Dicker als Blut? Dick genug zum Bluten!

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Ich glaube, ich werde nicht sterben. Nicht an der Ess-Störung. Nicht an der Magersucht. Dafür bin ich nicht mager genug und die Sucht nicht stark genug. Ich glaube, vorher sterbe ich an Überfettung und am Überessen. Denn ich esse wieder übermäßig fett und übermäßig viel. Die Kraft meines Körpers, mich immer wieder zum Essen zu bringen, um überleben zu können, scheint größer, als die Sehnsucht meiner Seele, mich immer weniger werden zu lassen. Es muss der panische Überlebenskampf meines Innersten sein, denn ich äußerlich nur als überwältigenden Heißhunger wahrnehme. Ein ohrenbetäubender innerlicher Schrei, der äußerlich ein überhörbares Flüstern ist. Von außen betrachtet ist es einfach nur unstillbares Verlangen, das mich erstmals wieder essen lässt. Aber von innen gesehen scheint es der verzweifelte Drang eines ausgezehrten Organismus zu sein, mehr Energie einzufordern. Eigentlich ist es einfach nur essen, um zu überleben. Aber es ist leben geworden, um sich zu überessen. Ein Leben, das im Oktober das Licht der Nahrungsvielfalt erblickte. Nennen wir das Kind beim Namen: Es war der Heißhunger, der geboren wurde. Er wurde von meinem diätisch orientierten Essverhalten gezeugt und entwickelte in meinem Bauch einen ausgewachsenen Appetit. Ich aß nicht anders und nichts anderes, aber ich aß immer mehr und immer öfter. Die Portionen wurden größer und ich wurde schwerer. Bald konnte ich mich nicht mehr wiegen, weil mein Magen einfach immer gefüllt war. Diese Auszeit vom Wiegen und vom Hungern tat gut. Es konnte ja keinen Schaden anrichten. Es war nur Obst, das ich aß. Aber es war zu viel Obst für zu wenig Körper. Zu viel Energie für zu wenig Bedarf. Das Zuviel an Obst machte mehr aus meinem Körper. Als ich eines Morgens meinen Bauch leer glaubte, musste ich feststellen, dass vielleicht mein Bauch leer, aber meine Fettreserven es nicht mehr waren. Mein Körper hatte das Obst in mir zu Fett gewandelt und mich fett verwandelt. Heimlich hatte er sich Winterspeck zugelegt und sich damit mit mir angelegt. Drei Kilo hatten mir die vollen Obstschüsseln eingebracht, von denen ich mich ausschließlich ernährt hatte. Dass eine Zunahme durch gesunde Rohkost überhaupt möglich ist, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, so lange ich mich daran sättigen würde, könnte ich Fressanfällen vorbeugen. Dass es sich jedoch längst um Fressanfälle gehandelt hatte, wird mir erst jetzt im Nachhinein bewusst. Das Zunehmen akzeptierte und ignorierte ich irgendwie. Ich akzeptierte es, weil es eine gesunde Zunahme war und ich ignorierte es, weil eine unerwartete Niederlage war. Wenn ich von Obst zunahm, war es leichter zu akzeptieren, als wäre es durch Süßigkeiten dazu gekommen. Aber es war frustrierend, weil ich bisher davon abgenommen hatte, wodurch es besser zu ignorieren war. Das Weihnachtsfest machte es meinem Körper dann ganz einfach. Er musste nicht mehr aus Obst Fett machen, sondern konnte das Fett aus dem Essen direkt in die Fettzellen schleusen. Zehn Kilo Fett. Mit zehn Kilo mehr gehe ich ins neue Jahr. Vor drei Monaten blickte ich noch auf mein niedrigstes Gewicht auf der Waage, heute sehe ich schon auf den rotbraunen Blutfleck in meiner Unterwäsche. Ich bin so dick geworden, dass es mich gleich wieder zur Frau gemacht hat. Ich habe meine Menstruation. Für dich wären die paar Tropfen eine kleine normale Zwischenblutung, für mich ist dieses Blutbad eine große entsetzliche Katastrophe. Zu bluten ist für mich der unangenehme Beweis, dass es jetzt soweit ist. Dass ich mittlerweile so viel Fett angesetzt habe, dass meine Hormone wieder einen Zyklus in Gang gesetzt haben. Vor genau einem Jahr hatte ich das letzte Mal meine Tage. Ich hatte schon fast vergessen, dass sie eigentlich zu meinem Leben als Frau gehören sollten. Ihr Einsetzen heißt nicht, dass meine Hormonproduktion einen regelmäßigen Zyklus aufrechterhalten kann. Aber diese Tatsache ist eigentlich eine der wichtigsten Argumente, mich sofort wieder auszuhungern, um mich zu entweiblichen. Ich habe nämlich nicht vor, jetzt wieder einmal monatlich diesen wenig erfreulichen Teil der Weiblichkeit zu zulassen. Mich mit Stimmungsschwankungen und Menstruationsbeschwerden zu belasten. Jetzt, wo ich wieder so weibliche Rundungen habe, dass sie mich sogar wieder fruchtbar machen, frage ich mich ernsthaft, was noch alles passieren muss, damit ich endlich wieder einen Grund zum Abnehmen sehe. Im Spiegel sehe ich ihn nicht, aber auf der Anzeige der Waage. Das scheint selbst meine Mutter einzusehen. Meine Mutter sagt, so dünn sah ich elend aus. Jetzt sagt sie, hätte ich wieder Grund abzunehmen. Von den zwei Wochen, die das Jahr nun alt ist, haben mich an sieben Tagen Fressanfälle überwältigt. Das ist kein Zeichen dafür, dass es mir schlecht geht. Mir ist nur vom Essen schlecht. Mir selbst geht es gut. Aber es gibt immer einen Grund, sich schlecht genug zu fühlen, um fressen zu können. Und jedes Mal fresse ich mehr, weil es jedes Mal das letzte Mal sein soll. Jedes Mal muss ich alles aufessen, damit es kein nächstes Mal geben kann. Aber noch bevor das nächste Mal ist, kaufe ich wieder alles dafür ein. Ich stelle es mir jedes Mal so leicht vor, den Hunger einfach auszuhalten. Ich freue mich fast auf die Leere in mir. Aber wenn der Hunger nicht nur ein Zeichen von einem leeren Bauch ist, sondern von leeren Energiereserven und der Hunger beginnt, wie ein rauer Stock auf dem Grund des Magens sich in die Eingeweide zu bohren und schmerzhaft an ihnen zu reißen anfängt, wird nicht nur der Körper schwach. Sieben Tage hielt ich aus. Aber es waren Qualen, die nicht belohnt wurden. Mein Gewicht ist unbeeindruckt. Vor lauter Verzweiflung habe ich sogar schon in Erwägung gezogen, es einfach nur noch zu halten. Aber ich kann es nicht. Ich kann nur zunehmen oder abnehmen. Abnehmen, um wieder zunehmen zu dürfen und zunehmen, um wieder abnehmen zu müssen. Es ist immer nur der Weg, der das Ziel ist. Aber ich komme niemals an. Ich komme niemals bei mir selbst an.

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16.1.10 18:56

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ay / Website (16.1.10 19:03)
Hey. Erstmal beeindruckender Text. Ich kann denke ich gut verstehen was du da schreibst. Außerdem, tolle Seite! Vllt Lust auf eine Verlinkung?
Lg, Ay.


vogel (17.1.10 13:38)
Vielleicht wirst du dich angegriffen fühlen, wenn ich es dir schreibe. Aber diese 10 Kilo lassen dich in meiner Vorstellung um so vieles menschlicher werden. Ja, deine letzten Einträge haben sich mit deinem Gewicht mit verändert. Ich mochte die Einträge, die dein niedrig gewichtiges Ich schrieb. Aber dieser Eintrag ließe so viel Gehässigkeit zu, dass er mich menschlich mehr rührt als die anderen Einträge.
Und ich bin gespannt, ob es wieder das Fett sein wird, welches du abermals bekämpfen möchtest.

Liebe Grüße


KaDse / Website (17.1.10 15:10)
ach, wie wir halt einfach das selbe durchmachen.
so blöd das klingt: ich habe sogar wieder lust auf sex! auf meinem leeren brustkorb stehen plötzlich runde dinger hab die meine t-shirts spannen lassen und mein hintern fühlt sich beim sitzen an, als hätte ich ein gel-kissen auf dem stuhl liegen.
ich fühle mich merkwürdig.
irgendwo ist es mir egal, weil es mir körperlich so viel besser geht. andereseits denke ich, sehe ich schrecklich aus. zumindest normal. und normal will ich beim besten willen nicht sein...
btw: ist deine mutter eine fiese ziege?? ich glaube wohl kaum, dass du mit deinen 10 kilo mehr einen wahrhaftigen grund zum abnehmen hättest.

kind, esse so lange du hungrig bist. ärger dich nicht, lass es einfach zu.
erspar dir den ganzen kram einfach.
übergewichtig wirst du mit sicherheit nie wieder. das glaube ich nicht.

liebste grüße und lass es dir gut gehen, egal auf welche weiße.


menschen.kostuem / Website (17.1.10 17:23)
Oh,das kann ich so gut nachvollziehen..
ich nehme auch nur ab um wieder zunehmen zu dürfen und andersrum..
ich glaube,DAS ist der Teufelskreis..


Quejosa / Website (8.3.10 17:34)
Hey, dieser dein Eintrag ist zwar schon fast zwei Monate alt, aber als ich ihn grade las, konnte ich jedes Wort davon nachempfinden und mich darin wiederfinden, was du schreibst ist so wahr..! das wollte ich dich wissen lassen...
Liebe Grüße

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