* süße (Un)Schuld *

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Gestern habe ich es ihr gesagt. Gestern, nachdem es wieder passiert ist. Gestern, vor den Tiefkühltruhen und hinter dem Gemüsestand. Zwischen Fertigpizzen und Wassertomaten. Gestern, während Hausfrauen ihre Einkaufslisten abhakten und Rentner ihr Kleingeld abzählten. Gestern, als sie stöhnend einen Karton Waschpulver vom anderen Ende des Ladens zum Einkaufswagen schleppte, anstatt den Einkaufswagen zum Waschpulver zu schieben. Gestern, als ich mich unsicher mit den Hygieneartikeln vertraut machte, anstatt nach irgendwelchen Slipeinlagen oder Tampons zu greifen. Sie führte sich auf wie eine junge Mutter, die zum ersten Mal für ihre kleine Familie den Wochenendeinkauf organisieren würde müssen, mit dem Vorsatz, es ihnen an nichts fehlen zu lassen, während ich mich wie ein dreizehnjähriger Teenager verhielt, der sich zum ersten Mal eine Binde in den jungfräulichen Slip kleben würde müssen, in dem Glauben, ein o.b. würde diese Unschuld nehmen. Unsere Blicke trafen sich, als ich gerade mutig die Hand nach einer großen Vorratspackung SuperPlus-Tampons ausstreckte, während sie zeitgleich nach einem Liter Milch griff. Dabei fiel mir erstmals der Zusammenhang auf, warum Milchprodukte und Menstruationswatte in diesem Geschäft in direkter Nachbarschaft zueinander stehen. Die Milch machts und jetzt kommts dicke: Ohne fette Milcherzeugnisse, die zuhause im Kühlschrank lagern, keine blutigen Zwischenfälle, die in die Hose gehen. Früher war ich ein richtiges Milchmädchen mit regelmäßiger Periode, jetzt bin ich eine falsche Magersüchtige mit unregelmäßiger Amenorrhoe. Früher konnte ich die Uhr danach stellen. Heute könnte ich die Uhr zurückdrehen. Und gestern habe ich es ihr dann gesagt. Gestern, nachdem es wieder passiert ist. Nachdem zum zweiten Mal in diesem Jahr meine Tage eingesetzt haben. Gestern. Nachdem ich zum zweiten Mal hintereinander meine Tage bekommen habe. Gestern. Beim ALDI. Vor den Tiefkühltruhen und hinter dem Gemüsestand, zwischen Fertigpizzen und Wassertomaten lüftete ich eines der letzten Geheimnisse um meine Ess-Störung. Drei Jahre lang habe ich es verheimlicht. Ich wollte Tampons Monat für Monat verschwinden lassen, damit sie sieht, dass ich welche benutze. Ich wollte in ihrem Beisein Monat für Monat neue kaufen, damit sie sieht, dass ich welche brauche. Jetzt benutze und brauche ich wirklich welche. Und jetzt habe ich es ihr gesagt. Gestern. Beim ALDI. Jetzt, wo es nichts mehr zu verbergen gibt. Jetzt, wo ich es hätte für mich behalten können. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie bekommen habe. Gestern. Ganz überraschend hat es angefangen zu bluten und ganz plötzlich hab ich angefangen zu sprechen. Sie hat gesagt, dass sie sich immer vorgestellt hat, es wäre eine Erleichterung, mit dem Kommen der Wechseljahre die Menstruation gehen zu sehen. Und sie hat gesagt, genau so ist es auch. Und als sie damit sagte, keine mehr zu haben, sagte ich, keine mehr gehabt zu haben. Jahrelang nicht. Ich hatte keine Angst vor ihrer Antwort darauf. Ich hatte nur Angst vor ihrer Frage danach. Danach, ob ich nicht endlich aufhören wolle. Aufhören mit dem Hungern. Angst vor der Frage, wie krank ich wohl sei. Aber es kamen keine Fragen. Und so gab es auch keine Antworten. Es gab nur eine Feststellung von ihrer Seite. Sie könne es sich vorstellen. Könne sich denken, dass meine ständigen Diäten Folgen hätten. Ich dachte immer, es wäre eine Folge, die für sie nicht zu akzeptieren sei. Die Folge, unfruchtbar zu sein, Osteoporose zu bekommen, zurückgebildete Geschlechtsorgane zu riskieren, ungeschützt vor Arteriosklerose und Herzinfarkt zu sein. Das sind die Folgen eines gestörten Östrogenhaushalts. Sie kennt nur die Folgen eines unordentlichen Familienhaushalts. Sie weiß gar nichts. Ich weiß, dass sie nichts von dem hört, was ich über das Hungern und Essen sage und doch ist sie nicht taub. Ich weiß, dass sie nichts von dem sieht, was sich vor ihren Augen abspielt und doch ist sie nicht blind. Ich weiß, dass sie nichts von dem versteht, was ich ihr über die Ess-Störung erzähle und doch ist sie nicht dumm. Sie weiß es nicht. Sie weiß gar nichts. Und doch alles über mich.

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27.2.10 17:59

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


/ Website (27.2.10 19:25)
Du hast eine wunderschöne Art zu schreiben.


fragile.wings / Website (27.2.10 21:12)
Meine süße Unschuld,
ich fühlte mich gerade so, als ob ich auf einer Fensterbank sitze & still-lächelnd einen Roman lese. Es ist überwältigend wie mich deine Worte in ihren Bann ziehen. & es scheint, als verlangen sie nichts dafür..
Außenstehende sind so oft überfordert, nicht selten endet es in grauer Ignoranz oder roter Anschuldigung, sie wissen nichts & doch sehen sie alles. Es ist nicht deine Aufgabe, sie aufzuklären, konzentriere dich auf dich..
Ich denke an dich, mein unschuldiges Schokoladen-Mädchen. Hab noch einen schönen Abend.
Deine sehnsüchtige fragile.wings


Miss Lily / Website (28.2.10 04:58)
Hallo (:
Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich war auch nicht wirklich in der Laune, noch wegzugehen. Aber zum Glück wurde ich überredet, ich habe stundenlang durchgetanzt, hoffentlich zeigt sich das morgen dann wenigstens etwas auf der Waage (:
Zu dir muss ich sagen, ich finde es toll, dass du mit ihr darüber geredet hast. Ich nehme mal an, das war deine Mutter? Ich hätte mir für dich gewünscht, dass sie mehr Anteilnahme an allem zeigt und auch mal nachfragt. Aber vielleicht ist sie damit auch einfach überfordert und weiß gar nicht, was sie tun soll. Ich finde es toll, dass du deine Periode wieder (regelmäßig?) bekommst, das ist ein echt gutes Zeichen!
Ganz liebe Grüße,
Lily ♥


Greta / Website (7.3.10 16:19)
hey,
ich hab deinen kommentar bei menschen.kostuem gelesen und bin neugierig geworden. es macht freude deine worte zu lesen. ich werde nun wohl öfter vorbeikommen, um zu lesen
liebe grüße,
greta


Arya / Website (13.11.11 00:39)
Ich habe bis jetzt keinen Text von dir gefunden, der mich nicht wie gebannt hat auf den Bildschirm starren lassen. Auf irgendeine Art und Weise fühle ich mich in ihnen zuhause. Einige Dinge kenne ich, kann sie förmlich spüren, viele sind jedoch kaum greifbar und verängstigen mich. Jedenfalls ist es wie ein Schlag gegen den Kopf, einzusehen, dass die eigene Mutter es nicht versteht und nie verstehen wird. Wer es nicht kennt, wird es auch nie ganz nachvollziehen können.

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