* Leb(kuch)ensgeschichte *

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Und das wars. Das war 2009. Das war das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Das waren die Jahre, in denen ich erwachsen wurde. Das Erwachsenwerden mit der Ess-Störung. Und nun ist es das Leben mit ihr. Es ist an der Zeit, zurückzusehen, auf das, was war und wie es zu dem wurde, was es ist. Zu einer Ess-Störung. Zu dem essgestörten Verhalten, dass mich über drei Jahre verteilt zusammen gezählt insgesamt 54kg abnehmen und insgesamt 22kg wieder zunehmen ließ. Und das ist noch nicht das Endergebnis...
 
 

1999     Schulwechsel und Wiederholung der achten Klasse

2000     Kontaktabbruch zur letzten und einzigen Freundin

2001     die bislang größte Liebe des Lebens zu einem Lehrer

2002     Schulabschluss mit mittlerer Reife dank eines bürokrat-

ischen Fehlers

2003     Ausbildungsplatz abgelehnt, berufliche Orientierung

durch Praktika

2004     Beginn der dreijährigen Ausbildung zur examinierten

Altenpflegerin

2005     Gewichtszunahme wird erstmals durch Einreißen der

Haut sichtbar

2006     Abbruch eines Praktikums im Krankenhaus nach

Mobbing

2007     Eintritt in die Berufstätigkeit nach bestandenem Ex-

amen. Abnahme von 40kg in acht Monaten durch

Entstehung der Ess-Störung. Anschließende Zunah-

me von 10kg in zwei Monaten durch Einsetzen erster

Fressanfälle.

2008    erste Versuche, Gewicht zu halten. Hunger- und Fress-

phasen wechseln. Zunahme von 5kg durch Verzicht auf

Gewichtskontrollen. Beginn zweiter anorektischer Phase,

Abnahme von 7kg.

2009    anhaltende anorektische Phase, Gewichtsverlust von

weiteren 7kg. Erreichen des bisher niedrigsten Gewichts.

Zunahme von 7kg bis Ende des Jahres durch größere

(gesunde) Mahlzeiten. 

2010     Ich habe keinen Vorsatz gefasst, was ich im nächsten

Jahr um diese Zeit in diese Zeile schreiben möchte. Ich

glaube, wenn man essgestört ist, wird das ganze Leben

zu einem einzigen Vorsatz. Das vorsätzliche Weniger-

werden von Essen und von einem selbst. Vielleicht wäre

es da Vorsatz genug für alle Essgestörten, vorsätzlich

keine Vorsätze mehr zu machen.


Das ist der Rückblick auf zehn Jahre eines jungen Lebens, das von vielen hätte gelebt werden können. Ein Lebenslauf vom fünfzehnten bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr, den viele hätten aufstellen können. Die Worte hinter den Jahreszahlen könnten Überschriften für Kapitel eines Buch sein, das von vielen hätte verfassen können. Ein Tagebuch vielleicht, das viele hätten schreiben können. Das eines jungen Mädchens, das viele hätten sein können. Eines normalen Mädchens, das wie viele andere ist und ein Leben lebt, das viele andere haben. Es ist das Erwachsenwerden von vielen. Deins hätte es gewesen sein können. Es ist ein Mädchen von vielen. Du hättest es gewesen sein können. Du hättest das Mädchen sein können, deren schulische Leistungen mit fünfzehn Jahren nachließen, weil es andere Interessen zu entwickeln begann, wie jedes andere Mädchen ihres Alters auch. Das Mädchen, das wie jedes andere öfter in den Spiegel sah als in seine Schulbücher und wie jeder junge Mensch nur den nächsten Tag plante anstatt seine eigene Zukunft. Es musste erstmals die Folgen seines Handelns selbst tragen lernen, nachdem es nicht in die nächste Klassenstufe versetzt worden war und das Schuljahr wiederholen musste, wie viele andere seines Jahrgangs auch. Das Mädchen entschied, die Schule zu wechseln, um nicht wieder von den gleichen Lehrern beurteilt zu werden, wie jede andere Schülerin. Es merkt, dass der Neuanfang es selbständiger macht, wie vieles andere auch. Aber es ist nur ein unbedeutender Schritt zum Erwachsenwerden unter vielen. Dann kündigt das Mädchen irgendwann seiner besten und einzigen Freundin nach 15 Jahren die Freundschaft, wie es viele machen und weiß später nicht einmal mehr, warum. Bis heute hat es keine neue gefunden, obwohl viele andere es werden wollten. Das Mädchen ist lieber allein und möchte auch nichts anderes mehr sein. Die neue Schule ist eine von vieren in der Stadt. Dort gibt es einen Lehrer unter vielen, der sein Deutschlehrer wird. Das Mädchen spürt sofort, dass dieser eine nicht einer von vielen für sie bleiben wird. Bald verliebt es sich in ihn, wie es vielen jungen Mädchen passiert. Es schämt sich für seine kindlichen Schwärmereien, wie für vieles andere auch. Doch noch Jahre später merkt es, dass es seinen ehemaligen Lehrer noch immer liebt, wie keinen anderen zuvor und danach. Es war die Liebe seines jungen Lebens, wie nur wenige sie kennenlernen dürfen. Das junge Mädchen ist nun siebzehn, wie viele andere jetzt auch. Es wird bald erwachsen sein, wie viele andere es auch sind. Nur es fühlt sich nicht so wie viele andere. Das Mädchen macht seinen Realschulabschluss, wie viele andere mit ihr, nur, dass sein Notendurchschnitt dafür eigentlich nicht reicht, wie bei vielen anderen auch nicht. Seine Lehrer haben es zu spät bemerkt, wie vieles andere auch und müssen nachträglich Zensuren auf seinem Zeugnis besser machen, als sie eigentlich waren. Denn um das Mädchen noch durchfallen zu lassen, war es längst zu spät, wie für vieles andere auch. Es lässt seine Schulzeit nun hinter sich, wie viele andere Schüler, und glaubt, wie alle anderen, die Welt stünde ihm offen, wie so vielen anderen auch. Aber diese Welt wird dem Mädchen zu groß, wie vieles andere auch und es weiß nicht, was seine Welt werden soll. Das Arbeitsamt sagt, es muss die Welt der Arbeit werden, wo all die anderen sind. Aber es fühlt sich nicht fähig, sich für einen Beruf zu entscheiden, den viele andere ergriffen haben und eine Ausbildung zu beginnen, wo sie auf viele andere trifft. Das Mädchen hat Angst, wie vor vielem anderen auch, zuwenig Zeit für sich selbst zu haben, wie für vieles andere, und Angst, wie viele andere vor allem Neuen und allen Neuen. Deswegen sagt es wie viele andere Auszubildende kurz vor Antritt der Ausbildung zur Friseurin eine Lehrstelle von vielen ab. Aber die Erleichterung ist wie vieles andere nur von kurzer Dauer. Dem Mädchen gibt man keine Zeit, wie für vieles andere nicht, seine eigenen beruflichen Perspektiven zu entwickeln und drängt es, wie zu vielem anderen auch, in ein Praktikum nach dem anderen. Es macht, wie vieles andere, wie immer, was von ihm erwartet wird und bekommt dadurch, wie durch vieles andere, das Angebot, eine examinierte Altenpflegerin von vielen zu werden. Drei Jahre lang macht das Mädchen, das eigentlich schon eine junge Frau unter vielen anderen sein sollte, diese Ausbildung mit vielen anderen zusammen. Erstmals wird ihm deutlich, wie vieles andere auch zu diesem Zeitpunkt, dass es anders ist als all die anderen dort. Es kann sich nicht wie viele andere für das interessieren, was all die anderen beschäftigt. Das Mädchen wird nicht gemocht, wie nur wenige andere, weil es nichts zu dem zu sagen hat, über dass die vielen anderen sprechen. Die Themen der anderen sind ihm kein Wort wert, wie vieles andere von ihnen ihm nichts wert ist. Sie denken, es sei arrogant, wie viele andere Tussis, dabei ist es nur so schüchtern, wie viele, die sich nichts zu sagen trauen. An einem Tag wie viele andere bemerkt das Mädchen auf einmal rote Striche auf seinem Bauch, wie viele Schwangere sie haben. Es ist nicht schwanger, wie andere, sondern wird nur dicker wie alle anderen Menschen, die zu gerne zu viel essen. Seine Haut reißt ein, wie es bei vielen anderen rote Spuren hinterlässt. Das Mädchen kann sich dies wie vieles andere nicht erklären und verdrängt es wie alles andere auch. Es betrachtet sich nicht mehr nackt, wie viele andere, die ihren Körper nicht mögen. Aber zwei Jahre später kommt wieder solch ein Tag, wie es schon viele von ihnen gab, der ihm deutlich macht, wie nichts zuvor, dass es immer dicker wird, wie viele andere übergewichtige Menschen auch. Das Mädchen will weniger essen, weniger als alle anderen, aber es glaubt wie viele andere nicht an sich selbst. Es versucht abzunehmen, wie so viele andere es auch wollen, aber es ist besser darin als alle anderen und es wird immer besser als all die anderen es jemals sein könnten. Vorher war das Mädchen eins unter vielen, bis es eine Diät von vielen begann. Es konnte sie besser durchhalten als es die anderen können und wurde so dünn, dass alle anderen es beneideten. Das Mädchen wurde einzigartig. Einzigartig unter all denen, die es auch gern wären. Bis es nicht mehr die Beste im Abnehmen war, wie keine andere zuvor, sondern wieder nur eine von vielen wurde. Eine von vielen, die abnehmen wollte, wie viele andere vor ihm auch, doch nicht mehr aufhören konnte, zu hungern, wie vorher nicht mit dem Essen aufhören zu können. Und heute ist es schon wieder nur eins von vielen. Ein Mädchen unter vielen essgestörten Mädchen. Du hättest es sein können, dieses Mädchen, das essgestört wurde. Auch, wenn ich es war. Denn Ess-Störungen treffen nicht nur viele andere, sondern viele andere Ess-Störungen treffen auch dich. Auch wenn sie mich getroffen haben. Aber jetzt treffe ich dich hier und sage dir, du solltest dich nie auf solch ein Treffen einlassen. Die Ess-Störung könnte dich treffen. Und das mitten ins Herz.

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4.1.10 00:03

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Miss Breakable / Website (4.1.10 00:35)
Das hast du wieder sehr toll geschrieben, besonders deine letzten Sätze gefallen mir sehr gut. Ich weiß nicht, ob ich mich noch davon angesprochen fühlen sollte, oder ob es bei mir nicht schon zu spät ist dafür...
Jedes Mädchen, das abnehmen will, sollte diese Sätze lesen, damit es sich im Klaren darüber ist, wo es nicht hineinrutschen sollte!
Die letzten 10 Jahre deines Lebens waren anscheinend ziemlich krass, durch sehr emotionale Geschehnisse geprägt... Ich wünsche dir, auch wenn du keine Vorsätze hast für dieses oder die nächsten zehn Jahre, dass die Jahre schön werden für dich und du dein Leben genießen kannst!
<3


KaDse / Website (5.1.10 10:27)
ach, das ist mir alles so bekannt..
ich habe bis heute diese phasen des zunehmens.
das ist ein witz, wie dumm die menschen sind, die einen umgeben. sobald ich mal wieder 5 kilo mehr habe bin ich einfach keine sensation mehr. sind diese 5 kilo wieder weg und ich werf noch 2 hinterher - schwupp - ich bin die party des jahres!
traurig, dass die mich so traurig machen.

ich hoffe, dass die nächsten zehn jahre und alle weiteren zehn jahre danach, die allerbesten für dich werden. ich wünsche dir liebe, ich wünsche dir aufmerksamkeit, ich wünsche dir nähe, die du zulassen kannst. ich wünsche, dass sich all das erfüllt, was du dir wünschst und dass du aus deinem tiefsten inneren heraus glücklich sein kannst.

allerliebsten grüße <3


menschen.kostuem / Website (5.1.10 13:26)
Sehr bewegend..
Außerdem löst dieser Text ein komisches Gefühl aus..so ein Gefühl einer gigantischen Einsamkeit..
Liebe Grüße
Lia


Sas / Website (8.1.10 15:13)
Oh, das tut mir leid, ich habe gerade erst gesehen, dass ich eine Mail von dir bekommen habe, und das auch nur, weil du einen Kommentar auf meinem Blog hinterlassen hast. Hätte nicht gedacht, dass jemand schreibt (es ist einer meiner unzähligen Mail-Accounts, ich schaue das eigentlich nie rein.)
Ich werde dir im Laufe des Tages noch antworten.


KaDse / Website (14.1.10 19:13)
...wo bist du nur?

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