Kern zu stärken. Die Haare glänzend pflegt, um Schwächen zu überstrahlen, statt selbst zu (er)scheinen. Die Haut mit Make-up verdeckt, um reiner auszusehen, statt zu Narben zu stehen. Die Augen betont, um gesehen zu werden, statt selbst die Augen zu öffnen. Die Lippen bemalt statt Worte aus ihnen hervorzubringen. Die Nägel lackiert, um sie zu festigen statt den Charakter. Den Körper verhüllt, um seine Existenz zu verheimlichen, statt ihn zu präsentieren. All unsere Ängste und Sorgen, Probleme und Nöte können wir nach außen hin verbergen. Durch eine freche Frisur zeigen, dass uns keiner etwas zu sagen hat. Durch hohe Stiefel, dass wir den Überblick behalten. Durch ein angenehmes Parfüm, dass wir dufte sind. Und durch unsere Figur, dass wir diszipliniert sind. Nach außen können wir alles sein. Alles, was man verändern kann. Mit Haut und Haar. Aber innerlich bleiben wir Fleisch und Blut. Innerlich müssen wir aushalten, was uns gegeben wurde und genommen wird, wenn wir nicht mehr sind.

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24.10.09 12:43

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